Dokumente aus der Zeit vor der Dämmerung

© 1994 (erstmals) Friedhelm Schneidewind


Memorandum von D. an V. – 26. März 1994 – per Geheimkurier

Ich weiß nicht, ob dies der richtige Zeitpunkt ist, meine Bedenken zu äußern. Bis zur nächsten Versammlung sind es noch fast anderthalb Jahre, und Du weißt so gut wie ich, wie leicht gute Gedanken zerredet werden. Ich bitte Dich deshalb, diesen Schriftwechsel vorläufig als streng geheim zu behandeln.

Wir sind in einer schwierigen Situation. In den gut 8 Jahren seit unserer letzten Zusammenkunft hat sich die Welt grundlegend gewandelt. Die Situation hat sich so sehr zum Schlechten verändert, dass ich mir oft die Frage stelle, ob wir nicht prinzipiell versagt haben.

Denke nur an das von uns so behutsam geförderte und behütete Gleichgewicht des Schreckens. Seitdem es praktisch zusammengebrochen ist, ist die Gefahr eines von uns nicht zu kontrollierenden Atomkrieges gewaltig angestiegen. Wir haben viel zu viele Fehler begangen. Besonders unsere Freunde im Osten sind in den Schlendrian der letzten Jahrhunderte zurückgefallen und haben die Stabilität dieses so herrlich ausgewogenen Systems untergraben, so dass uns zum Schluß nichts übrig blieb, als den sich langsam abzeichnenden Zusammenbruch des Ostens radikal zu beschleunigen, bis die UdSSR zusammenklappte wie ein Ballon, dem winselnd die Luft entweicht.

Die Gefahr einer Eskalation der von uns so geschätzten regionalen Konflikte und Bürgerkriege wächst von Tag zu Tag; die zunehmende Brutalität, Verwendung von Giftgas und die wohl bald zu erwartende Benutzung biologischer Kampfmittel drohen den positiven Effekt der blutigen Schlachterei alten Stils zu gefährden.

Außerdem ist die Existenz der Menschheit insgesamt gefährdet. Und wir versagen zunehmend darin, die Entwicklung in eine uns genehme Richtung zu lenken. Früher konnten wir es uns erlauben, Gebote zu erlassen und diese mit entsprechendem Ritual den Menschen persönlich zu übergeben. Heute müssen sich brillante Köpfe wie ich darauf beschränken, nicht gehörte Ratschläge zu erteilen.

Die Bevölkerungsentwicklung ist nur ein Beispiel für das irrationale Verhalten der Menschen. Du weißt so gut wie ich, dass nur richtig verteilt werden müsste, damit kein Mensch verhungerte. Nun ist mir dies im Prinzip gleichgültig; es ist nicht unser Problem. Doch ich habe Angst vor den modernen Völkerwanderungen und vor den drohenden Rohstoff- und Verteilungskriegen, vor den Grünen Kriegen, wie manche sie schon nennen, bevor sie ausgebrochen sind.

Und denke nur an den drohenden ökologischen Kollaps: das Ozonloch, den Treibhauseffekt oder...

Persönlicher Brief von V. an D. – 29. April 1994 - per Geheimkurier

Mein Lieber,

ich verstehe Deine Bedenken und nehme Sie durchaus ernst. Aber ganz so schwarz wie Du sehe ich die Lage durchaus nicht. Deshalb habe ich Dein Memorandum zunächst einmal nicht zu den Akten genommen, sondern betrachte es als Privatangelegenheit. Dies können wir ja jederzeit wieder ändern.
Du unterschätzt meiner Meinung nach die positiven Entwicklungen. Denke nur die Situation in Iran, die seit über 10 Jahren stabil ist und die unsere Brüder dort erfreulich gut im Griff haben. Sie ist durchaus analog und ähnlich positiv zu bewerten wie der zunehmende Isolationismus in den modernen westlichen Staaten oder die Entwicklung hin zu einer immer mehr sich der Realität entziehenden Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft.

