Der Gute Hirte

© 1994 Friedhelm Schneidewind


Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung wie immer mit einem Gedenken an die verstorbenen Mitglieder und begrüßte die neu hinzugekommenen. Dann kam er gleich zur Sache.

»Wir sind in einer schwierigen Situation. In den zehn Jahren seit unserer letzten Zusammenkunft hat sich die Welt grundsätzlich gewandelt. Die Situation hat sich so sehr zum Schlechten verändert, dass ich die Frage stellen muss, ob wir nicht prinzipiell versagt haben.«

Maria betrachtete den distinguiert wirkenden Mann aufmerksam. Sie nahm zum ersten Mal an der großen Zusammenkunft teil, denn sie war erst seit wenigen Jahren eingeweiht in die Geheimnisse des inneren Kreises, auch wenn sie, wie die meisten ihrer Art, schon vorher geahnt hatte, dass es so etwas gab. Nun war sie selber dabei, als Delegierte der neuen Bundesländer.

Der Vorsitzende war ein großer, blendend aussehender Mann, dessen Ausstrahlung jeden Politiker farblos erscheinen ließ. Maria fiel das so antiquiert wirkende Wort »Charisma« ein.

Sie konzentrierte sich wieder auf die Rede des Vorsitzenden.

»Das von uns geförderte Gleichgewicht des Schreckens ist zusammengebrochen. Damit ist die Gefahr eines von uns nicht zu kontrollierenden Atomkrieges gewaltig angestiegen. Einige von uns, besonders im Osten, haben unverzeihliche Fehler begangen und damit die Stabilität gefährdet, so dass uns zum Schluß nichts übrig blieb, als den sich langsam abzeichnenden Zusammenbruch radikal zu beschleunigen. Dass nun immer mehr Nationen über Atomwaffen verfügen, kann die von uns so geschätzten regionalen Konflikte und Bürgerkriege eskalieren lassen, genauso wie die zunehmende Verwendung von Giftgas und die wohl bald zu erwartende Benutzung biologischer Kampfmittel, so dass der positive Effekt der blutigen Schlachterei alten Stils verlorenzugehen droht. Obendrein ist die Menschheit insgesamt von Vernichtung bedroht, ihre Situation ist verzweifelt. Zwar gibt es mehr Menschen als je zuvor, doch die Aussichten sind wahrhaft trübe.«

Ein älterer, aufgrund seiner Kleidung leicht als Priester einzustufender Mann hob die Hand und bat ums Wort. Nachdem der Vorsitzende es ihm gewährt hatte, erhob er sich und begann: »Brüder und Schwestern, bis jetzt ist es mir und meinen ebenfalls im Vatikan vertretenden Kollegen hervorragend gelungen, die Haltung des Heiligen Stuhls bezüglich jeder Form von Geburtenkonrolle in der von uns seit Jahrhunderten gewünschten Form zu zementieren. Soll dies, so frage ich den hochverehrten Vorsitzenden, soll dies alles falsch gewesen sein? Soll unser Opfer, jahrelang unter alten Männern ausgeharrt zu haben, vergeblich gewesen sein?«

Obwohl er sichtlich erregt war, wahrte der Alte doch Haltung, etwas, was Maria bei ihresgleichen stets bewunderte. Contenance und Rücksichtnahme waren zwei Eigenschaften, die wohl notwendig waren, sollte die Gemeinschaft überleben.

Der Vorsitzende lächelte den Kleriker an: »Mein verehrter Kollege – ich darf in Erinnerung an alte Zeiten wohl sagen: lieber Blutsbruder –, kaum einer unter uns vermag euer Opfer besser zu ermessen als ich. Nein, es war und ist nicht vergebens. Doch vergiß nicht den zweiten Teil unserer großen Strategie. Wie ein Hirte seine Herde nur so groß werden lassen darf, dass die Tiere genug zu fressen haben, will er anständig Fleisch auf den Keulen, so müssen wir dafür sorgen, dass die Menschheit sich nicht zugrunde wächst. Das war Konsens unter uns, seit einer unserer verdienstvollsten Brüder den Satz ›Seid fruchtbar und mehret euch‹ in eines der vielen heiligen Bücher schrieb, für die wir mit verantwortlich sind. Denn stets standen dagegen auch die Regeln, wie das wenige und immer mehr werdende sinnvoll verteilt werden sollte, seien es die Zehn Gebote oder die Vorschläge des von mir mitinitiierten Club of Rome. Und damit bin ich bei einem der uns heute bedrohenden Probleme: Vor ein paar tausend Jahren konnte es sich der schon erwähnte Bruder erlauben, Gebote zu erlassen, ja, diese mit entsprechendem Ritual einem Menschenführer persönlich zu übergeben. Heute müssen sich brillante Köpfe wie ich darauf beschränken, nicht gehörte Ratschläge zu erteilen. Wenn die Menschheit so weitermacht, geht sie zugrunde – und wir mit ihr.«

Schweigen machte sich breit unter den Delegierten. Maria blickte sich um und sah nur ratlose Gesichter. Zögernd hob sie ihre Hand. Der Vorsitzenden wandte sich ihr zu. »Eine junge Kollegin möchte etwas sagen – bitte, nur Mut.«

Maria räusperte sich. »Verstehe ich Sie richtig, dass Sie nicht die Überbevölkerung als solche als Problem ansehen, sondern das Unvermögen der Menschheit, mit ihr umzugehen? Heißt das, dass Sie eindeutig Position beziehen im Streit, ob wirklich genug da ist für alle, dass auch Sie der Meinung sind, dass nur richtig verteilt werden müsste, damit nicht jeden Tag vierzigtausend Kinder verhungerten?«

Das warme Lächeln des Vorsitzenden nahm seinen Worten jede Schärfe.

»Meine Liebe, Sie sind noch viel zu sehr ihren alten Vorstellungen von Humanität verhaftet. Diese müssen und werden Sie ablegen. Die verhungernden Kinder sind mir egal und müssen auch Ihnen egal sein, obwohl Sie mit Ihrer Einschätzung recht haben. Die Menschen könnten alle ihresgleichen ernähren, wenn sie wollten, doch das ist nicht unser Problem. Ich habe Angst vor den modernen Völkerwanderungen und vor den drohenden Rohstoff- und Verteilungskriegen, vor den Grünen Kriegen, wie manche sie schon nennen, bevor sie ausgebrochen sind. Denn so gut Kriege prinzipiell für uns sind – sie haben eine neue Qualität gewonnen. In Jugoslawien fand ein Krieg statt, wie ich ihn mag – doch ich befürchte, dass die größeren Kriege gefährlicher, moderner werden und sicher manchen von uns, der sich hoffnungsvoll hineinbegibt, ins ewige Nichts befördern. Natürlich gibt es auch positive Entwicklungen, ich erwähne nur die Situation in Iran, die seit über 10 Jahren stabil ist und die unsere Brüder dort erfreulich gut im Griff haben« – er lächelte freundlich einem Mullah in der ersten Reihe zu – »oder die insgesamt als sehr positiv einzustufende Entwicklung hin zu einer immer mehr sich der Realität entziehenden Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft in den modernen westlichen Staaten. – Doch, meine Freunde, gestattet mir, auf ein weiteres Problem einzugehen. Wir werden die jetzt angeschnittenen Punkte später in Arbeitsgruppen behandeln und morgen früh im Plenum Beschlüsse fassen. Ein anderes Problem also ist AIDS. Nicht, weil wir befürchten müssten, daran zu erkranken, sondern weil diese und andere Krankheiten die Menschheit auf Dauer ernsthaft gefährden – AIDS droht ganze Staaten in Afrika auszurotten, und an Krankheiten und Seuchen wie Malaria oder Tuberkulose sterben immer mehr Menschen.

