... wie schmelzen Deine Blätter

© 1991 Friedhelm Schneidewind

LESUNG Stadtbücherei Heidelberg
»Literarisches Doppel«, 11.11.2010, MP3: 6:50 Min. · 5,5 M


»Scheißgestank! Hättest du nicht Opiumgeruch wie bei meinen Kerzen nehmen können? Das ist ja pedleresk!«

Frank fummelte wild mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. Ich sah von dem langsam zerfallenden Joghurtbecher auf und blickte meinem grinsenden Bruder in sein verschwitztes Gesicht.

»Ich will hier keinen Parfümwettbewerb gewinnen, sondern den Töpferpreis, du Depp! Und ich glaube, ich bin nahe dran. Überhaupt, was ist das – pedleresk?«

»Meine Erfindung. Ich hab’ da so ein Buch gelesen von zwei Typen aus England oder so. Und einer hieß Pedler. Ausländer zwar, aber es ist schon ewig her, und trotzdem gut gemacht. Da erfindet einer auch so’n Bakterienzeugs. Und dann fallen die Flugzeuge vom Himmel.«

»Was tun die?«

»Die fallen vom Himmel. Weil sich das Plastik zersetzt und Wasserstoff entsteht. Knallgas, verstehst du? Bum! Und die U-Bahn in London geht hoch, und es gibt Katastrophenalarm – bis sie so ein Zeug finden, das die Bakterien alle killt.«

»Und warum erzählst du mir das jetzt?«

»Weil ich überlegt hab’, ob so was mit deinen komischen Bakterien nicht auch passieren kann. Die sind auch harmlos, und dann mutieren sie und zerfressen Plastik, oder Gummi, oder Stoff, oder was weiß ich ...«

»Quatsch. Du weißt ganz genau, dass die neuen genetischen Baukästen sicher sind. Sonst dürften die die doch gar nicht verkaufen. Und die haben doch extra Sicherheitsvorkehrungen drin. Schau, die Bakterien hier geh’n nach 24 Stunden ein, wenn ich sie nicht mit dem speziellen Zusatz füttere. Deshalb sind die Kästen ja auch so teuer...« Ich hielt Frank eine Flasche mit »Zusatz E-218« unter die Nase.

»Ja, ich weiß. Und der Bundeskanzler weiß auch immer, was er macht, und wenn er alle aufruft zur Lösung des Müllproblems, ist es schon in Ordnung... Jeder denkt, er kann den Töpfer- oder gar den Nobelpreis gewinnen, und die chemische Industrie und dieser Genetikpapst in Oklahoma lachen sich ins Fäustchen.«

Ich sah Frank erstaunt an. So kannte ich meinen kleinen Bruder gar nicht. Für mich war er nur ein sechzehnjähriger Skinhead mit dummen ausländerfeindlichen Sprüchen, der nie genug nachdachte. Und nun dies ...

Ja, ich weiß, Du fühlst dich jetzt vielleicht beleidigt, dass ich so über Deinen Vater schreibe. Aber es ist lange her. Damals waren wir jung, und die Welt war noch in Ordnung, und es gab noch Kugelschreiber und Autos und Computer und... na, eben alles, wo was aus Kunststoff war. Und leider auch Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus und Rechtsradikale wie Deinen Vater. Und jede Menge Deppen wie mich – grün angehaucht, ohne wirklich etwas kapiert zu haben. Und besessen von dem Wunsch, die Menschheit zu retten. Mit den neuen Heimbaukästen für genetische Züchtung das ideale Bakterium zur Müllzerstörung zu finden, am besten damit gleichzeitig alle Hungerprobleme zu lösen und so nebenbei noch Krebs und AIDS zu besiegen.

Was waren wir für Idioten! Nützliche Idioten – denn wir hatten nichts begriffen. Nichts von der Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt, nichts von der wahren Natur der Umweltzerstörung. Technokratischer Blödsinn, blinder Fortschrittsglaube, oft genug, so unvereinbar das scheint, gemischt mit esoterischem Unsinn ... Wer wollte denn sehen, dass z. B. der Hunger mit politischem Willen zu bekämpfen gewesen wäre, dass nicht ein Kind hätte verhungern müssen, wenn wir nur richtig verteilt hätten, was wir hatten, dass die Überbevölkerung nicht das eigentliche Problem war, sondern nur ein Alibi ... Die es sahen, wollten es entweder nicht ändern – wenn sie an der Macht waren –, oder man hörte nicht auf sie.

