3 x Komik im Staatstheater:

In der Spielzeit 1998/99 setzt das Saarländische Staatstheater (auch) auf niveauvolle Komik, und dies mit durchaus beachtenswertem Erfolg.


Das neue Musical: Paradise of Pain

Das neue Musical von Frank Nimsgern ist für das Saarländische Staatstheater in mehr als einer Hinsicht ein Wagnis. Zunächst ist es eine Auftragsarbeit, also eine Uraufführung - kein eingeführtes oder zumindest anderswo schon erfolgreiches Musical wie in den letzten Jahren die »Rocky Horror Picture Show« oder »Cyrano de Bergerac«. Außerdem ist die Thematik und die Art, wie hier mit Gott Vater und Sohn umgesprungen wird, durchaus geeignet, in konservativen oder christlich fundamentalen Kreisen ein Bauchgrimmen bis hin zu Protest zu erzeugen. Erstaunlicherweise blieb dies aus – vielleicht, weil sich solche Leute nicht in ein Musical dieser Art verirren...
Die Story ist simpel, fast schon zu simpel und naiv gestrickt. Der Kleingangster Jonathan Diver – herrlich schmalzig gespielt von Frank Fellicetti – und der brave Buchhalter Johannes Taucher – überzeugend: Florian Schneider - werden zur gleichen Zeit erschossen, landen jedoch jeweils am falschen Ort. Während der brave Johannes sich in einer ziemlich lauten, dreckigen und maschinestarrenden Hölle, die irgendwie an Metropolis erinnert, mit der geilen Domina Mephista – bis in die letzten gestischen Elemente super gespielt von Valerie Simmonds – auseinandersetzen muss und ihr das Leben schwer macht mithilfe der aus dem Klo gefischten Höllenordnung, lässt sich Jonathan im Himmel von Oberengel Angelina – leider allzu schnulzig gespielt von Nicole Malangré – seinen größten Wunsch erfüllen: eine eigene Schnapsbrennerei.
Es kommt, wie es kommen muss: Im rosaroten, plastiksesselbewehrten Himmel sind bald alle, von Casanova bis zu Leonardo da Vinci, sturzbesoffen und lassen sich’s gut gehen, und Angelina, die vorher schon ganz unhimmlich trauerte – »wenn keiner mich begehrt, hat Schönheit keinen Wert« - und Jonathan verlieben sich ineinander.
In der Hölle wird die Liebe zwar nicht so deutlich, aber dafür Johannes zum Chef und sorgt per Höllenordnung für tarifliche Pausen – und so dafür, dass im Himmel das Licht ausgeht, weil zuwenig Strom produziert wird.
Das kann Gottvater natürlich nicht dulden. Er ruft die Himmels- und die Höllenchefin zum Rapport und zur Ordnung, doch die beiden Schwestern verbünden sich, und in beiden Bereichen wird gestreikt. Gott spricht ein Machtwort, macht den »Computerfehler«, der an der Verwechslung schuld sein soll, rückgängig und schickt die beiden Herren wieder auf die Erde; Mephista und Angelina müssen die Posten tauschen. Doch die zwei sorgen dafür, dass ihre beiden Lover gleich wieder erschossen werden...
An Logik kann man in einem solchen Stück natürlich nicht allzuviel erwarten, aber manchmal kommt es da doch ein bißchen dicke, hält sich das Stück allzuwenig an seine eigenen Voraussetzungen. Fantasy darf alles, doch wenn sie gut sein will, muss sie sich an die selbstgeschaffenen Bedingungen halten und in sich stringend und schlüssig sein. Frederik Pohl, in den 70er Jahren der meistausgezeichnete SF-Roman-Autor, meinte einmal, ein Autor dürfe lügen, dass sich die Balken biegen, aber eines würde man ihm nie verzeihen: wenn er auf der »erlogenen« Prämisse nicht logisch aufbaue. Dies gilt natürlich auch für ein Fantasy-Musical wie Paradise of Pain.
Das Stück hat durchaus Stärken. Zunächst ist da ein hervorragendes Ensemble, aus dem besonders Sven Sorring in seiner Doppelrolle als Ekelpaket »Klobürste« in der Hölle und himmlicher Gottessohn hervorzuheben ist – dieser hat auch die Vertauschung, durchaus absichtlich, programmiert, um seinen obertrotteligen Vater zu provozieren. Sorring bietet ein phantastische darstellerische und eine phänomenale Energie-Leistung. Das Bühnenbild ist gelungen, die Tänze sind hervorragend choreographiert und dargeboten, und die Musik des saarländischen Jungstars Frank Nimsgern kann in weiten Teilen überzeugen. Und doch liegt in der Musik das Hauptproblem. Mal abgesehen davon, dass heute wohl kein Musical mehr auskommt ohne ein Übermaß Kitsch und Schmalz und dass Nimsgern dem im Übermaß Rechnung trägt: Man versteht einfach zu wenig!

