Dealer

© Friedhelm Schneidewind


Der Grenzübertritt klappte wie immer problemlos; die Beamten taten, als sei der Wagen leer. Paul gab Gas und bog nach kurzer Zeit in einen Feldweg ein. Obwohl der Achtzehntonner zu groß zu sein schien für den schmalen Weg, bretterte er ihn entlang fast ohne zu bremsen. Er kannte von seinen monatlichen Touren jeden Ast und jedes Schlagloch.

An dem kleinen Weiher hielt er an und vertiefte sich in seine Zeitung. Die Übergabe fand wie immer um Mitternacht bei Vollmond statt. Und wie stets sah er weder die Leute, die den Wagen ausräumten, noch den Mann, der den Beutel mit dem Geld an den Außenspiegel hängte.

Einmal hatte er es gewagt, auszusteigen, doch bevor er mehr hatte sehen können als schattenhafte Gestalten, die die Beutel in einer langen Kette von Mann zu Mann in den Wald hineinreichten, hatte er einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf erhalten. Die dünne Narbe an seinem Hals erinnerte ihn immer noch an den schmerzhaften blutigen Schnitt und daran, dass er kein Geld für diese Fuhre bekommen hatte. Seither hatte er sich stets an die Anweisungen gehalten.

Auch heute wartete er bis zum Morgengrauen, ehe er den Beutel mit dem Geld holte, den LKW anließ und wieder nach Deutschland zurückfuhr. Diesmal brauchte er sich an der Grenze keine Gedanken zu machen – einen wirklich leeren Wagen ließ man problemlos passieren, zumal er deutlich genug das Zeichen des Roten Kreuzes trug. Paul fragte sich manchmal, wie weit oben in der Organisation die Verantwortung für diese Fuhren zu suchen war. Doch eigentlich interessierte es ihn nicht, und die Leute, die dafür im wahrsten Sinne des Wortes bluten mussten, waren ihm auch egal. Hauptsache, die Kohle stimmte – und der rumänische Graf zahlte gut.


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind