Humane Wertstoffverwertung

© 1997 Friedhelm Schneidewind

Lesung im Bermudafunk, 13.10.2003, MP3: 2:14 Min. · 390 KB

»Literarisches Doppel«, Stadtbücherei Heidelberg, 11.11.2010, MP3: 3:14 Min. · 3,0 MB

Lesung im Bermudafunk, 08.12.14, MP3: 1:48 Min. · 1,7 MB
Der Textteil der Sendung kann hier heruntergeladen werden: 25:15 Min., MP3: 14,4 MB

Lesung im Bermudafunk, 8.8.16, MP3: 3:03 Min. · 2,8 MB
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See der Sinne, Wiesensee Hemsbach, 24.9.2016, LESUNG live, gesendet im Bermudafunk, 10.10.16, MP3: 3:03 Min. · 2,8 MB
See der Sinne, Wiesensee Hemsbach, 24.9.2016, LESUNG: VIDEO WMV 360 x 300 Pixel, 2:00 Min. · 16,3 MB · WMV 800 x 450 Pixel, 2:00 Min. · 35,2 MB


 

»Herr Professor Gnadenreich, nun erläutern Sie unseren Hörerinnen und Hörern doch bitte einmal genauer, was es mit dieser neuen EU-Verordnung auf sich hat. Ich muss gestehen, ich habe es nicht verstanden. Schon der Titel ist abschreckend, ich lese nur mal den ersten Teil: ›Anordnung des Ministerrats der EU zur Erweiterung des Prinzips des Wertstoffkreislaufs auf Bürgerinnen und Bürger der Union‹. Was soll das Ganze?«

»Nun, das ist sehr einfach. Wir haben damit die ultimative Waffe geschaffen zur Bekämpfung des Mißbrauchs von Sozialleistungen; künftig fällt niemand mehr irgendwem oder gar dem Staat zur Last. Ich zitiere: ›Übersteigt der Quotient aus Alterskennzahl und dem Produkt aus Gesundheitsindex, Produktivitätsindex, Besitzindex und Konsumindex den Grenzwert von 60, so ist die unverzügliche Verwertung anzuordnen.‹ «

»Und was heißt das?«

»Die Alterskennzahl ist die Zahl der vollendeten Lebensjahre multipliziert mit 100. Für jedes lebende Kind, das ein nützliches Glied der Gesellschaft ist, also einen Produktivitätsindex größer 1 hat, wird sie um 30 vermindert. Das heißt, sie dürfen praktisch für jedes Kind, aus dem was wird, 3 Jahre älter werden.«

»Und diese Zahl muss ich teilen durch verschiedene Kennzahlen, die mir sagen, wie ich zum Rest der Bevölkerung stehe?«

»Genau. Wenn sie in allen Bereichen total Spitze sind – gesund, reich, viel verdienen und ausgeben, können Sie so alt werden, wie sie wollen. Aber ein zu 100 % Behinderter muss mit 60 Jahren zur Verwertung – es sei denn, er hat Kinder –, oder jemand, der gar nichts verdient oder konsumiert.«

»Und was heißt das nun: Verwertung? Und wann soll das Programm losgehen?«

»Die ersten Verwertungszentren nehmen ihre Arbeit am 1. Januar auf. Natürlich soll es dann ein angenehmes Ende geben – so wie in diesem alte Film, ›Soilent Green‹. Sie sehen eine tolle Landschaft, und eine schöne Musik begleitet Sie in die Ewigkeit. Der Grenzwert wird übrigens zunächst noch höher als 60 liegen, bis genügend Zentren vorhanden sind. Aber spätestens in drei Jahren sind wir bei 60 angelangt.«

»Das heißt also, alle über 60jährigen ... «

»Nicht alle! Das habe ich doch bereits erläutert. Aber im Prinzip – ja. Zuerst wird natürlich überprüft, ob noch Organe zu verwenden sind, und der Rest geht dann in die Nahrungsmittelproduktion.«

»Herr Professor Gnadenreich, stimmt es, dass Sie der Erfinder dieser EU-Verordnung sind?«

»Nun, ich kann mir durchaus schmeicheln ... Aber ... was soll das? Sie haben doch noch Zeit ... Tun Sie die Pistole weg ...«
 
 

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir bedauern diesen Zwischenfall. Herr Professor Gnadenreich ist seinen Verletzungen noch im Studio erlegen, unser Moderator ist entkommen. Wir haben leider erst im Nachhinein erfahren, dass seine Eltern beide über 90 sind und zu den ersten Kandidaten der Verwertung gehören sollten. Dass er zu den Initiatoren der sich zu den Bombenanschlägen der letzten Woche bekennenden Terrorgruppe WIM, ›Wiederverwertung ist Mord‹, gehören soll, weist der Sender mit aller Entschiedenheit zurück.«


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind