Das Max Ophüls Festival 1999

Die Landeshauptstadt Saarbrücken, Geburtsstadt des Film-, Theater- und Hörspielregisseurs Max Ophüls, vergab 1999 zum 20. Mal den Max Ophüls Preis für deutschsprachige Nachwuchsregisseure und Nachwuchsregisseurinnen. Ein Jubiläumsfestival der doppelten Art, denn die Stadt feiert in diesem Jahr zugleich ihr 1000jähriges Bestehen.
 

Es war ein gelungenes Jubiläumsfestival, das 20. Festival Max Ophüls Preis, trotz einiger Schwächen. Über 20.000 Menschen erlebten ein rundes Programm mit zum Teil sehr überzeugenden Filmen, und auch die Preise gingen zum großen Teil in Ordnung, auch wenn die Verleihung des Hauptpreises Fragen aufwirft und ich sie aus prinzipiellen Erwägungen nicht in Ordnung finde.

Wie in den letzten Jahren hatten Festivalleiterin Christel Drawer und Kurzfilm-Chef Ewald Blum wieder ein interessantes, rundes Filmprogramm zusammmengestellt (mit ca. 70 Lang- und fast ebensovielen Kurzfilmen). Neben den Wettbewerbsfilmen möchte ich besonders die Retrospektive »IndustrieWelten« positiv herausstellen, in der ganz unterschiedliche Filme aus den letzten 70 Jahren das Thema »Mensch und Arbeit« beleuchteten; das reichte von »Vu Feier an Eisen« von Gustave Labruyère von 1921 (!) über Filme von Eisenstein,  René Clair und Konrad Wolf bis zu »Harlan County, U.S.A.« von Barbara Kopple von 1976. Hier wurde das Festival wieder seinem politisch-sozialkritischen Anspruch gerecht. Auch die übrigen Reihen überzeugten, von den britischen Filmen bis zu den Saarbrücker Premieren. 

Natürlich faszinierte das Festival auch in diesem Jahr wieder mit  seinem allseits gerühmten Charme, durch die Nähe, die Kommunikationsmöglichkeiten und Direktheit. Und der neue Festivaltrailer (leider lief er nicht vor allen Filmen) ist ein Genuß: amüsant und mit einem Schuß Selbstironie (»Hollywood in Saarbrücken«) zur Musik aus dem Film »La Ronde« von Max Ophüls – die stammt übrigens von Oskar Straus, dessen »Lustige Nibelungen« derzeit erfolgreich im Staatstheater laufen.

Die Eröffnung – mit dem besten Eröffnungsfilm seit Jahren, »Bis zum Horizont und weiter« von Peter Kahane - war rundum gelungen, und Lolas Bistro wie immer ein wichtiger und angenehmer Treffpunkt. Die Preisverleihung im Staatstheater allerdings war eine Pleite: Die Moderatorin Inez Lang, bekannt durch ihre Tätigkeit beim Saarländischen Rundfunk, leistete sich dermaßen viele peinliche Versprecher und dumme Bemerkungen, dass ich mich zurücksehnte nach den bissigen Kommentaren und der Komik von Detlev Schönauer im letzten Jahr. Das Christoph-Mudrich-Trio, wie stets hörenswert, war ein Lichtblick, doch das Programm der »Blauen Engel«, drei Frauen, die mit Lieder von vor 60 Jahren angeblich »fein-witzig, von Ironie durchlüftet ... einer frechen Nostalgie« frönen sollten, war für die Länge (ca. 1 Stunde) zu eintönig und nur etwas für Fans dieser nostalgisch angehauchten Musik. Meist war nicht klar, ob sie ihre Darbietung ironisch oder ernst meinten... Die Festivalleitung sollte sich für die Zukunft etwas Rasanteres einfallen lassen, um die lange Zeit bis zur Preisverleihung zu überbrücken (muss das so lange dauern?). Und auch bei dieser sollte sich etwas ändern: Wenn man die Anzahl der Preise (inklusive eines kurzfristig verliehenen undotierten 12 in diesem Jahr!) nicht reduzieren will oder kann, sollte man die Verleihung erheblich straffen, vielleicht die »kleinen« Preise nur kurz bekanntgeben. Dafür sollte es viel früher viel mehr Filmausschnitte geben; zumindest den ausgezeichneten Kurzfilm GFRASTA hätte man ruhig zeigen können. 

