Vom Dunkel ins Licht?

Elben, Fantasy und nordische Mythologie

© 1988/1993 Friedhelm Schneidewind

Seit 2016 gibt es den erweiterten und aktualisierten Artikel
Vom Dunkel ins Licht! Von Alben zu Elfen und Elben
in der Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: Kleine Reihe, Band 6, Wetzlar 2016
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»Elfen: in d. german. Mythologie hilfreiche oder bösartige kl. Geister, in christl. Zeit Name für böse Zaubergeister; erst seit Wieland liebl. weibl. Geisterwesen« (Das neue Duden-Lexikon, 1984)

»Eine Lichtgestalt, ein Mittelwesen zwischen Menschen und Göttern. Die Elfen erschienen den Menschen auch als Totenseelen, Hausgeister, Wassernixen und Fruchtbarkeitsmächte.« (Edgar Pangborn: Engel-Ei, 1951)


Die nordische Mythologie

In vielen Fantasy-Romanen, -Geschichten und -Filmen gibt es Beziehungen zu Mythen und Sagenkreisen unserer realen Welt. In einigen Rollenspielen hat man als Kleriker oder Klerikerin eine große Auswahl unter vielen Göttern und Göttinnen verschiedener Sagenkreise/Mythen/Religionen, andere beziehen sich nicht explizit auf einen bestimmten Sagenkreis, doch sind sie damit verknüpft durch oft nicht direkt erkennbare Verbindungen. Beispiele hierfür sind etwa der Sagenkreis um König Artus oder der um die keltischen Druiden; gerade der letztere wird gerne »ausgebeutet«, obwohl wenig darüber bekannt ist und dieses wenige oft noch falsch verstanden oder ausgelegt wird. Auch die nordische Mythologie spielt eine Rolle in vielen Fantasy-Rollenspielen, -Filmen und Werken der Literatur. Wer sich damit beschäftigt, stößt meist schnell auf »Elfen« oder »Elben« - doch wer weiß schon, dass diese keine Erfindung moderner Autor/innen sind, sondern ursprünglich Gestalten der nordischen Sagenwelt, nämlich die mächtigen »Dunkelzwerge«?

Allgemein ist, was die nordische Sagenwelt betrifft, ein erhebliches Maß an Fehlinformationen oder unzutreffender Interpretation festzustellen. Eines der häufigsten Mißverständnisse ist, dass es sich dabei um eine »Religion« handele.

Über die germanische und isländische Religion ist nicht sehr viel bekannt; vieles ist noch ungeklärt. Bei der Edda, die den meisten populären Darstellungen nordischer Mythologie als Grundlage dient, handelt sich auf jeden Fall nicht um eine religiöse Dichtung: Alle Versuche, in der »Lieder-Edda« kultische Bräuche nachzuweisen, gelten als mißglückt. Der Kultpoesie stehen alle Edda-Gedichte fern: »Von dem, was den eigentlichen Kern aller Religionen bildet: dem Verhältnis der Götter zu den Menschen, finden wir in den Edda-Liedern nichts ... So ist die Edda alles andere als ein Glaubensbuch.« (RGG)

Auch bei dem fälschlicherweise oft als »Jüngere Edda« bezeichneten Werk (zwar sind Teile der »Lieder-Edda« älter, doch entstand das Gesamtwerk etwa 20 Jahre nach der Edda des Snorri), der »prosaischen« oder »Snorra-Edda«, handelt es sich nicht um religiöse Dichtung. Snorri wollte mit seinem um 1223 vollendeten Werk den jungen Skalden das für ihre Kunst notwendige Rüstzeug vermitteln. Snorri selbst war Christ und nahm an den Mythen einerseits ein nationales, andererseits ein wissenschaftliches, auf keinen Fall jedoch ein religiöses Interesse, so dass in dieser Hinsicht mit dem RGG der Schluß zu ziehen ist, dass »uns auch die Snorra-Edda keinen Einblick in die eigentliche Religion der Nordleute« erlaubt.

»Gandalf for President ...«

Viele Vorstellungen in der Fantasy-Literatur beruhen auf der nordischen Mythologie, nicht nur die von Elfen, Zwergen, Riesen oder Trollen. John Ronald Reuel Tolkien, von seinen Fans kurz und liebevoll JRRT genannt, bezieht sich in seinen Werken stark auf die nordische Sagenwelt. Der Oxford-Professor für altes Englisch (31.1.1892 – 2.9.1973) war einer der größten Phantasten der Literaturgeschichte und hat mit der Saga um Mittelerde, die Hobbits (Halblinge), um Elben und Zwerge, um den Zauberer Gandalf und um die drei Ringe (der Elben) und den »Einen Ring« (Saurons) einen der umfangreichsten, fantastischsten und schlüssigsten Mythen geschaffen und damit der Fantasy-Literatur weltweit zum Durchbruch verholfen.

