Der Plot des »Kultstückes«
Siehe auch das PHOTOALBUM – CARMILLA als »Bilderstory«
Vorspiel (1852, Friedhof bei Straßburg, vor Sonnenaufgang)
Mircalla von Karnstein wandelt zu in ihrem Sarg und bettet sich zur Ruhe.
Eine schwarzgewandete Gestalt erscheint und pfählt sie.
1. Bild: Ein unerwarteter Besuch (Saargebiet, Jagdschloß, November
1923; Salon)
Laura teilt ihrem Vater, Oberst von Hartmann, mit, dass die sehnlich
erwartete Berta von Spielsdorf nicht kommen kann, da sie sehr krank geworden
sei. Madame de Lafontaine, die Haushälterin, warnt vor spirituellen
Auswirkungen des Vollmondes. Es klingelt, Madame bringt einen Brief: Ein
Freund bittet den Oberst, seiner Nichte Carmilla für ein paar Monate
Gastfreundschaft zu gewähren, da er für einige Zeit in den Untergrund
müsse.
Carmilla erscheint. Die angebotene Erfrischung lehnt sie ab: »Nein
danke, ich trinke niemals – Wein!«
2. Bild: Neue Seiten einer alten Dame (Gegenwart, Wohnung von Franz S.)
Franz S. erzählt einem Freund per Band vom Tagebuch seiner kürzlich
verstorbenen Großmutter Laura, deren Vater in den Hitler-Ludendorff-Putsch
in München verwickelt war und sich dann ins vom Völkerbund verwaltete
Saargebiet ins Exil zurückzog. Sie habe ihm und seinen Kameraden nie
verziehen, dass sie Carmilla ermordet hätten...
3. Bild: Schauergeschichten (1923, einige Tage später; Garten)
Carmilla erzählt Laura Schauergeschichten über eine Krankheit,
die sie müde und sonnenempfindlich mache, und dass sie ihr Zimmer
immer verschlossen halte wegen eines Überfalles auf ihr Elternhaus.
Sie bringt Laura dazu, ihr Kreuz abzulegen; ein erster Annäherungsversuch
scheitert. Laura erzählt, dass in der letzten Zeit angeblich
mehrere Mädchen von Geistern heimgesucht wurden, krank wurden und
starben. Im Dorf geht die Angst vor einer Seuche um. Ein religiöses
Lied vom nahen Friedhof verursacht bei Carmilla einen Anfall.
4. Bild: Spekulationen (Gegenwart, Wohnung von Franz S.)
Franz spekuliert über Carmillas Religion und ihre seltsame Krankheit.
5. Bild: Der Gaukler (Dezember 1923; Salon)
Ein Gaukler bietet allerhand Schund an, so den »Ring, getragen und
gesegnet von der Hand des Königs Salomo, der alle bösen Geister
abwehrt«, oder den »Gürtel, der einem alle Tiere gewogen
macht«. Laura ist eher fasziniert von dem Gaukler, Carmilla gibt
sich gelangweilt – bis er den »jungen Damen Amulette gegen den Blutsauger«
anbietet. Nachdem sie die Amulette getestet, für unwirksam befunden
und also gekauft hat, kann Carmilla sich gut amüsieren – aber das
lässt den Gaukler auf ihre spitzen Zähne aufmerksam werden.
Er bietet Carmilla an, ihr diese abzufeilen, woraufhin sie ihn empört
hinauswirft.
Dr. Zugschwert erscheint und erläutert, die geheimnisvolle Krankheit
müsse eine natürliche Ursache haben, warnt aber die Frauen davor,
das Grundstück zu verlassen. Der Oberst macht sich lustig über
solches »Pfaffengeschwätz« und wird darin von Carmilla
bestärkt.
6. Bild: Eine medizinische Lösung? (Gegenwart, Wohnung von Franz S.)
Franz zitiert aus einem Standardwerk der Medizin:
»Die kongenitale erythropoetische Porphyrie mit ihren klinischen
Symptomen dürfte für die Gruselgestalt des Grafen Drakula Klammer
auf Vampir Klammer zu und des Werwolfs Paten gestanden haben
Komma denn
für Drakula ist das Schlafen bei Tage Klammer auf Photosensibilität Klammer
zu Komma blutige Zähne und Blutmahlzeit Klammer auf Erythrodontie
Klammer
zu und Totenblässe Klammer auf hämolytische Anämie
Klammer zu typisch...«
7. Bild: Das Porträt (Januar 1924; Salon)
Laura liest aus »Dracula« die Verführung
Jonathan Harkers durch die Vampirfrauen.
Ihr Vater bringt ein altes, restauriertes Bild; es zeigt Mircalla von
Karnstein, eine Urgroßtante von Lauras Mutter. Laura ist verblüfft
über die Ähnlichkeit des Porträts mit Carmilla. Diese erklärt,
auch sie stamme von den Karnsteins ab, einer uralten Familie aus Transsilvanien.
Der Oberst unterbricht abrupt das intime Zusammensein; Carnilla erklärt,
abreisen zu wollen. Sie lässt sich aber umstimmen – was den Obersten
zu einer für allen Seiten peinlichen Zurschaustellung seiner Gefühle
veranlaßt.
