Wir sind in einer schwierigen Situation. In den fast 10 Jahren seit unserer letzten Zusammenkunft hat sich die Welt grundlegend gewandelt. Die Situation hat sich so sehr zum Schlechten verändert, dass ich mir oft die Frage stelle, ob wir nicht prinzipiell versagt haben.
Denke nur an das von uns so behutsam geförderte und behütete Gleichgewicht des Schreckens. Seitdem es praktisch zusammengebrochen ist, ist die Gefahr eines von uns nicht zu kontrollierenden Atomkrieges gewaltig angestiegen. Wir haben viel zu viele Fehler begangen. Besonders unsere Freunde im Osten sind in den Schlendrian der letzten Jahrhunderte zurückgefallen und haben die Stabilität dieses so herrlich ausgewogenen Systems untergraben, so dass uns zum Schluß nichts übrig blieb, als den sich langsam abzeichnenden Zusammenbruch des Ostens radikal zu beschleunigen, bis die UdSSR zusammenklappte wie ein Ballon, dem winselnd die Luft entweicht.
Die Gefahr einer Eskalation der von uns so geschätzten regionalen Konflikte und Bürgerkriege wächst von Tag zu Tag; die zunehmende Brutalität, Verwendung von Giftgas und die wohl bald zu erwartende Benutzung biologischer Kampfmittel drohen den positiven Effekt der blutigen Schlachterei alten Stils zu gefährden.
Außerdem ist die Existenz der Menschheit insgesamt gefährdet. Und wir versagen zunehmend darin, die Entwicklung in eine uns genehme Richtung zu lenken. Früher konnten wir es uns erlauben, Gebote zu erlassen und diese mit entsprechendem Ritual den Menschen persönlich zu übergeben. Heute müssen sich brillante Köpfe wie ich darauf beschränken, nicht gehörte Ratschläge zu erteilen.
Die Bevölkerungsentwicklung ist nur ein Beispiel für das irrationale Verhalten der Menschen. Du weißt so gut wie ich, dass nur richtig verteilt werden müsste, damit kein Mensch verhungerte. Nun ist mir dies im Prinzip gleichgültig; es ist nicht unser Problem. Doch ich habe Angst vor den modernen Völkerwanderungen und vor den drohenden Rohstoff- und Verteilungskriegen, vor den Grünen Kriegen, wie manche sie schon nennen, bevor sie ausgebrochen sind.
Und denke nur an den drohenden ökologischen Kollaps: das Ozonloch, den Treibhauseffekt oder...
ich verstehe Deine Bedenken und nehme Sie durchaus ernst. Aber ganz
so schwarz wie Du sehe ich die Lage durchaus nicht. Deshalb habe ich Dein
Memorandum zunächst einmal nicht zu den Akten genommen, sondern betrachte
es als Privatangelegenheit. Dies können wir ja jederzeit wieder ändern.
Du unterschätzt meiner Meinung nach die positiven Entwicklungen.
Denke nur die Situation in Iran, die schon lange stabil ist und die unsere
Brüder dort erfreulich gut im Griff haben. Sie ist durchaus analog
und ähnlich positiv zu bewerten wie der zunehmende Isolationismus
in den modernen westlichen Staaten oder die Entwicklung hin zu einer immer
mehr sich der Realität entziehenden Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft.
Den mit der Bevölkerungsentwickung einhergehenden Problemen sehe ich gelassen entgegen; wir und unsere Organisation haben den Zusammenbruch des ägyptischen Reiches ebenso überstanden wie den des römischen, wieso sollten wir nicht auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen? Denke daran, wie schwierig es war, im Dreißigjährigen Krieg auch nur zu überleben, geschweige denn Einfluß zu nehmen, und vergleiche damit unsere heutige Position an den Spitzen der Macht in Kirchen, Sekten, Geheimdiensten und Unternehmen. Es gibt nichts und niemanden aus der Welt der Menschen, wovor wir Angst haben müßten.
Was mir allerdings wie Dir größte Sorge bereitet, sind das Ozonloch und der Treibhauseffekt. Lange bevor der letzte Mensch an Hautkrebs gestorben sein wird, werden wir der Strahlung erlegen sein. Und die bevorstehenden Klimaänderungen könnten auch für uns unangenehme Nebenwirkungen haben; ich denke etwa an das Unbewohnbarwerden unterirdischer Kavernen durch Überschwemmung oder Überhitzung.
Doch nimm dies alles mal nicht zu ernst. Wir haben noch viel Zeit, und unsere Vertreter in den internationalen Organisationen werden schon rechtzeitig eingreifen. Nun zu etwas Familiärem: Hast Du schon davon gehört, dass Maria kürzlich mit einem Schweizer Bankdirektor...
was sagst Du nun?