Tolkien ist der wohl erfolgreichste – und nach meiner Meinung beste – Fantasy-Autor überhaupt, seine Welt »Mittelerde« hat einem Rollenspiel den Namen gegeben, und »Der Herr der Ringe« (1954/55) wurde verfilmt. (Der Zeichentrickfilm von Ralph Bakshi ist allerdings für mich wie für viele Tolkien-Verehrer/innen ein abscheuliches Machwerk, das von der Subtilität und der erzählerischen Großartigkeit des Werkes nichts rüberbringt.)

Tolkiens Werk, mit einer kompletten eigenen Welt mit eigener Kosmogonie (im »Silmarillion«, 1979), eigener Religion und sogar eigener Sprache, bietet viele Aspekte, bis hinein in den politischen Raum, auch wenn er selbst es nie politisch verstanden wissen wollte. Immerhin gingen in den USA 1968 Student/innen auf die Straße mit dem Slogan »Gandalf for President« – und der letzte Teil des »Herrn der Ringe« behandelt den Kampf zwischen Industrie und Umwelt, zwischen Ausbeutung und humaner Lebensweise. Zudem kann man in seinen Werken zu fast jedem Problem des Menschseins Bedenkenswertes finden:

Tolkien war schon in frühester Jugend sehr von dem Sagenkreis um König Artus beeindruckt, aber auch von der nordischen Sagenwelt. So war er mit 18 Jahren begeistert vom finnischen »Kalevala«, dem »Land der Helden«, einer Sammlung von Geschichten, die die wichtigste Quelle für die Grundlage der Mythologie Finnlands bildet, und lernte zwei Jahre später genug Finnisch, um dieses Epos zumindest teilweise im Original lesen zu können. Das »Quenya« oder »Hochelbisch« der späteren Jahre ist stark an das Finnische angelehnt.

Tolkien bedauerte sehr, dass den Engländer/innen eine solche umfassende Mythologie fehlte, für die die Artussage ein nur mangelhafter Ersatz sei:

So entstand bei Tolkien früh die Idee, eine umfassende Kosmogonie und Mythologie zu erschaffen, was ihm mit der Geschichte Mittelerdes als wohl einzigem Autor auch überzeugend gelang. Dabei erzählt Tolkien nicht Geschichten aus und über eine parallele oder eine Alternativ-Welt oder eine frei erfundene, sondern über unsere Welt und unsere Vor-Geschichte:

»Mittelerde ist unsere Welt. Ich habe (natürlich) die Handlung in eine imaginäre (wenn auch nicht ganz unmögliche) Periode des Altertums gerückt, in der die Kontinente eine andere Form hatten.« (JRRT, zitiert nach Carpenter)

Alles, was Tolkien schreibt, könnte sich so tatsächlich in grauer Vorzeit auch ereignet haben – von der Erschaffung der Welt durch Musik über die der zunächst flachen Erde, die Umwandlung des Planeten in eine Kugel, die Verschiebung der Kontinente, den Untergang von »Atlantis« bis hin zum Verschwinden der Elben und Zwerge und der Magie. Übrig bleibt unsere graue, magie-lose und poesie-arme Welt...

Unwahrscheinlicher als die Erschaffung der Welt in sieben Tagen ist das jedenfalls nicht, plausibel ist eine solche Geschichte mit ihrer Entwicklung hin zu unserer Welt ohne Magie allemal – und schöner finde ich es sowieso.

Wie stark Tolkien bei seiner Schöpfung von verschiedenen Religionen, Mythen und Sagenkreisen beeinflußt war, lässt sich immer wieder feststellen. So scheint sein starker Katholizismus oft durch: bei »Eru« oder »Iluvatar«, dem Einen Gott, bei den »Valar«, Untergött/innen, die man mit den Erzengeln, und den »Maiar«, deren Diener/innen, die man mit Engeln vergleichen kann, besonders aber bei »Morgoth« oder »Melkor«, dem »gefallenen« »Engel« Luzifer ähnlich. Alle Wesen erwartet eine Art »Jüngstes Gericht« bei der »Zweiten Musik der Ainur« – und die »Auferstehung« des Zauberers Gandalfs, der in Wirklichkeit ein von den Valar gesandter Maiar (Olorin, der Herr der Träume) ist, hat doch auch gewisse Parallelen...

Einflüsse der nordischen Mythologie finden sich bei Tolkien zuhauf, u. a. bei den Elben, den Trollen, den Orks (als mißgebildete, zum Bösen gezüchtete »Dunkelelben«) und bei den Zwergen; sie finden sich sowohl in der Struktur der Geschichten als auch in Einzelheiten, etwa in den Zwergennamen Durin und Dwalin.

»Opfern wollen sie am Abend...«

Bei Poul Anderson (geb. 1926) tauchen die eben genannten als Dyrin und Dvalin auf – beide Autoren haben sich des Zwergenkatalogs der Älteren Edda bedient. Der Amerikaner Anderson, Nachfahre dänischer Einwanderer, hat bisher weit über 50 Bücher und 200 Erzählungen veröffentlicht; sein Hauptwerk ist der Science Fiction, etwas weniger der Fantasy zuzuordnen. Aber er hat auch Krimis, Jugendbücher, historische und allgemeine Romane und Sachbücher geschrieben und ist als Herausgeber in Erscheinung getreten. Zwar erreicht er »in der großen Breite seiner Arbeiten nur mittelmäßiges Niveau« (Lexikon der Science-Fiction-Literatur 1988), hat aber einige aufsehenerregende Kurzgeschichten und Romane geschrieben, sowohl im Bereich der SF als auch der Fantasy, und wurde mit einigen NEBULA- und HUGO-Awards ausgezeichnet – und dem »Tolkien Memorial Award«. Anderson hat sich viele Gedanken um »Realismus« in der Fantasy gemacht und einiges darüber geschrieben; er ist Mitglied der »Society of Creative Anachronism«.

In Andersons Fantasy tauchen seine Wurzeln, taucht die Mythologie seiner Ahnen sehr oft auf. Gerade zwischen den beiden bisher genannten Autoren, die sich so intensiv wie wenige andere mit den Wesen aus der nordischen Mythologie auseinandergesetzt haben, gibt es in deren Behandlung allerdings erhebliche Unterschiede:

Das Bild der Elfen und anderer mythologischer Gestalten hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt – von mächtigen göttergleichen Wesen bis hin zum (sehr sympathischen) Blumenelf in Waldemar Bonsels »Biene Maja« (1912) oder den zu dicken, kleinen, geflügelten Elfen in Alan Dean Fosters »Bannsänger«-Reihe (1984), denen nur noch Aerobic hilft – und schließlich, ganz schlimm, hin zu den modernen kitschigen Zeichentrickfilmen wie etwa auch hier der »Biene Maja«.

Anderson hat diese Entwicklung beschrieben:

Mir persönlich sind die Elben Tolkiens sehr viel lieber als die Elfen bei Anderson – aber Anderson hat recht, was ihr Verhältnis zu den Gestalten der Mythologie betrifft und ist so deren Ursprüngen sehr viel näher. Eben darin aber liegt auch eine der großen Leistungen Tolkiens: dass er es geschafft hat, Gedanken, Muster und Topoi vieler Mythen, Religionen und Sagen zu einem neuen, eigenständigen Gesamtwerk zu verbinden, was in einer solchen Form vorher nie gewagt und später nie wieder erreicht worden ist.

Anderson hat mit den nordischen Mythen oft auch gespielt, sie verfremdet oder in andere Umgebungen verfrachtet, etwa in seiner wunderschönen Story »Die Königin der Luft und der Dunkelheit« (1973), in der eine einheimische Rasse auf dem fernen Planeten Roland die »Archetypen« der Kolonialisten verwendet, um als Elfen zu erscheinen und der Maschinenkultur Paroli zu bieten – ein Versuch, der scheitert, im Interesse der Menschen scheitern muss, da Anderson, anders als Tolkien, ein Zusammenleben der Menschen mit ihren Geistern, ihren Träumen, nicht für möglich hält: »Wenn das Elfenland gewonnen hätte, wäre der Mensch auf Roland wohl endlich – friedlich, sogar glücklich – ausgestorben. Wir leben mit unseren Archetypen, aber können wir in ihnen leben?«

In Andersons wohl reifstem Fantasy-Roman, »Kinder des Wassermanns« (1979), kommt es zur Konfrontation zwischen der Feenwelt – den Wassermenschen, Nixen, Wergeschöpfen – mit dem mittelalterlichen Christentum, das Anderson gleichberechtigt neben das Feenreich stellt. Er »begreift sie beide als magisch«, und »so teilt sich gerade durch derlei heute bizarr anmutende christliche Mystik der Fantasy-Charakter dieser Mystik mit« (Hans Joachim Alpers). Der Grundgedanke, moderne Religionen als gar nicht so viel anders zu betrachten als die alten, eher als »siegreiche« Konkurrenten, findet sich sowohl bei Anderson als auch bei anderen Fantasy-Autor/innen häufig, ist aber auch bei »modernen Heiden« oder Anhänger/innen esoterischer Lehren verbreitet.