Einer der Vorzüge von Operette und Musical gegenüber der Oper war  immer, dass man verstehen kann, was gesungen wird. Seitdem jedoch die Musicals immer bombastischer werden, auch im musikalischen Bereich, ist dies immer seltener der Fall, und Paradise of Pain stellt da leider einen ziemlichen Negativ-Rekord auf. Vieles von dem, was im oder mit Chor gesungen wird, und sogar manche Soli werden von der Begleitung einfach erschlagen! So gehen auch viele Sinnzusammenhänge verloren, kann man so manche kleine Delikatesse nur würdigen, wenn man es vorher im Programmheft gelesen hat, etwa wer da alles in Himmel oder Hölle sitzt.
Und warum muss Jonathan dann auch noch englisch singen? Wenn er auch englisch spräche, wäre das schlüssig, aber er redet deutsch, dann sollte er auch deutsch singen! Das ist nur unsinnig und störend.
Unterhaltsam ist es schon, dieses neue Musical des Saarländischen Staatstheaters, und ich halte es auch für sinnvoll, es in die nächste Spielzeit zu verlängern. Doch von dem vom Intendanten so gerne herbeibeschworenen Weltniveau ist es dann doch ein ganzes Stück entfernt, sowohl von der billigen Story wie musikalisch und von der Umsetzung her. Da fährt man besser nach Wien zum »Tanz der Vampire«. Doch für einen amüsanten Abend ist der saarländische Himmel-und-Hölle-Spaß durchaus empfehlenswert.


»Die lustigen Nibelungen« des Oscar Straus

Weitaus besser als Paradise of Pain gefiel mir die 1904 in Wien uraufgeführte »burleske Operette« »Die lustigen Nibelungen« von Oscar Straus (weder verschwägert noch verwandt mit Johann Strauß oder Richard Strauss), die das Saarländische Staatstheater in einer unserer Zeit sehr adäqaten Art und Weise inszeniert hat.
Oscar Straus (1870-1954) war ein wenn auch heute fast vergessener, so doch durchaus erfolgreicher Komponist (»Der Walzertraum«, 1907); sein letzter großen Erfolg war die Musik zu Max Ophüls’ Film »Der Reigen« (1950), der hier bereits im Rahmen des Max Ophüls Festivals zu sehen war. Straus war bekannt für seinen Sarkasmus und seinen Witz, und in dieser Hinsicht sind »Die lustigen Nibelungen« ein Meisterwerk. Wie Offenbach etwa in »Orpheus in der Unterwelt« gelingt Straus eine Parodie, eine Travestie auf seine Zeit im Gewande einer alten Geschichte, des Nibelungenliedes – und das Statstheater überträgt diese gut auf die unsere.
Die Handlung als bekannt vorausgesetzt – erheblich mehr hierzu und zu den Hintergründen findet sich im bei uns vorliegenden Essay von Thomas Mörschel –, sind die Abweichungen das Spannende, in denen das damalige Kaiserreich und in der heutigen Inszenierungen unsere Zeit auf die Schippe genommen wird: Da wirft Siegfried (Rupprecht Braun) den Hort nicht in den Rhein, sondern bringt ihn auf die Bank und lebt von den Zinsen, seine empfindliche Stelle sitzt am Hinterteil – ein echter Schwerenöter:


Ich brachts auf dem Gymnasium mit Not bis Obertertia,
denn das verdammte Studium macht keinem Recken Scherz ja!
Mein Vater sprach gerührt zu mir: Hier hast du deine Waffen,
Du bist der rechte Mann, um dir 'ne Existenz zu schaffen!
Du bist ein Kavalier, hast Chic und stolzen Namen,
Und wer dies beides hat, der hat auch Glück bei Damen!
Und hat er dieses nicht, so hat er Glück im Spiele.
Im heil'gen deutschen Reich ernährn sich davon viele!

