SKJ 4/1991: Interview mit Thom Wolff

Thom Wolff als Schriftsteller und Kabarettist? Eine neue Karriere?

Ach nein, weniger als Schriftsteller. Ich hatte zwar schon immer witzige Ideen auf Lager, so Sketch-Einfälle, aber als Schriftsteller würde ich mich deswegen noch lange nicht bezeichnen. Ich wollte einerseits selber mal ganz gern Kabarett machen, zum andern sollte die nächste Eigenproduktion »Kabarett« sein, und da habe ich alle meine Gags zu Papier gebracht.

Ist Dir der Wechsel ins Kabarettfach leicht gefallen?

Nein, ganz und gar nicht. Ich hatte bisher ja immer ganz große und sehr gute ernste Rollen, wo man psychologisch vorgehen muß, und jetzt habe ich schnelle Wechsel mit mehr Spontankomik, man muß so schnell umschalten wie ein Torwart reagieren muß.

Gibt es für diesen Wechsel auch wirtschaftliche Hintergründe?

Teilweise, ja. Leider, müßte man sagen. Die Kulturförderung reicht lange nicht aus, die Bezahlung ist miserabel. Und ernste Stücke mit großem Tiefgang ziehen nicht so wie Kabarett, also war es nur eine Frage der Zeit, wann ich »umschulen« würde, allein, um auch etwas Lustiges im Angebot zu haben. Die ernsten Stücke laufen ja teilweise auswärts weiter.

Hast Du deshalb jetzt ein Kabarettprogramm geschrieben? Um Dir ein wenig den Frust Deines Berufes von der Seele reden zu können?

Nein, so kann man es nicht sagen. Es gibt auf der Bühne genügend Frust, z. B. wie ich als »Rousseau« oder bei August Strindberg gespielt habe. Kabarett ist kein Frust, sondern eher eine komische Variante des Frustes. Ich habe, das stimmt schon, einen Teil von meinen Frust oder von dem, was ich als Grundproblematik am Theaterberuf erkannt habe, in Kabarettform verpackt. Es war eher ein Spaß.

Du stehst nun seit sieben Jahren auf der Bühne, hast einige Produktionen über 130mal gespielt, hast nebenher studiert, besorgst noch Anzeigen und klebst Plakate. Da kann man doch schon frustriert sein. wenn man noch immer nicht davon leben kann.

Also ich habe nichts gegen meinen Beruf, gegen das Studio-Theater, gegen die viele Arbeit. Man wird täglich gefordert, lernt dazu und lernt Leute kennen. Es ist zwar nicht einfach, aber immer interessant, was man nicht von allen Berufen behaupten kann, auch nicht von jeder Fummelarbeit, die mit einer ABM-Stelle gekrönt wird.

Aber die haben das Geld!

Ja, aber ich tröste mich damit, daß meine Arbeit mehr Substanz fordert als irgendwo herumzusitzen mit einem krummen Rücken. Ich schaffe es ja sogar, regelmäßig Sport zu machen, außer auf Gastspielreisen.

Du sprichst gerade von Gastspielen.Was Du in letzter Zeit alles gemacht hast: zwei Auftritte bei den Aktionstagen in St. Wendel, dann dort Kreisleistungsschau, Kinderfest in Bexbach, Tag der Erde im Deutsch-Französischen Garten, zwei Auftritte mit Detlev Schönauer zusammen zum Thema Ausländerfeindlichkeit in Völklingen...

Naja, das eine war nur ein Kurzauftritt, dafür war aber das ZDF dabei. Wir wurden allerdings von den Kindern der Theatergruppe Baris in den Schatten gestellt.

Aber wenn man bedenkt, neben der Probenarbeit zum neuen Stück, den täglichen Arbeiten im Theater noch die vielen Gastspiele, und das mit unterschiedlichen Stücken...