Von Steinen und Dryaden, Elfeneiern und 007

Viele Autor/innen befassen sich mit der Möglichkeit des Zusammenlebens von Elfen oder diesen verwandten Wesen und Menschen.

Einer der großen fantastischen Autoren, den England noch vor Tolkien hervorbrachte, war Lord Dunsany (mit bürgerlichem Namen Edward John Moreton Plunkett, 1878 – 1957), ein exzentrischer Abenteurer, berühmter Jäger, Sportsmann, Schachspieler und Professor für englische Literatur, der seine Geschichten noch mit dem Federkiel schrieb. Seine Elfen sind Wesen, die Göttern oder Göttinnen näher stehen als den Menschen, und auch wenn bei ihm »Die Königstochter aus dem Elfenland« (1924) sich in einen Menschen verliebt und von ihm einen Sohn bekommt, so hat dies doch zunächst erst einmal schreckliche Konsequenzen. Zauber und Logik, Vernunft und Magie passen nicht zusammen; die Geschichte kann nur zu einem guten Ende geführt werden, indem der gottähnliche Elfenkönig seine letzte, mächtigste Rune und damit die Zukunft des Elfenreichs opfert. Dieses verschluckt einen Teil der Menschenwelt, aber sein Ende ist absehbar... Die Elfen Dunsanys sind in ihrer Macht und Schrecklichkeit den Alfen der alten nordischen Sagen näher verwandt als die Tolkiens, in ihrer Zeit-Entrücktheit und Kälte jedoch auch wiederum weit entfernt von diesen oder deren Nachkommen, wie Anderson sie zeichnet.

Den Elfen Andersons sehr ähnlich hingegen ist bei Paul Edwin Zimmer »Die Frau aus dem Elfenhügel« (1979). Der jüngere Bruder der bekannten SF- und Fantasy-Autorin Marion Zimmer-Bradley lässt die Begegnung der Menschen und Elfen in einer Welt des frühen Mittelalters dramatisch und tödlich enden. Die Vorurteile beider Seiten verhindern eine friedliche Koexistenz: Machotum (der Männer beider Rassen), Stolz, fanatischer Glaube – Ähnlichkeiten mit heute sind unverkennbar. Zimmer beschreibt bewußt einen Einzelfall; er sieht durchaus eine Möglichkeit des Zusammenlebens. Die Umstände, die dies verhindern, sind zutiefst menschlich und könnten geändert werden...

Wie Lord Dunsany beschreibt auch Richard Ford im »Vermächtnis der Eldron« (1982) einen Kampf zwischen Logik und Magie, die er als die beiden bestimmenden Kräfte der Welt betrachtet. Seine Elfen sind am ehesten den keltischen Göttern und Göttinnen verwandt, ihre Führer selber Quasi-Götter. In einem Armageddon-ähnlichen Endkampf zwischen den Elfen und den Trollen, zwischen dem Herrn des Guten und dem des Bösen, zwischen Elfenfreund/innen unter den Menschen (den Eldron), verbündet mit den Tieren, und der Mehrheit der »technologisch« orientierten Menschen wird die Grundlage geschaffen für unsere heutige Welt, in der wir uns für den rechten Weg selbst entscheiden können (und müssen!) – ein »grüner« Roman mit »grünen« Elfen und einer Geschichte, die das Christentum ebenso aufgreift wie an Tolkien erinnert. Das »Heil« liegt bei Ford in der Verbindung von Elfen- und Menschentum, von Magie und Vernunft.

Einer der poetischsten Fantasy-Autoren, der leider mit nur 48 Jahren viel zu früh starb, war Thomas Burnett Swann, in dessen Büchern das Verhältnis von Christentum und »altem Glauben« oft eine Rolle spielt, aber auch das Vergehen der »Alten Götter« und der mit ihnen verbundenen Wesen wie Trolle, Satyre, Elfen und Dryaden. Ein Zusammenleben der Wesen aus dem Feenreich mit den Menschen sieht Swann als nahezu unmöglich an, nur für kurze Zeit oder in bestimmten Refugien, die zumindest für eine begrenzte Zeit noch in oder neben unserer Welt bestehen.

Auch Carolyne Janice Cherryh betrachtet es, wie ja schon Anderson, als letztlich unmöglich, dass Elfen und Menschen sich glücklich vereinen; ihr »Stein der Träume« (1983) bringt sie zwar zunächst zusammen, doch eine Zukunft auf Dauer gibt es nicht. Cherryhs Elfe hat mehr von einem Waldgeist, einer Hexe, als einer Göttin, doch ist sie – trotz nachlassender Macht und Problemen mit menschlichen Gefühlen – von einer geradezu dämonischen Größe.

Viele Autor/innen lassen die Elfen in unserer modernen Welt auftauchen oder neben dieser existieren, so etwa Peter Rühmkorf, bei dem »Der Agent und die Elfe« (1983) gemeinsam den Bau eines Raketenkontrollzentrum auf dem Gebiet der Elfen verhindern. Rühmkorfs Elfen sind allerdings denen à la »Biene Maja« verwandter als jenen der alten Sagen: kleine geflügelte Wesen mit begrenzter Macht, wie auch sein »007« eher eine Karikatur ist...

Ganz anders bei einem ebenfalls neueren deutschen Autor, Wolfgang E. Hohlbein. »Die Jäger« (1983) sind moderne Menschen, die erfahren müssen, dass das Reich der Elfen, Trolle und Einhörner in unserer Zeit noch so präsent ist wie früher, doch nur wenige finden den Weg – und falls diese in böser Absicht kommen, stoßen sie auf mächtige Wesen auf prächtigen Pferden. Ganz in der Tradition Tolkiens sind Hohlbeins Elfen mächtig, aber gut.

»Ich bestehe immer noch darauf, mich zu wundern«, war das Motto von Edgar Pangborn, der den »Sense of Wonder« wie kaum ein anderer Autor an seine Leser weitergab, in einem »schmalen Werk, aber sowohl stilistisch als auch moralisch von eminentem Gewicht« (Wolfgang Jeschke). In seiner Geschichte »Engel-Ei« hat er das Kunststück fertiggebracht, kleine geflügelte Elfen als mächtige und moralisch enorm hochstehende Wesen zu schildern, den Menschen um Jahrmillionen voraus, ohne dass dies kitschig oder lächerlich wirkt; eine der schönsten Geschichten um Außerirdische, die den Menschen helfen wollen. Hier ist von der Tradition der Elfen aus der Edda oder bei Tolkien kaum mehr etwas zu spüren, außer in den Erinnerungen des Erzählers an Sagen und Mythen und der Tatsache, dass nicht ganz klar ist, ob die Elfe nicht vielleicht doch aus einer Welt »neben« oder »hinter« der unseren kommt – und doch ist dies eine der schönsten Elfengeschichten, die ich kenne.

Riesen und Elohim

Für mich gibt es nur einen Fantasy-Autor, der an Tolkien fast heran kommt: Stephen R. Donaldson mit seinem sechsbändigen Monumentalwerk über »Thomas den Zweifler« (1977-1983), der »Thomas-Covenant-Saga«. Atmosphärisch, von der Dichte der Sprache, der Poesie, von den angesprochenen menschlichen und ethischen Problemen, aber auch vom Gesamtentwurf her zählt dieses Werk für mich zu den absoluten Höhepunkten der Fantasy-Literatur.

Donaldson hat einige Aspekte der nordischen Mythologie in teilweise verblüffend neuer Form verwandt, etwa den »Lebensbaum« oder die »Weltenschlange«. Und auch bei ihm gibt es Riesen und Elfen, beide allerdings in sehr abgewandelter Form: Die Riesen sind ausgesprochen menschliche, ruhige, sensible Wesen; die Elohim hingegen wollen mit dem Rest der Welt wenig zu tun haben, sind mächtig und ohnmächtig zugleich, arrogant und gleichzeitig fragwürdig – und nehmen schließlich nur sehr widerstrebend teil am entscheidenden Kampf um das Schicksal ihrer Welt.

Donaldsons Werk ist ein Höhepunkt in der Entwicklung der alten »Alfen« zu den modernen »Elfen«, der »Dunkelzwerge« zu den Lichtgestalten der Elfen, und lässt mich die Karikaturen in Zeichentrickfilmen wie der »Biene Maja« verschmerzen; deshalb möchte ich mit ihm diese Betrachtungen über die Entwicklung vom Dunkel ins Licht abschließen.


zum BuchDer Text ist ursprünglich 1988 erschienen in der Zeitschrift »Fantasy-Bote«. In dieser Fassung ist er entnommen dem Buch »...wie schmelzen deine Blätter«, illustriert von Ulrike Schneidewind. Die Folien zum Vortrag zu dem Thema (Fassung von 2011) können hier als PDF (710 KB) heruntergeladen werden.

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