Aber ich wollte Dir ja erzählen, wie es zur großen Katastrophe kam. Nenn es, wie du willst – für mich bleibt es eine Katastrophe. Auch wenn es am Anfang harmlos aussah. Ich weiß noch, wie ich den Töpferpreis bekam. Wie sagte doch der Bundeskanzler? »Auch wenn es einige unangenehme Nebenwirkungen gibt, wie den Geruch nach Schwefelwasserstoff oder die Tatsache, dass auch einige Kunststoffe angegriffen werden, die noch Verwendung finden, so ist doch die Potenz Ihrer Erfindung in ihrer Bedeutung für die Müllvernichtung noch gar nicht abzusehen.«

Wie recht er hatte. Nur dass die Biester nicht nur Müll, sondern später jeden Kunststoff vernichteten. Jetzt sitze ich hier vor meinem Kohleofen im Kerzenschein und schreibe Dir die versprochene Weihnachtsgeschichte – die Geschichte, wie es zu der Welt kam, wie Du sie kennst. Und es fällt mir schwer. Du lernst in der Schule, wie es früher war, und kannst es doch nicht verstehen.

Was weißt Du schon von Ausländerfeindlichkeit, wenn Du nie weiter als bis Straßburg gekommen bist – mit dem Fahrrad? Wie kannst Du begreifen, was ein Bundeskanzler war, wenn Du in Saarbrücken in der Hauptstadt einer eigenständigen Republik lebst mit einer halben Million Einwohner?

Vielleicht hat Dein Vater recht. Vielleicht ist ja alles ganz gut so. Vielleicht ist eine Welt ohne Kunststoff eine bessere Welt, mit weniger Ausbeutung der Rohstoffe und der Menschen, weniger kapitalistischen Warenströmen, weniger Menschen, mehr Zeit ... Aber auch ohne Musik von Platten oder CDs, ohne hochentwickelte Medizin ... Ich vermisse vieles.

Ich habe das nicht gewollt. Ich war dumm, wie die meisten meiner Zeit, die die Gefahren der Gentechnologie sträflich unterschätzt haben. Alles im Griff, hieß es. Nachdem es jahrelang Warnungen gegeben hatte, taten alle plötzlich so, als wären diese Warnungen übertrieben gewesen. Da wurden Freilandversuche erlaubt und Genmanipulationen – fast unbegrenzt. Dabei hätte es jeder sehen können ...

Das hat nichts mit Religion zu tun, Sünde oder sowas. Alles Quatsch. Kein Gott verbietet den Menschen, zu tun, was sie für richtig halten. Nur der Mensch steht zwischen sich und seiner eigenen Dummheit, zwischen sich und der Zerstörung. Und wenn ein durchgedrehter Wissenschaftler ein Virus oder ein Bakterium erfunden hätte, dass nur Frauen oder nur Schwarze oder nur Rothaarige tötet, hätte ihm kein Gott auf die Finger geklopft. Es wäre auch relativ leicht machbar gewesen, sogar mit diesen Genetikbaukästen, wie sie Anfang der Neunziger auf den Markt kamen und wie ich einen hatte ... Jeder Terrorist mit genügend Menschenhass hätte eine Katastrophe hervorrufen können!

Doch sowas hat keiner getan. Die Katastrophe kam aus Versehen, weil alle die Gefahr von Mutationen unterschätzt haben oder sie unterschätzen wollten. Zumindest alle, die was zu sagen hatten ...

Als ich damals den zerfallenen Joghurtbecher desinfizierte, dachte ich nicht daran, dass da etwas mutiert sein könnte. Dass da was entstanden sein könnte, das keinen Zusatz mehr zum Überleben braucht, das zufrieden war mit dem, was wir ihm boten. Und ich dachte auch nicht daran, als ich Deiner Großmutter half, den Tannenbaum aufzustellen.

Keinen echten, wie er jetzt vor mir steht. Einen aus Plastik – aus Kunststoff, mit vielen bunten Lichtern. Frank und ich hielten nichts davon, aber wir wollten Deiner Oma einen Gefallen tun. Und als wir an Heiligabend kurz bei ihr reinschauten, da dachte ich mir auch noch nichts... wunderte mich nur über den Geruch, dachte, dass wieder mal das Klo undicht wäre. Erst als meine Mutter plötzlich im Singen stockte, mitten in »Oh Tannenbaum«, gerade bei »... wie grün sind deine Blätter«, als sie entsetzt auf den Plastikbaum starrte, als ich sah, wie die Nadeln des Tannenbaums nach unten sanken, so als ob sie schmolzen – erst da begann ich zu begreifen, dass die Welt nie wieder so sein würde, wie ich sie gekannt hatte.


Der Text ist entnommen dem Buch »...wie schmelzen deine Blätter« und auch enthalten in dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit«, beide von Friedhelm Schneidewind und illustriert von Ulrike Schneidewind.

Lesung beim »Literarisches Doppel«, Stadtbücherei Heidelberg, 11.11.10, MP3: 6:50 Min. · 5,5 MB

Lesung im Lesung im Bermudafunk, 08.12.14, MP3: 6:25 Min. · 5,9 MB
Der Textteil der Sendung kann hier heruntergeladen werden: 25:15 Min., MP3: 14,4 MB
Textteil einschließlich der Vertonung der Ballade »Des Pfarrers Tochter von Taubenhain« durch Friedhelm Schneidewind (Uraufführung): 42:44 Min., MP3: 24,4 MB


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