Kulturelles Highlight in Blieskastel:
die CARMINA BURANA als Open-Air-Ereignis
Die CARMINA BURANA kennen die meisten nur aus der Werbung, viele Leute
wissen auch noch, daß eine der beliebtesten Musiken unserer Zeit
von Carl Orff stammt – doch was darüber hinausgeht, ist seltener bekannt.
Keineswegs die ganzen CARMINA BURANA, die Gesänge
aus Benediktbeuren, die die Mönche dort wohl im 13. Jahrhundert
aufschrieben, hat Carl Orff vertont – die 320 Stücke füllen ein
mehrere hundert Seiten dickes Buch (in hervorragender zweisprachiger Ausgabe
bei dtv erhältlich).
Orff hat gut 20 Texte ausgewählt und diese zu einem Meisterwerk gebündelt
– moderne Musik in mittelalterlichem Gewand, Komik und Ernst, feine Erotik
und derbe Sinnlichkeit gehen hier eine ausgesprochen glückliche Beziehung
ein. Es ist kein Wunder, daß Orffs CARMINA BURANA zu den gerne aufgeführten
Chorwerken zählt - und es ist ebenfalls nicht verwunderlich, daß
dies allzuoft schief geht.
Im Saarland war die CARMINA BURANA in letzte Zeit nicht allzuoft zu erleben,
und die Ballettfassung des Staatstheaters zählte eher zu den mißlungenen
Experimenten (siehe Kritik im Saarländischen
Kultur-Journal 3/1995).
Martin Folz (siehe Interview 1995), der trotz
seiner Jugend zu den besten und renommiertesten Chorleitern nicht nur in
unserer Region zählt, beweist seit Jahren mit dem CHOR INTENSIV der
Saarpfälzischen Sommerakademie, wozu ein Laienchor fähig sein
kann; erinnert sei nur an die gelungene Aufführung von Händels
ACIS UND GALATHEA vor drei Jahren. Die CARMINA BURANA in gut einer Woche
zu erarbeiten, das war auch für den erfahrenen Leiter des Saarknappenchores
und des Trierer Spee-Chores ein Wagnis – zumal er den Ehrgeiz hatte, eine
sauber interpretierte und musikalisch schlüssige Fassung zu präsentieren.
Allen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz: Er schaffte es, die 108 Sängerinnen
und Sänger in dieser Woche in Blieskastel zu einem Chor zusammenzuschweißen,
der dem Werk gewachsen war. Die Freilichtaufführung am Abend des 16.
August in der Blieskasteler Orangerie, zu der der Chor mittelalterlich
gewandet antrat, zählt sicher zu den Höhepunkten des diesjährigen
musikalischen Kulturschaffens an der Saar.
Rund 1500 Besucher belohnten mit minutenlangem Beifall ein fast schon mystisches
Erlebnis, zu dem neben dem Chor zahlreiche andere TeilnehmerInnen der Sommerakademie
beitrugen – die Tanzgruppe von Helge Baer mit Volks- und Renaissancetänzen,
der Kurs »Mimetheater« von Manon Juncker mit parodistischen
Darstellungen der Tavernenszenen, die Maskenbauer von Herb Loew mit prachtvollen
Kostümen und Masken, dem »Rad der Fortuna« und dem abschließenden
Feuerwerk. Silvio Gerhards, Leiter des »Circus Total«, trat
nicht nur als Akrobat auf dem Einrad auf, sondern sang auch den Tenorpart
und gab einen wunderbaren Schwan ab – auf Stelzen!
Dem standen die anderen SolistInnen aber in nichts nach. Eva-Maria Leornardy
bezauberte wie immer mit ihrem wundervollen weichen Sopran, und der Bariton
Vinzenz Haab war als betrunkener Abt so urkomisch wie stimmgewaltig. Der
kurzfristig für einen ausgefallenen Kollegen eingesprungene Starpianist
Professor Robert Leonardy, als Leiter der Musikfestspiele Saar selbst einer
der bedeutendsten Organisatoren musikalischer Ereignisse im Land, paßte
sich als zweiter Pianist ganz unprätentiös ein in das hervorragende
Instrumentalensemble mit Patrick Busch am Klavier und dem Schlagzeugensemble
Ekkehard Zeyer aus Heusweiler.
Zur Einstimmung präsentierte zu Beginn die Mittelaltertruppe »Conventus
Tandaradey« einen der von Orff nicht verwandten Texte aus der
CARMINA BURANA zur Originalmelodie, ein Loblied auf den Gott Bauch: »Also
kreischte Epikurus«, eine Parodie auf Walther von der Vogelweides
»Palästinalied«.
Bei Vollmond und herrlichem Wetter war diese Aufführung ein einmaliges
Erlebnis, das sicher keine/r der Anwesenden so schnell vergessen wird.
Es wäre zu wünschen, daß diese Arbeit in anderem Rahmen
noch einmal zur Aufführung gelangen könnte!
Orffs »Carmina Burana« basiert auf Texten
einer gleichnamigen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert aus dem Kloster
Benediktbeuren, die 1847 von Johann Andreas Schmeller herausgegeben wurde,
nachdem sie 1803 im bayerischen Stift Benediktbeuren wiederentdeckt worden
war. Die mittelalterliche Handschrift enthält Liebeslieder, geistliche
Dramen, Trink- und Spielerlieder, Parodien und Satiren; zu etwa 50 der
rund 320 Texte ist die Musik überliefert. Carl Orff und seiner genialen
musikalischen Neuschöpfung ist es zu verdanken, daß Teile der
Liedersammlung heute weit über den Kreis der am Mittelalter Interessierten
bekannt sind.
Walther von der Vogelweide ist mit seinem »Palästinalied
«der wohl erfolgreichste Komponist der Weltgeschichte: Das fast 800
Jahre alte Stück ist auf Konzerten und CD gleichermaßen ein
Renner, kaum eine Mittelaltergruppe kommt ohne es aus, und durch Bands
wie »Estampie« oder »Quntal« hat es Eingang in
die Diskotheken gefunden. Schon zu seiner Zeit (es entstand 1228) muß
es bekannt und beliebt gewesen sein; dies beweist die Parodie »Alte
clamat Epikurus«, die »Conventus
Tandaradey« zur Einstimmung in Blieskastel vortrug.