SKJ 5/1994: Der Saar-Sängerbund – Interview mit Martin Folz

Der Saar-Sängerbund (SSB) ist in den letzten Monaten einige Male in die Schlagzeilen geraten, besonders wegen der Querelen um seinen damaligen Vorsitzenden, den »Multifunktionär« Prof. Dr. Wendelin Müller-Blattau. Im April übernahm mit Finanzpräsident Hermann-Josef Hiery aus Ensdorf ein Mann das Amt, dem viele zutrauen, die Verkrustungen aufzubrechen, das – besonders bei jungen Leuten – angeschlagene Image des Verbandes wieder zu heben und den stetigen Mitgliederverlust aufzufangen.

Mit dem stellvertretenden Bundes-Chormeister Martin Folz sprachen wir über seine Vorstellungen eines modernen Dachverbandes.

ZUR INFORMATION:

Der Saar-Sängerbund besteht mit Unterbrechungen seit 1862. Derzeit gehören ihm 413 Chöre an, davon 206 Männer-, 10 Frauen-, 135 gemischte, 16 Jugend- und 37 Kinderchöre. 14.000 singenden Mitgliedern (70% männliche) stehen etwa 28.000 fördernde Mitglieder gegenüber. 
Der Saar-Sängerbund bietet seinen Mitgliedern Fachzeitschriften, Mitwirkung bei Chorveranstaltungen, Aus- und Fortbildungsmaßnahmen, die Möglichkeit von abzugsfähigen Spendenquittungen, Übernahme der GEMA-Gebühren bei Konzerten, Zuschüsse verschiedenster Art und Versicherungsschutz für aktive Chormitglieder.
(alle Angaben entnommen dem Handbuch des SSB, »Singen schlägt Brücken«, 1994)

ZUR PERSON:

Martin Folz, Dirigent, stellvertretender Bundes-Chormeister beim SSB, leitet den Saarknappenchor, den Spee-Chor Trier, die »Chorformation Grenzgänger«, das (Männer-)»Ensemble 85«, den Projektchor »conventus cantorum« und das »Collegium musicum« der Universität des Saarlandes. Mitglied des Musikkabaretts »Trio Toccato«. Diverse CDs, u. a. mit dem Saarknappenchor und den Grenzgängern. Dozent u.a. bei der Sommerakademie Blieskastel (»Chor intensiv«), wo er 1997 in zwei Wochen die CARMINA BURANA erarbeiten wird.

Kontaktadressen: 

Martin Folz
Rotenbühler Weg 28 a
66123 Saarbrücken
Tel. 0681 3 35 44
Fax 37 23 10 

Saar-Sängerbund
Schloßstraße 8
66117 Saarbrücken
Tel. 0681 58 51 41 + 58 16 33 

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Herr Folz, können Sie uns bitte ein paar Eckpunkte nennen für Ihre »Vision« eines modernen Dachverbandes für die singenden Menschen im Saarland?

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Ein moderner Dachverband, nennen wir ihn einmal »Saar-SängerInnenbund«, darf sich nicht verstehen als reiner Traditionsverein. Natürlich gilt es, das Alte, das sich bewährt hat, das gut ist, zu bewahren. Doch ebenso wichtig ist es, das Neue zu fördern. Denn nur wenn es einen Fortschritt gibt, gibt es auch eine Tradition. Ein solcher Verband muss also offen sein, tolerant, innovativ und einfallsreich. Vor allem aber muss er auch neue Formen, die von seinen Mitgliedern oder von außen an ihn herangetragen werden, akzeptieren, umsetzen und daraus lernen.

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Gerade damit scheint es ja in letzter Zeit Schwierigkeiten zu geben, wenn man sich nur die letzte Ausgabe Ihrer Zeitschrift »Chor an der Saar« betrachtet, schreibt doch dort ein Mitglied des Vorstandes über »vagabundierende Chöre«, die in den SSB nicht hineinpassen. Es scheint also wohl maßgebliche Leute zu geben, die nur die »klassischen« Formen eines Chores akzeptieren wollen, mit Vorstand usw., wie Sie sie ja mit Ihrem »Trio Toccato« so trefflich karrikieren.