Ich betone nochmal, ich habe keinen Frust gegenüber meiner Arbeit, und seit wir ein Verein sind und ein vernünftig arbeitender Verlag uns betreut, läuft vieles einfacher. Kürzlich waren wir fünf Tage im Sauerland, da hatte ich täglich zwei Aufführungen mit drei verschiedenen Stücken. Vor einigen Tagen habe ich dreimal am Tag »Top Secret« gespielt, zweimal davon vormittags in Wadern für eine Kaufmännische Schule. Das ist schon ein Marathon, macht aber wegen der Herausforderung auch Spaß. Mein Frust richtet sich eigentlich hauptsächlich gegen die Stadt mit ihrer Förderpolitik, und daß meine ABM-Stelle abgelehnt wurde, war der größte Hammer und die größte Ungerechtigkeit, die ich in den letzten zehn Jahren erlebt habe. Besonders, wenn man ständig Vergleiche hat und mit anderen Veranstaltern spricht und sieht, wie die gefördert werden. Aber manchmal ist es auch gut, wenn man mal aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird, z. B. als ich in Nürnberg »Top Secret« gespielt habe. Ich stieg in Saarbrücken in den Zug, spielte in Nürnberg 90 Minuten, ohne Pause im Burgtheater, und fuhr dieselbe Nacht noch mit dem Zug zurück. Das sieht eigentlich mehr nach Streß aus, als es ist, aber beim Zugfahren hat man wenigstens Urlaub von Saarbrücken, man denkt nach, liest und schaltet ab.

Und da entstehen dann Texte fürs Kabarett...

Nein, mehr, wenn ich etwas getrunken habe. Und die sind meistens die besten. Wenn ich die dann später ändere und »verbessere«, werden die verbesserten Stellen dann vom Regisseur meist ersatzlos gestrichen, und übrig bleibt, was ich ganz spontan geschrieben hatte...

Wird es noch ein zweites Medienkabarett von Dir geben?

Ich weiß noch nicht. Was auch laufen müßte, wäre ein Beziehungskisten-Ding, denn da liegt Vieles im Argen. Ich bin manchmal auch ganz gut gebeutelt worden, was mich natürlich künstlerisch wachrüttelt. Aber mein Lieblingsentertainer ist und bleibt Eddie Murphy.

Ja, wie steht es denn mit den Frauen, als Schauspieler...

Habe ich alles in meinem Selbstinterview im »Der Weg zum Rum« angesprochen, gucken Sie mal das Stück, dann wissen Sie es. Ich habe jetzt keine Zeit mehr, ich brauche jetzt meine Dosis Haferflocken!


Interview aus »Der Weg zum Rum« 

Ja, meine Damen und Herren, ich stelle Ihnen jetzt einen anderen Künstler vor, Sie kennen ihn bestimmt alle: einen Streiter der freien Kulturszene in einer mittelgroßen Landeshauptstadt, wo die Kleinkunst großgeschrieben wird. Sie wissen, um welche Stadt es sich dreht, nämlich – Saarbrücken, und ich begrüße im Studio: Thom Wolff. Bitteschön.

Guten Tag, Herr Wolff. Grundsätzlich einmal die Frage, wie wird man Schauspieler?

Nein, nicht schon wieder. Also wissen Sie, diese Frage, ich meine, tja, die wird mir immer wieder gestellt. Also ich glaube, das liegt an der Person. Man hat, glaube ich, einen Berufskomplex, wissen Sie, einen Frust...

Aber, aber, Sie und Komplex...

Ja, das glaube ich. Ich war z. B. immer sehr zurückhaltend, fast schon schüchtern...

Was Sie nicht sagen.

Ja, und da dachte ich, ich will einen Beruf, der so richtig abgeht, damit ich aus mir rauskomme.

Und sind Sie aus sich rausgekommen?

Etwas schon, aber eben nur auf der Bühne. Privat ist alles so geblieben.

Sehr aufschlußreich. Also man bekämpft sich selber, schafft es letztlich nicht und bleibt so, wie man ist.

Naja, man wird letztlich doch selbstsicherer.

Und worin bestand nun der Komplex?

Unsicherheit im Verhalten.

Und jetzt ist alles in Butter?

Denken Sie. Man selber ist fertig mit seinen Komplexen, da kriegen gie Zuschauer einen.

Die Zuschauer?

Naja, also ich les' Marquis de Sade, und die Frauen gucken mich an, als wäre ich’s persönlich.

Ja, Herr Wolff, wie steht es eigentlich damit? Mit Ihrem Verhältnis zu Frauen?

Also wenn ich das schon höre. Was wird da eigentlich von einem Schauspieler gedacht? Ich bin ein ganz 'normaler' Mensch, kein Kinski, und möchte ganz normal behandelt werden. Aber manchmal, wenn ich merke, daß da so Blicke rüberkommen...