Dieser Schwiegersohn kommt der Nibelungensippe gerade recht, vor allem, da König Gunther (Guido Baehr) ein echter Feigling ist, der vor dem Kampf mit Brünhilde (Stefanie Krahnenfeld) ausreißen möchte. Doch wie im Original bezwingt Siegfried diese für ihn und muss auch in der Hochzeitsnacht noch mal ran – wird aber entdeckt, und es kommt zum »Gottesurteil«, zum Duell zwischen Gunther und Siegfried im Boxring, bei dem Siegfried furchtbare Dresche auf den empfindlichen Po bezieht.
Am nächsten Morgen sind sich beim Lyonerfrühstück alle einig: Siegfried muss sterben:


Nun, so laßt uns denn Siegfried ermorden,
s'ist das Beste für ihn, denn ihr wißt:
s'ist noch keiner unsterblich geworden,
der nicht vorher gestorben ist!

Der grimme Hagen (Andrew Murphy) soll den Totschlag übernehmen, doch glücklicherweise versöhnt sich der Recke rechtzeitig mit Brünhilde, Kriemhild (Helene Lindquist) erhält statt seiner Attila, und so wird alles gut.
Ein sehr spielfreudiges Ensemble und eine mitreißende Musik, gelungene Komik und herrliche Satire sorgen für einen rundum gelungenen vergnüglichen Abend, selbst für Leute, die sonst mit Operette oder den alten Sagen nichts am Hut haben.



Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt

Den unterhaltsamsten Abend in letzter Zeit im Staatstheater bescherte mir der alte Shakespeare – allerdings in der von Daniel Singer, Adam Long und Jess Winfield »leicht gekürzten« Fassung. Die drei gingen nach einer einfachen, dem Straßentheater entlehnte Formel vor:

Witze pro Sekunde multipliziert mit Tempo ist gleich Geldscheine im Hut.
Mehr Witze: mehr Scheine – bessere Witze: größere Scheine

Und drei weitere Herren setzen dieses Konzept in Saarbrücken bestens um: Lothar Bobbe, Matthias Girbig und Klaus Zwick lassen einen vor Lachen nicht zur Ruhe kommen. Zugegeben, nicht alle Stücke kommen gleich gut weg: Romeo und Julia werden am Anfang in etwa 30 Minuten ausführlich vorgestellt (wann darf ein Schauspieler schon so viele häßliche blonde Perücken tragen!) – doch dann gehts Schlag auf Schlag: Macbeth in zwei Minuten, Titus Andronicus in drei Minuten, Othello als Rap – und sämtliche Komödien als – etwas schwache – Ballade in zwei Minuten zusammengefaßt, da »keine Komödien so witzig sind wie seine Tragödien«. Das Ganze mit Witz über Witz – bei Julius Cäsar muss dieser Brutus an den Stich erinnern (»Auch DU, mein Sohn Brutus!«) – und unheimlich lebendig und rasant gespielt, teilweise sogar mit Beteiligung des Publikums.
Höhepunkt sind die geniale Moderation und die Überleitungen und zum Schluß der Hamlet, der in einer halben Stunde gleich mehrfach über die Bühne geht: in einer gekürzten Fassung, in einer Kurzfassung der Kurzfassung (mit kürzeren Degen...), in einer noch kürzeren Kurzfassung und schließlich diese auch noch rückwärts (wann darf ein Schauspieler schon so viele Male ins Publikum kotzen?!)
In der Pause kann man sich das köstliche Programmheft zu Gemüte führen, mit Kurzfassung aller Shakespeare-Werke (ernst gemeint) und einer Biographie des Dichters (weniger ernst gemeint), wonach er kurz vor Vollendung seines Spätwerkes »Die 100 besten Longdrinks aus aller Herren Länder« an einem unsachgemäß gerührten (nicht geschüttelten) Martini verstarb und dabei eine ganze Reihe offener Fragen hinterlassen haben soll.
Diese hinterlässt auch der Abend beim Publikum, das deshalb gar nicht nach Hause will und wohl den drei Darstellern die ganze Nacht weiter zuschauen könnte ...