SKJ 3/1995: Thema verfehlt –
»Carmina Burana« als Ballett im Staatstheater Saarbrücken
Das Tanzstück »Carmina Burana« von Birgit Scherzer im
Saarbrücker Staatstheater nach der Musik von Carl Orff hat zu Kritik
und sogar zu Streit zwischen dem Verlag und dem Theater Anlaß gegeben.
Scherzer hat mit Dramaturg Matthias Kaiser zu dieser gewaltigen Musik ein
Ballett geschaffen, das provozieren kann (und soll), in dem der Bezug zum
»deutschen Faschismus als Entstehungszeitraum und Reibungsfläche
für den Stoff und die Dramaturgie« benutzt wird, denn »aus
dem Widerspruch läßt sich eben größere (theatralische)
Plausibilität und Kraft gewinnen« (Matthias Kaiser im Programmheft).
Doch so phantastisch das Stück getanzt wird – hier haben die zwei
sich vergallopiert!
Orffs »Carmina Burana« basiert auf Texten einer gleichnamigen
Handschrift aus dem 13. Jahrhundert
aus dem Kloster Benediktbeuren, die 1847 von Johann Andreas Schmeller herausgegeben
wurde. Orff hat bestimmte Texte ausgewählt und vertont; entstanden
ist eine Sammlung von Liedern, die sich zur szenischen Umsetzung geradezu
anbietet, vom Komponisten auch dazu gedacht war, aber: »Außer
den einzelnen Überschriften und den Texten gibt es in der Partitur
keinerlei Angaben für szenische Lösungen. Ich selber hatte verschiedene
Vorstellungen, wie die Carmina Burana aufzuführen seien, und wollte
keine bindenden Hinweise geben.« (Carl Orff, zitiert nach dem Programmheft)
Die Freiheiten in der Inszenierung sind also auf jeden Fall groß,
und die Auffassung des Schott-Verlages, es handele sich in Saarbrücken
um eine unzulässige Bearbeitung, halte ich für falsch. Daß
sich die Saarbrücker mit dem Verlag trotz gegenteiliger Auffassung
gütlich geeinigt haben, ist wegen der Umstände verständlich,
aber bedauerlich, weil dadurch eine gründliche öffentliche Diskussion
unterbleibt.
Vom Künstlerischen spricht also prinzipiell nichts gegen eine so weitgehende
Interpretation wie die Saarbrücker. Die Verbindung mit Umständen
der Entstehungszeit ist so legitim wie die mit jeder anderen, wenn sie
auch (zu) sehr durch den Provokationscharakter motiviert scheint.
Doch wenn so etwas getan wird, sollten doch zumindest einigermaßen
schlüssige Zusammenhänge erkennbar bleiben, und natürlich
sollte man irgendwie auch Text und Musik berücksichtigen. Beides aber
vermisse ich bei der Saarbrücker Inszenierung. Zur Musik und den Texten
erzählt das Tanzstück eine ganz andere Story – eine allegorische
Geschichte, die mit der Vorlage wirklich nichts mehr zu tun hat; da passieren
zu fröhlicher Musik schreckliche Dinge und umgekehrt, der Text paßt
meist nicht zum Geschehen. Die nochmalige Entfremdung und Überhöhung
(Spiel der Kinder, Schlachthaus) ist zu viel des Guten. Auch halte ich
ein Tanzstück prinzipiell für mißlungen, das seine Geschichte
nicht selbst erzählen kann (so es denn eine hat) – ohne die Erläuterungen
im Programmheft ist man aufgeschmissen, versteht weder Handlung noch Absicht
noch Personen zuzuordnen (der »rote Narr«, das »geschminkte
Mädchen«). Was soll das?
Und wenn politische Aussagen, warum dann solche: »Die Deutschen Kinder
heben die Kleinen Könige auf den Thron – auf ihre angemaßte
Herrschaft folgt der legitimierte Machtbesitz.« (Programmheft)? Da
sind zum Schluß die Unterdrückten an allem selber schuld...
ehe sie sich alle umbringen. Übrigens ist der letzte Teil der mit
Abstand schlüssigste und packendste (und auch verständlichste).
Leider passen selbst da Tanz und Musik nicht immer zusammen...
Insgesamt ist die Saarbrücker Inszenierung der »Carmina Burana«
trotz der hervorragenden TänzerInnen mißlungen; ein bißchen
aufgestülpte Modernität macht noch kein gutes Stück. Schade!