Was für Blicke?

Also wissen Sie, ich glaube, Sie wollen mich verarschen.

Also bitte, Herr Wolff Aber zum Thema zurück. (...)...was machen Sie jetzt?

Ich sag mir, ich mach meinen Beruf und fertig. Ich wollte eigentlich Schauspieler werden und kein Playboy, so mit richtigen Charakterrollen wie Wilhelm Tell und so, aber im freien Theater kann man ja nicht Schiller spielen, es sei denn, als Parodie. Seriöses, klassisches Theater traut man einer Freien Gruppe ja nicht zu, und die Zuschauer bleiben weg.

Zu ihren Rollen. Sie spielen doch meistens oder vorwiegend Psychopathen. Sind Sie ein wenig psychisch vorbelastet?

Na klar, ich bin verrückt.

Sie sagen doch als Henry Cursen: »Ich schwöre bei Gott, ich bin verrückt.«

Naja, das ist nicht richtig zitiert. Ich habe vielleicht ähnliche Charakterzüge wie die gespielten Figuren, aber ich BIN nicht so wie die. Besonders wenn da was mit Sex kommt, denken die Leute, ach ja, habe ich mir gedacht, oder wer hätte das gedacht oder so. Daß ich selber so bin.

Sind SIE SO?

Nein, zum Kuckuck, ich bin nicht Jack the Ripper! Sagen Sie mal, bin ich hier im Zirkus?

Apropos Zirkus, Reden wir etwas über die Saarbrücker Kleinkunstszene. Die Kulturszene. Ist doch auch ein Zirkus, oder? Was ist Ihrer Meinung nach die Grundproblematik dieser Kunstrichtung?

Kunstrichtung ist gut. Wenn da eine Richtung drin sein würde. Kunsthinrichtung müßte man sagen. Stellen Sie sich vor: Was das alles für Richtungen gibt. Grenzt ja bald an Zwangsvorführung. Es gibt ja in Saarbrücken allein drei »Studios« für Theater. Das »Studio-Theater«, wo die Nutten, Fixer und Punker rumstehen...

Ihre Arbeitsstätte...

Ja, dann das Studio im ehemaligen Landestheater, dann das Studio in der Feuerwache... Das Studio des Theaters, das Theaterstudio und das Studiotheater. Wir wollen auch gerade ein Studio des Studio-Theaters einrichten für meine Eigenproduktionen. Finde ich gar nicht witzig, es soll in der Wohnung oder in der angrenzende rage sein.

Aber so viel Kunst bereichert doch die Kultur, meint man.

Ja, ja. Aber nehmen wir mal an, sie wollen irgendwo hingehen und kaufen sich die allgemeine Zeitung, das wöchentliche Käseblatt, die Kinozeitung und die Kleinkunstzeitung, da haben Sie fünf Filme im Kommunalkino, einige diverse Kunstveranstaltungen in den öffentlichen Häusern, die verschiedenen Lokale mit Samba, Rumba und Lambada, Theater in der Disco, Disco in der Mercedesgarage, Lesungen in jedem Stadtteil, und dann kommt da auch noch die Kleinkunstszene mit ihren 3 festen Spielstätten, und dazu noch die unzähligen, hochsubventionierten städtischen Prestigefestivals. Wenn Sie da Zuschauer sind, können Sie sich ja gerade in der Luft zerreißen oder bleiben besser gleich vor der Glotze sitzen!

Was sollte Ihrer Meinung nach gemacht werden?

Das Jugendzentrum in die Stadtbücherei, die Stadtbücherei ins Rathaus oder ins Kulturbüro und die freien Gruppen mit festem Haus ins Jugendzentrum. Das sollte das, natürlich voll subventionierte, Thalia-Theater Saarbrücken heißen oder Saarbrück libre genannt werden und als Ausgangspunkt der Saarländischen Unabhängigkeitsbewegung fungieren.

Also, also...

Warum nicht? Mit einer eigenen Flagge: der Lyoner und 4 Maggiflaschen...

Gut, danke. Herr Wolff, was ist nun eigentlich Ihre Lieblingsrolle?

Meine Lieblingsrolle? Frühlingsrolle! Naja, ich glaube, Rousseau liegt mir am meisten. Wenn ich den Alten spiele. Da bin ich nach einer Stunde auch genügend kaputt. (...)