Den mit der Bevölkerungsentwickung einhergehenden Problemen sehe ich gelassen entgegen; wir und unsere Organisation haben den Zusammenbruch des ägyptischen Reiches ebenso überstanden wie den des römischen, wieso sollten wir nicht auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen? Denke daran, wie schwierig es war, im Dreißigjährigen Krieg auch nur zu überleben, geschweige denn Einfluß zu nehmen, und vergleiche damit unsere heutige Position an den Spitzen der Macht in Kirchen, Sekten, Geheimdiensten und Unternehmen. Es gibt nichts und niemanden aus der Welt der Menschen, wovor wir Angst haben müßten.

Was mir allerdings wie Dir größte Sorge bereitet, sind das Ozonloch und der Treibhauseffekt. Lange bevor der letzte Mensch an Hautkrebs gestorben sein wird, werden wir der Strahlung erlegen sein. Und die bevorstehenden Klimaänderungen könnten auch für uns unangenehme Nebenwirkungen haben; ich denke etwa an das Unbewohnbarwerden unterirdischer Kavernen durch Überschwemmung oder Überhitzung.

Doch nimm dies alles mal nicht zu ernst. Wir haben noch viel Zeit, und unsere Vertreter in den internationalen Organisationen werden schon rechtzeitig eingreifen. Nun zu etwas Familiärem: Hast Du schon davon gehört, dass Maria kürzlich mit einem Schweizer Bankdirektor...

Persönliches Memo auf Cassette von D. an V. 20. Oktober 1994 – per Geheimkurier

Lieber Vladimir,

was sagst Du nun?

Wie unsere russischen Geheimdienstkontakte melden, sind wir der genetischen Katastrophe nur knapp entgangen. Die Bakterien, die gerade noch rechtzeitig komplett – hoffentlich – vernichtet werden konnten, sollten Ölreste und bestimmte Kunststoffe vertilgen – und plötzlich machten sie sich über alle Kunststoffe her. Kannst Du Dir die möglichen Folgen vorstellen?

Wie meistens könnte uns ja das Schicksal der Masse egal sein, aber ich habe mich inzwischen an viele Annehmlichkeiten des modernen Lebens gewöhnt und würde ungern zurückkehren zu den Zeiten der Holzöfen und Postkutschen.

Wir müssen unbedingt etwas tun, um diese Entwicklung aufzuhalten. Ich werde auf der Sitzung im nächsten September die Eliminierung gewisser Forscher vorschlagen.

Was aber die Klimaentwicklung betrifft, ist mir da eine Idee gekommen. Ich will noch nicht zuviel darüber verraten, nur soviel: Wenn das klappt, dann ist es für uns so bedeutend wie die Einführung der Erdbestattung! Ich muss jetzt erst mal alles mit unseren chinesischen Freunden abchecken. Du erfährst mehr bei unserem Silvestertreffen.

Ich muss Dir übrigens noch gratulieren zu Deinem neuen Gefährten. Es ist viele Jahre her, dass ich einen jungen Mann mit so reiner Haut sah...

Postkarte von V. an D. – 08. Januar 1995

Mein Bester – herzlichen Glückwunsch. Ich bin immer noch ganz weg von Deiner Idee. Und es sieht einfach gut aus! Ich habe angefangen, rumzuhören – alles spricht dafür, dass es klappen könnte. Dann wärst du der Größte seit dem seligen – Du weißt schon.

Bis bald, in Liebe und Verehrung Dein Vlad

Memorandum von D. an V. – 02. April 1995 – per Geheimkurier

Ich habe gehört, Dein neuer Freund nähme Dich so in Anspruch, dass Du noch keinen Kontakt aufnehmen konntest. Ich möchte Dich noch einmal erinnern an die Dringlichkeit der von Dir auf der Sitzung am 16. März übernommenen Aufgabe. Du musst unbedingt mit unseren amerikanischen und russischen Freunden klären, ob sie die Zündung der Bomben zum vorgesehenen Zeitpunkt garantieren können.