Sie erzählt Laura von jener Nacht, in der eine grausame Liebe
sie beinahe getötet habe. Sie sei seither nicht mehr dieselbe. Sie
verspricht Laura eine Liebe über den Tod hinaus, der sie nicht entrinnen
werde.
8. Bild: Ein seltsamer Traum (Gegenwart, Wohnung von Franz S./Januar 1924;
Schlafzimmer)
Laura träumt in der folgenden Nacht, sie werde in den Hals gebissen
von einer geheimnisvollen Gestalt, die anschließend durch die verschlossene
Tür verschwinde.
P A U S E
9. Bild: Alles nur ein Traum! (Januar 1924; Salon)
Laura erzählt am nächsten Morgen Mme de Lafontaine von dem Biss.
Diese erklärt alles zum bösen Traum, berichtet aber von Gerüchten,
es spuke nachts. Carmilla erscheint und behauptet, sie sei letzte Nacht
auch fast gebissen worden, das Amulett habe sie aber geschützt.
10. Bild: Diskurs über Vampire (Gegenwart, Wohnung von Franz S.)
Franz telefoniert mit einem Freund:
»Die Vampire von heute sind Politiker, Industriebosse – das sind
die wahren Blutsauger. [...] Unsere westliche Gesellschaft kann doch nur
existieren, weil wir die sogenannte Dritte Welt regelrecht aussaugen. Und
mit den Ländern im Osten machen wir’s jetzt genauso – die kriegen
vom Kapitalismus den schlechtesten Teil. [...] Der Schrecken des Vampirs
ist ein rein spiritueller. Als Mörder ist er gar nicht so schlimm
oder effektiv. Wenn Dracula jede Nacht einen Menschen tötet, sind
das in 100 Jahren noch nicht mal 40.000. Soviel Kinder verhungern auf der
Welt jeden Tag.«
11. Bild: Untersuchungen (Februar 1924; Salon)
Carmilla kümmert sich rührend um ihre »erkrankte«
Freundin: Sie liest ihr vor – aus »Dracula«, von der Vernichtung
der Vampirfrauen durch Dr. van Helsing.
Dr. Zugschwert erscheint, Laura erläutert ihm ihre Beschwerden.
Er möchte Laura ein »leichtes Mittel« verabreichen, aber
damit ist Carmilla gar nicht einverstanden: »Sie dürfen ihr
Blut nicht verunreinigen!« Dr. Zugschwert erklärt Carmilla,
dass er zwar eine Nervenkrankheit vermute, in Wirklichkeit aber ratlos
sei.
12. Bild: Aufklärung (März 1924; Salon)
Laura erzählt Dr. Zugschwert, wie sie letzte Nacht nach einem Alptraum
Carmillas Zimmer leer vorfand. Der Arzt will veranlassen, dass sie
keine Sekunde mehr allein gelassen wird.
Carmilla wird gefunden und kann ihr Verschwinden mit Schlafwandeln
erklären.
Laura singt Carmilla die »Rote Melodie« von Tucholsky vor:
»General, General, wag es nur nicht noch einmal... !«
Doch General von Spielsdorf wagt es. Er platzt herein – und seine Erzählung
vom Tod seiner Tochter Berta vertreibt Carmilla. Nachdem diese geflohen
ist, erläutert er, dass sie in Wirklichkeit Mircalla von Karnstein
sei, eine Vampirin, die es geschafft habe, nach ihrer Pfählung vor
70 Jahren den Pfahl zu resorbieren und wieder aufzuerstehen:
»Vampire können sich unter Menschen mischen; sie müssen
aber für einige Stunden am Tag wieder ins Grab zurückkehren.
[...] In einem uralten, halbverfallenen Buch fanden wir den Hinweis, dass
ein Vampir, der nur gepfählt wurde, innerhalb eines Menschenlebens
den Pfahl absorbieren und wieder umgehen könne.«
Man beschließt, am nächsten Morgen Carmillas Grab aufzusuchen
und diese endgültig zu vernichten..
13. Bild: Alles nur ein Traum? (Gegenwart, Wohnung von Franz S.)
Franz liest aus Lauras Erinnerungen, 30 Jahre nach den Ereignissen von
damals – und von ihren Träumen.
In einer tänzerischen, surrealen Traumsequenz wird Laura von Carmilla
verführt und gebissen. Doch dann schlägt für Carmilla die
»Stunde der Wahrheit«: Gnadenlos wird sie vernichtet! Eine
schwarze Gestalt mit Kreuz pfählt Carmilla.
Jahrzehnte später trauert Laura:
»Mir bleibt eine Hoffnung: dass sie wiederkehren möge.
[...] Wie sehr wünsche ich mir, noch einmal ihren leichten Schritt
zu hören!«
Es klingelt. Franz öffnet. Vor ihm steht Carmilla.
Die
ausführliche Geschichte und der komplette Text finden sich im Buch
zum Stück.
»sehr lesenswert!«
(Saarländischer Rundfunk, 1994)
»mit einem sehr interessanten und umfassenden Aufsatz
über alle Aspekte des Vampirismus« (Fantasia, 1995)
»Allein dieses umfangreiche Essay zeichnet Friedhelm
Schneidewind
als einen ›Van Helsing‹ des 20. Jahrhunderts
aus.« (Succubus, 1998)