Ich will wieder das Bild des guten Hirten gebrauchen und frage mich und euch: Haben wir versagt? Wir wissen inzwischen, dass wir an der Ausbreitung von AIDS nicht unschuldig sind. Und unsere Vertreter in der Weltgesundheitsorganisation scheinen nicht sehr effizient zu arbeiten.«

Maria sah aus den Augenwinkeln eine schwarze Frau von etwa 40 Jahren aufspringen und mit beiden Händen in Richtung des Rednerpults winken. Als ihr der Vorsitzende das Wort erteilt hatte, sprudelte es regelrecht aus ihr heraus:

»Ich muss Ihnen recht geben, Kollege, und doch energisch widersprechen. Die Gefahren, die Sie schildern, können gar nicht drastisch genug geschildert werden. Ja, wir haben versagt. Doch nicht alleine wir in der WHO sind schuld. Die Kritik muss sich auch, ja stärker, richten an die Weltbank, den Sicherheitsrat der UNO und die Regierungen. Unsere Vertreter dort unterstützen eine nationalistische oder egoistische Politik, die nicht nur zu den schon vorhergesagten Rohstoff-Kriegen führen wird, sondern durch Ausbeutung der Natur und Nichtbekämpfung von Krankheiten früher oder später zur Ausrottung der Menschheit. Doch lange bevor der letzte Mensch an Hautkrebs gestorben sein wird, werden wir der durch das Ozonloch dringenden Strahlung erlegen sein, empfindlich, wie wir sind. Viele von uns denken zu sehr in nationalen Zusammenhängen statt an das Wohl unserer Gemeinschaft – und damit auch das der Menschheit. Und wir, die wir wirklich als gute Hirten handeln wollen, sind hilflos; uns und den Organisationen, in denen wir arbeiten, werden die Mittel vorenthalten, um wirksam einzugreifen. Wie sollen wir die Herde hüten, wenn uns nur zahnlose Hunde und keine Stäbe zur Verfügung stehen und die Zäune Löcher haben?«

Leichtes Gelächter war zu vernehmen, auch der Vorsitzende konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: »Meine Liebe, diese Kritik war keineswegs persönlich gemeint. Doch an der Schwelle eines neuen Jahrtausends müssen wir unsere Strategie neu durchdenken. In den letzten Jahrzehnten ist die Welt erheblich komplizierter geworden; das merken nicht nur die etablierten Religionen, sondern auch die Organisationen, die versuchen, global Einfluß zu nehmen, seien es die Geheimdienste, die verschiedenen geheimen Logen oder wir. Seit dem sich letztendlich als vergeblich erwiesenen Attentat auf Kennedy ist es uns kaum einmal gelungen, mit einer gezielten Aktion wirklich das angestrebte Ziel zu erreichen. Ich stelle mir schon lange und euch hier die Frage: Ist die Welt inzwischen selbst für uns zu kompliziert geworden?«

Er ließ das folgende nachdenkliche Schweigen anschwellen, bis Maria den Eindruck hatte, irgendetwas in ihr müsse platzen. Dann fuhr er emotionslos fort: »Wir werden in dieser Nacht viel zu besprechen haben. Als letzten Punkt, bevor wir uns in Arbeitsgruppen aufteilen, möchte ich die Gentechnologie erwähnen, über die wir uns wahrscheinlich sehr streiten werden. Vor zehn Jahren beschlossen wir, sie zu fördern und ihre Kritiker mundtot zu machen. Ich beugte mich entgegen besserer Einsicht der Mehrheit. Inzwischen haben wir unser Ziel erreicht: Zwar gibt es noch Widerstand, doch die kritischen Stimmen in der Fachwelt sind fast alle verstummt. Wir haben gute Arbeit geleistet und obendrein bewiesen, dass Wissenschaftler, die unter unserer geistigen Kontrolle stehen, deshalb nicht weniger kreativ sein müssen. Ich jedoch empfinde die Gentechnologie als ausgesprochen bedrohlich. Sie ist in den letzten zehn Jahren extrem gefährlich geworden. – Bitte, Herr Kollege.«

Er wandte sich einem jung und dynamisch aussehenden Mann zu, der beim letzten Satz impulsiv aufgesprungen war; er war Maria schon früher am Abend aufgefallen. Groß, blond, blauäugig, entsprach er ganz dem Klischee des Deutschen. Sie war überrascht, dass er das Esperanto, die allgemein verbreitete Sprache der geheimen Gemeinschaft, mit französischen Akzent sprach, und nahm sich vor, ihn später anzusprechen. Die Gelegenheit, einen ihresgleichen zu treffen, der sie auch als Mann interessierte, musste sie unbedingt wahrnehmen.