Wie unsere russischen Geheimdienstkontakte melden, sind wir der genetischen Katastrophe nur knapp entgangen. Die Bakterien, die gerade noch rechtzeitig komplett – hoffentlich – vernichtet werden konnten, sollten Ölreste und bestimmte Kunststoffe vertilgen – und plötzlich machten sie sich über alle Kunststoffe her. Kannst Du Dir die möglichen Folgen vorstellen?
Wie meistens könnte uns ja das Schicksal der Masse egal sein, aber ich habe mich inzwischen an viele Annehmlichkeiten des modernen Lebens gewöhnt und würde ungern zurückkehren zu den Zeiten der Holzöfen und Postkutschen.
Wir müssen unbedingt etwas tun, um diese Entwicklung aufzuhalten. Ich werde auf der Sitzung im nächsten September die Eliminierung gewisser Forscher vorschlagen.
Was aber die Klimaentwicklung betrifft, ist mir da eine Idee gekommen. Ich will noch nicht zuviel darüber verraten, nur soviel: Wenn das klappt, dann ist es für uns so bedeutend wie die Einführung der Erdbestattung! Ich muss jetzt erst mal alles mit unseren Freunden in Indien und Pakistan abchecken. Du erfährst mehr bei unserem Silvestertreffen.
Ich muss Dir übrigens noch gratulieren zu Deinem neuen Gefährten. Es ist viele Jahre her, dass ich einen jungen Mann mit so reiner Haut sah...
Bis bald, in Liebe und Verehrung Dein Vlad
Ich stelle mir das Szenario grausig vor, dass sich ergeben könnten, wenn nicht alle Bomben gleichzeitig hochgehen. Ich weiß zwar, dass das Unsinn und aus wissenschaftlicher Sicht höchst unwahrscheinlich ist, aber ich muss immer an diesen herrlichen alten Science-Fiction-Film denken, »Der Tag, an dem die Erde Feuer fing«.
Mein Freund, wir haben die Chance, die Erde wahrhaft zu beherrschen, nach Hunderten von Jahren unseren angestammten Platz an der Spitze der Schöpfung einzunehmen. Laß uns diese Chance nicht vertun!
Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen. Ich weiß, wer Dir den Unsinn erzählt hat, die Dich zu Deinem erbosten Schreiben vom November veranlaßte, und habe ihn beseitigt. Trotzdem Danke für Dein liebes Kärtchen; Deiner Bitte um Vergebung komme ich gerne nach. Ich hätte nur gedacht, dass so etwas zwischen uns nicht passieren kann, nach all den vielen Jahren, die wir uns kennen. Wahrscheinlich sind wir alle nur nervös.
Ich träume in den letzten Wochen viel von der Zeit nach dem großen Knall, wenn die Dämmerung herrscht und wir die Welt auch am Tage sehen und beherrschen können – ganz entsprechend unserer Stellung in der Nahrungskette! Ich habe auch einen Termin bestimmt, der uns sowohl lange genug Zeit lässt für die nötigen Vorbereitungen als auch einen gewissen symbolischen Gehalt hat: 21. Dezember 2012, laut vielen esoterikern und dem alten Maya-Kalender der Beginn eines neuen Zeitalters!
Kurz noch zu den Vorbereitungen zu unserer Hauptversammlung im nächsten
Herbst. Ich habe noch mal mit dem Direktor des Hilton in Budapest Kontakt
aufgenommen und...
unsere Anstrengungen in den USA dürften sich auszahlen. Es wird
wohl noch lange keine Atomtestsperrvertrag geben.
Der Termin ist inzwischen mit allen abgeklärt; am 21. Dezember 2012
beginnt die Ära der Dämmerung. Wir können für die Tagung
also alles vorbereiten.
Die Delegierten aus Rumänien und Georgien lassen bitten...
Der verehrenswürdige Älteste, Vladimir, erläuterte uns ausführlich, wie die Zündung der Bomben wenigen 15 Monaten eine ewige Dämmerung über die Erde bringen werde, so dass wir alle uns von da an 24 Stunden am Tag im Freien aufhalten können. Zugleich wird damit der Treibhauseffekt aufgehoben. Da unsere Leute in vielen Schlüsselstellungen sitzen und als einzige auf das folgende Chaos vorbereitet sind, wird unsere Gattung damit endgültig den Sieg über die Menschheit davontragen. Dass er diese Idee erstmals bereits im Jahre 1997 entwickelt hat, als der Roman »Dracula« 100 Jahre alt wurde, ist mehr als ein Symbol. Alle waren sich einig, dass dies eine Würdigung ist des Größten und Bedeutendsten unter uns, dem wir diese geniale Idee verdanken und der seit so vielen Jahrhunderten für unsere Sache kämpft, des genialen Kopfes, der den Menschen solchen Unsinn wie den unserer Angst vor Kreuzen oder Knoblauch in den Kopf setzte und der in Bram Stoker einen so herrlichen Ghostwriter fand. Dracula wird bald nie wieder Angst vor der Sonne haben – die Zeit der Dämmerung ist nahe.