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Viele unter uns müssen lernen, dass alte, bekannte und erprobte Strukturen aufbrechen, dass neue Formen ausprobiert werden und sich etablieren. Das heißt nicht, dass das Alte sich ändern muss; die Leute, die damit zufrieden sind, sollen es gerne so weiter machen. Doch müssen wir auch neue Formen akzeptieren und sie als Dachverband wahrnehmen, daraus lernen, sie fördern und nicht sie bremsen. Es kann doch nicht angehen, dass ein bekannter und höchst erfolgreicher Projektchor als »vagabundierender« Chor bezeichnet wird, dass auf Schulchöre oder Ensembles herabgeschaut wird, weil sie keinen »richtigen« Verein oder Vorstand haben. Im Gegenteil, oft sind dies sehr demokratische, fortschrittliche Strukturen, und die Demokratie im SSB muss stark genug sein, diese zu integrieren. Wenn Leute wehmütig zurückblicken und das Ende des SSB herbeiorakeln, dann erreichen sie damit bestenfalls, dass man dies im Nachhinein als selbsterfüllende Prophezeiung betrachten wird. Unsinnige Konstruktionen, irrige Strömungen, reine Zeitgeisterscheinungen werden sich sowieso nicht durchsetzen – aber es ist nicht die Aufgabe des SSB, sie abzuwürgen. Es gibt schließlich nichts, von dem man nicht doch lernen kann – und sei es nur, wie man es nicht machen soll.

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Der SSB bietet einiges an Service, in seinem Handbuch füllt er damit zwei Seiten. Doch insgesamt kommt mir dies sehr dürftig vor: der SSB als Verwaltungsstelle. Muß ein moderner Dachverband nicht auch moderne Formen anbieten – ich denke da etwa an den »Chor intensiv«, den Sie seit drei Jahren so erfolgreich in Blieskastel abhalten.

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Im Prinzip haben Sie recht. Wir bieten schon eine Menge, etwa in der Förderung von Jugendchören oder mit der Übernahme von GEMA-Gebühren, auch Konzerte und Kozertreisen werden bezuschußt. Trotzdem brauchen wir mehr Angebote und stärkere Präsenz. Besonders wichtig sind mir persönlich Chorakademien, und der »Chor intensiv«, zu dem ja viele Leute kommen, die sonst nicht in Chören organisiert sind, ist für mich da eine wertvolle Erfahrung. Besonders müssen wir an die Jugend ran, die, wie ich immer wieder erlebe, bereit ist zum Singen und es gerne tut, wenn sie nicht in verkrustete Strukturen gezwängt wird und ein wohlausgewogenes Musikprogramm geboten bekommt. Wir brauchen Kinder- und Jugendchortage, wir brauchen Festivals, internationale Begegnungen und Meisterkurse, wir sollten einen Landesjugendchor auf die Beine stellen, wir müssen stärker in die Schulen gehen und dort das Singen fördern, und wir müssen mehr Seminare für die Fortbildung unserer SängerInnen anbieten. Gesprächsrunden mit den DirigentInnen sind genauso wichtig wie Fortbildungsmaßnahmen für sie. Wir müssen unsere Saarland-Edition bekannter machen und voranbringen, in der wir Chorwerke saarländischer KomponistInnen veröffentlichen.Und wir müssen in die Öffentlichkeit gehen. Podiumsdiskussionen zum Stellenwert des Singens oder des SSB wären eine Möglichkeit, intensivere Präsenz in der Presse, besonders beim SR, ist vonnöten. Und wir müssen auch gesellschaftlich Stellung beziehen – gegen Ausländerfeindlichkeit etwa oder gegen Rechtsradikalismus und Gewalt prinzipiell, natürlich im Rahmen unserer Möglichkeiten, mit Musik und mit bzw. bei Veranstaltungen. Schließlich brauchen wir ein neues, moderneres Outfit und Logo. Die Verbandszeitschrift muss radikal erneuert und umgestaltet werden.

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Wenn Sie sich nicht durchsetzen können mit Ihren Vorstellungen – werden Sie dann weiter beim SSB bleiben? Oder sind irgendwann vielleicht nicht mehr bereit, Zeit und Kraft zu opfern für ein Anrennen gegen Wände statt für Ihre eigene künstlerische Arbeit?

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Was ich hier beschrieben habe, sind Visionen. Diese dürfen nicht scheitern an endlosen Diskussionen um eher belanglose Dinge wie Fahnen, Ehrungen, Podeste und die organisatorische Abwicklung von Sängertagen. Ich werde versuchen, mit meinen Kollegen etwas zu bewegen – einfach etwas zu tun und neue Ideen umzusetzen. Ich bin hoffnungsvoll, das einiges bewirkt werden kann. Und solange bleibe ich dem SSB verbunden.