Die Jury hat in diesem Jahr Wert darauf gelegt, Kinofilme auszuzeichnen, Filme für die große Leinwand und nicht für das Fernsehen, eine begrüßenswerte Entwicklung, gerade nach der Fehlentscheidung des letzten Jahres. Bis auf den Hauptpreis gingen denn auch alle Preise in Ordnung. Nicht dass »Three below zero« nicht preiswürdig wäre, es ist gelungenes Kino und kam beim Publikum verdientermaßen sehr gut an. Aber wieso ein 44jähriger Regisseur noch als Nachwuchs gilt, der laut Katalog schon »zwischen 1978 und 1982 Herstellungsleiter und Regisseur« war und »seit 1993 arbeitet als Drehbuchautor und Regisseur«, ist mir ein Rätsel. Und warum geht ein »Nachwuchspreis zur Förderung des deutschsprachigen Filmes« an einen in Englisch in New York gedrehten Film? Man kann die Richtlinien natürlich so auslegen, dass dieser Film bzw. Regisseur darunterfällt, aber ich denke, diese Richtlinien sollten überarbeitet werden, und vor allem sollte der Auswahlbeirat seine Kriterien dafür, was deutschsprachiger Nachwuchs ist, überdenken. Nicht, dass ich etwas gegen fremdsprachige Filme oder Regisseur/innen hätte: Ein Film etwa wie »Yara« war zurecht dabei, denn hier hat die türkische Sprache etwas zu tun mit der Geschichte des Films, ist notwendiger Bestandteil und gehört zu den Menschen, von denen er erzählt. Aber Simon Aeby erzählt, so seine eigene Aussage bei der Preisverleihung, eine Geschichte, die »in Deutschland nicht funktionieren würde«, und das in Englisch – ich finde diese Entscheidung falsch und auch schädlich für den Ruf des Festivals, das gegen die »Großen« nur bestehen kann, weil und wenn es eine klare Linie in der Auswahl der Filme behält. 

Bedauerlich ist, dass »Virtual Vampire« von Michael Busch leer ausging, denn dieser Film ist nicht nur schlüssig und spannend erzählt, gut fotografiert und gespielt, sondern hat etwas geschafft, was wenigen Nachwuchsfilmen oder Erstlingswerken gelingt: Er hat sein Genre um einen eigenständigen, neuen Aspekt bereichert - was der Jury vielleicht gar nicht auffallen konnte (Udo Kier, der 1995 in der Jury saß, hätte das als erfahrener Dracula-Darsteller vielleicht erkannt...).  Das »Vampyr-Journal« hat »Virtual Vampire« ausgezeichnet als »Vampirfilm des Jahres 1998« (siehe Kritik).

Nachdem der »Max« vor zwei Jahren erwachsen wurde, kann er nun froher Hoffnung auf hohem Niveau ins dritte Jahrzehnt starten. Bleibt zu hoffen, dass die Politiker zu der von ihnen angekündigten (vor allem finanziellen) Unterstützung stehen und dem Festivalteam um Christel Drawer eine langfristige Fortsetzung dieser erfolgreichen Arbeit ermöglichen. 

Die Preise 1999

MAX OPHÜLS PREIS THREE BELOW ZERO von Simon Aeby (Schweiz)
USA/Schweiz/Deutschland 1998, 35 mm, 98 Min., DEA, OmU
Drei Personen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft sind während eines Sommergewitters im Waschraum ihres New Yorker Wohnhauses eingeschlossen. Der junge Julian ist mit zwei Frauen konfrontiert, die seine jugendlich-männlichen Phantasien auf eine harte Probe stellen. Dabei entwickelt sich ein gefährliches Spiel mit der Wahrheit, das nach und nach Einblicke gibt in alle Hoffnungen und Frustrationen. Intime Geständnisse und Provokationen nehmen ihren freien Lauf. Bis Julian durch einen elektrischen Schlag die Wirklichkeit kippen sieht . . .
Preis des saarländischen Ministerpräsidenten OI WARNING (Fettes Gras) von Dominik & Benjamin Reding
Deutschland 1998, 35 mm, 91 Min.
Der 17jährige Janosch haut von zu Hause ab und flüchtet zu seinem Freund Koma, Skinhead und Kickboxer, in Janoschs Augen ein echter Held. Um Koma zu imponieren, versucht Janosch immer mehr, sich dessem Lebensstil anzupassen. Ein Konflikt bahnt sich an, als Janosch den Bauwagenpunk Zottel kennen und lieben lernt, und Koma eifersüchtig Zeuge einer wilden Liebesnacht der beiden wird.
Kurzfilmpreis GFRASTA von Ruth Mader
Österreich 1998, 35 mm, 11 Min. 
Förderpreis PLUS-MINUS-NULL von Eoin Moore
Deutschland 1998, 35 mm, 80 Min.
Publikumspreis APRILKINDER von Yüksel Yavus
Deutschland 1998, 35 mm, 85 Min.
Preis für die beste Darstellerin JANINA SACHAU (»Requiem für eine romantische Frau«)
Preis für den besten Darsteller XAVER HUTTER (»In Heaven«)
Produzentenpreis THOMAS KUFOS (Zero-Film, z. B. »Aprilkinder«)
Drehbuchpreis DAGMAR KNÖPFEL (»Requiem für eine romantische Frau«)
Interfilmpreis DRACHENLAND von Florian Gärtner
Deutschland 1998, 35 mm, 95 Min.
Feminapreis JUDITH KAUFMANN (Kamera »Drachenland«

Alle bisherigen Preisträger/innen der Hauptpreise haben wir auf einer eigenen Seite aufgeführt.

Vieles zum Festival findet man im Buch »20 Jahre Filmfestival Max Ophüls Preis«

Und wer sich vielleicht einmal selbst mit einem Film beteiligen möchte, findet bei uns außerdem die Richtlinien.