Ich stelle mir das Szenario grausig vor, dass sich ergeben könnten, wenn nicht alle Bomben gleichzeitig hochgehen. Ich weiß zwar, dass das Unsinn und aus wissenschaftlicher Sicht höchst unwahrscheinlich ist, aber ich muss immer an diesen herrlichen alten Science-Fiction-Film denken, »Der Tag, an dem die Erde Feuer fing«.

Mein Freund, wir haben die Chance, die Erde wahrhaft zu beherrschen, nach Hunderten von Jahren unseren angestammten Platz an der Spitze der Schöpfung einzunehmen. Laß uns diese Chance nicht vertun!

Privatbrief von V. an D. – 26. Mai 1995 – per Geheimkurier

Mein Bester,

Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen. Ich weiß, wer Dir den Unsinn erzählt hat, die Dich zu Deinem erbosten Schreiben vom 2. April veranlaßte, und habe ihn beseitigt. Trotzdem Danke für Dein liebes Kärtchen; Deiner Bitte um Vergebung komme ich gerne nach. Ich hätte nur gedacht, dass so etwas zwischen uns nicht passieren kann, nach all den vielen Jahren, die wir uns kennen. Wahrscheinlich sind wir alle nur nervös.

Ich träume in den letzten Wochen viel von der Zeit nach dem großen Knall, wenn die Dämmerung herrscht und wir die Welt auch am Tage sehen und beherrschen können – ganz entsprechend unserer Stellung in der Nahrungskette! Ich habe auch einen Termin bestimmt, der uns sowohl lange genug Zeit lässt für die nötigen Vorbereitungen als auch einen gewissen symbolischen Gehalt hat: Sommer 1997. Kannst Du Dir denken, warum?

Kurz noch zu den Vorbereitungen zu unserer Hauptversammlung im Herbst. Ich habe noch mal mit dem Direktor des Hilton in Budapest Kontakt aufgenommen und...

Persönliches Memo auf Diskette von D. an V. 09. September 1995 – per Einschreiben (verschlüsselt)

Lieber Vladimir,

ich habe mit unseren Fachleiten gesprochen. Die französischen Versuche sind keine Gefahr für unser Projekt. Selbst wenn dort was schief geht – womit ich nicht rechne –, wird deshalb keines der von uns später zu zündenden Babys aus dem Verkehr gezogen. Der Termin ist inzwischen mit allen abgeklärt; am 1. Juli 1997 beginnt die Ära der Dämmerung. Wir können für die Tagung also alles vorbereiten.

Die Delegierten aus Rumänien und Georgien lassen bitten...

Aus dem Protokoll der »Tagung der Nachtschwärmer«, 21. – 27. September 1995, Hotel Hilton, Budapest

Der verehrenswürdige Älteste, Vladimir, erläuterte uns ausführlich, wie die Zündung der Bomben eine ewige Dämmerung über die Erde bringen werde, so dass wir alle uns von da an 24 Stunden am Tag im Freien aufhalten können. Zugleich wird damit der Treibhauseffekt aufgehoben. Da unsere Leute in vielen Schlüsselstellungen sitzen und als einzige auf das folgende Chaos vorbereitet sind, wird unsere Gattung damit endgültig den Sieg über die Menschheit davontragen. Dass dies im Jahre 1997 geschehen wird, wenn der Roman »Dracula« 100 Jahre alt wird, ist mehr als ein Symbol. Alle waren sich einig, dass dies eine Würdigung ist des Größten und Bedeutendsten unter uns, dem wir diese geniale Idee verdanken und der seit so vielen Jahrhunderten für unsere Sache kämpft, des genialen Kopfes, der den Menschen solchen Unsinn wie den unserer Angst vor Kreuzen oder Knoblauch in den Kopf setzte und der in Bram Stoker einen so herrlichen Ghostwriter fand. Dracula wird ab diesem Sommer nie wieder Angst vor der Sonne haben – die Zeit der Dämmerung ist nahe.

aktualisierte Fassung (2009)