»Von der Lyrik der Troubadours und Trouvères sind ungefähr
60 Manuskripte erhalten. Nur einige sind mit Musiknotation versehen, und
es ist völlig unklar, ob diese Musik das Werk der Dichter war, ihrer
Schreiber oder der Jongleurs und Minnesänger. Ähnlich den Neumen
des gregorianischen Chorals gibt diese frühe Notation nur die Tonhöhe
an, ohne auf die rhythmischen Werte einzugehen, falls diese damals überhaupt
festgelegt waren. Interpreten müssen also aufgrund moderner musikwissenschaftlicher
Erkenntnisse entscheiden, ob sie auf spezifischen Rhythmen für die
ihnen anvertrauten Lieder bestehen oder nicht. Daraus ergibt sich, dass,
obwohl die Interpretation eines Sängers wesentlich von der eines anderen
abweichen mag, beide berechtigt sein können.«
James Tyler (»Early Music Consort of London«) 1971
»Dieselbe Melodie konnte munter-rasch gesungen werden oder feierlich-getragen,
je nachdem, ob sie mit einem weltlichen oder geistlichen Liedtext kombiniert
war. In der damaligen Notationstechnik wurden nur die (relativen) Tonhöhen
angegeben, nicht aber die Tempi. Zwar lassen Bestimmungen wie allegro
oder adagio auch heute noch interpretatorische Freiheiten zu, aber
der Spielraum ist hier recht eng geworden. Zur Variabilität der Tempi
kam in Oswalds Zeit noch dies: ein großer
Spielraum in der Besetzung der Singstimme, fast völlige Freiheit in
der Besetzung der Begleitinstrumente – zumindest bei den einstimmigen Liedern.
Denn hier ist nur die Gesangsmelodie notiert, und die kann, beispielsweise,
von einem Tenor wie von einem Bassisten gesungen werden. Und keine Hinweise
zur Begleitung. Der Sänger kann also unbegleitet singen, kann sich
mit einem Instrument selbst begleiten, kann sich von mehreren Musikern
begleiten lassen.
[...]
Bei einem einstimmigen Lied konnten Spielleute in der Improvisation zusammenfinden;
bei der Au[ührung polyphoner Musik mussten die Musiker aufeinander
eingespielt sein... Die erste wirklich intensive, auch extensive Beschäftigung
mit polyphoner Satzkunst finden wir im deutschsprachigen Bereich bei Oswald
von Wolkenstein.«
Dieter Kühn: ICH WOLKENSTEIN – Biographie; © 1977, 1980,
1988 Insel-Verlag; © 1996 Fischer Taschenbuch Verlag
»Jede Interpretation ist eine Bearbeitung, ob man es will oder nicht.
Schon wenn ich mich als Dirigent für ein Tempo entscheide, kann ich
das nur rechtfertigen, indem ich sage: Ich hörte das Stück so.
Nur den meisten Interpreten ist das nicht bewußt, die haben irgendwelche
Ideen von historischen Rekonstruktionen. – Was aber sind die Kriterien
für eine gültige Interpretation? – Dass der Interpretierende
sich hundertprozentig identifiziert mit einem Werk, das er tief liebt.
Das ist die einzige Rechtfertigung. Die Entscheidung ist völlig subjektiv.«
(Komponist und Dirigent Hans Zender)
»Am liebsten vergleiche ich das mit dem Bau eines Hauses. Das Fundament muss solide sein, dann kann man darauf etwas Sinnvolles errichten. Für mich heißt das: Ich versuche, als Künstler so viel wie möglich zu wissen über das, was ich spiele. [...] ... ich gewinne an Freiheit. Je mehr ich weiß, desto größer ist meine Sicherheit, dass ich keinen Unsinn mache.«
(Der Pianist Rudolf Buchbinder in der Frankfurter Rundschau, 19. Mai 2007)
»Die Forschung gibt mir überhaupt erst die Möglichkeit, mich künstlerisch frei zu bewegen, weil ich eine tiefe Kenntnis der Stile habe, in denen ich mich bewege, weil ich festen Grund spüren, von dem aus ich ›springen‹ kann. [...] Es soll von Anfang an niemals nur der Hauch des Gefühls aufkommen, als wäre die mittelalterliche Musik ›einfacher‹ oder ›primitiver‹ als die Musik späterer Epochen. ... merken, was für ein Reichtum an Kultur, Schönheit, Komplexität und Subtilität in der Musik des Mittelalters zu finden ist.«
(Marc Lewon in: Karfunkel 95, August 2011, S. 125)