»Herr Vorsitzender, lieber Abraham, ich muss energisch widersprechen. Die Gentechnologie bietet enorme Chancen für die Menschheit und damit für uns. Ich weise hier nur hin auf die Bekämpfung gewisser Krankheiten wie Diabetes oder die Bluterkrankheit die Möglichkeiten der Züchtung resistenter Pflanzensorten oder nützlicher Bakterien oder die realistische Chance, uns bald unsere eigenen wohlschmeckenden Menschen klonen zu können.«

Der Vorsitzende lächelte den aufgeregten jungen Mann – wie alt war er wohl wirklich, fragte sich Maria – freundschaftlich an. »Mein lieber Freund, ich habe mich schon mit deinem Vater über den Sinn der Alchimie gestritten, und ich habe deiner Gentechnologie noch nie viel größere Chancen auf positive Wirkung für die Mehrheit der Menschen gegeben. Für euch, die ihr sie betreibt, ist der Effekt natürlich der gleiche: Ihr macht aus Mist Gold bzw. Geld. Doch stell dir vor, René, die damals befürchteten Risiken treten ein: Freigesetzte Bakterien mutieren etwa und vernichten unkontrollierbar wichtige Stoffe, zum Beispiel Kunststoff. Unsere ganze Aufbauarbeit der letzten Jahrhunderte könnte zunichte gemacht werden.«

»Das sind die gleichen Argumente, die du vor zehn Jahren gebracht hast. Was hat sich geändert?« Maria musste dem Jüngeren vorbehaltlos zustimmen. Sie war gespannt, wie der Vorsitzende sich durchsetzen wollte. Dieser blieb ganz ruhig.

»Ich werde dir die Antwort nachher im kleinen Kreis geben. Ich kann das Thema jetzt nur anreißen; es muss in einer Arbeitsgruppe vertieft werden. Bevor wir jedoch jetzt gleich eine kurze Pause machen und uns dann bis morgen früh in Gruppen aufteilen, stelle ich kurz die bisher vorliegenden Anträge zur nächsten 10-Jahres-Strategie vor. Erstens: Es wird beantragt, auf die Beschränkung der Verwendung von atomaren, chemischen und biologischen Waffen hinzuarbeiten. Die Eliminierung gewisser Forscher und Händler sollte beschlossen werden. Zweitens: Es wird vorgeschlagen, die bedeutendsten Gentechnologen auf Dauer zu neutralisieren.« Ein Raunen ging durch die Versammlung. »Drittens: Es wird beantragt, die für die Überwindung der Apartheid in Südafrika verantwortlichen Politiker aus dem Weg zu räumen, damit das Klima der Gewalt dort wieder angeheizt wird.« Maria stellte fest, dass sie wie die meisten um sie herum unwillkürlich nickte – das war ein sinnvoller Antrag, der vor allem auch Aussicht auf Erfolg hatte. »Viertens liegt mir hier ein Antrag vor, den haitianischen Präsidenten zu beseitigen, um Haiti auf Dauer instabil zu halten. – Es werden sicher noch viele weitere Vorschläge in dieser Nacht erarbeitet werden, über die wir morgen abstimmen müssen. Ich wünsche euch bis dahin angenehme Gesellschaft unter euresgleichen, und vergeßt nie: Wir sind die Hirten, die Menschen die Schafe.«

Während des lange anhaltenden Applauses machte sich Maria an René heran, und sie konnte in der nun folgenden Pause feststellen, dass er wirklich sehr viel älter und erfahrener war, als er aussah, körperlich aber voll auf der Höhe.

Eine Stunde später begaben sie sich Arm in Arm wieder unter die anderen Vampire, um mit ihnen das Schicksal der Menschheit zu beraten.


Der Text ist entnommen dem Buch »Carmilla«, dem »Buch zum Kultstück« von Friedhelm Schneidewind und Ulrike Schneidewind (1994, nicht mehr in dieser Form lieferbar, als Neuausgabe ohne weitere Geschichten von 2001 bis 2015, seither nur noch antiquarisch), und auch enthalten in dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind