SKJ 5/1992: Uraufführung: »Der Cascadeur«  im Studio-Theater

Ein Mann dreht sein Fähnchen nach dem Winde – aber immer nach dem falschen oder aber zu früh. Er ist Kommunist und Nazi, Widerstandskämpfer und Antikommunist, berühmter Dramatiker, befreundet mit Brecht, der ihm einen Teil seines Vornamens entlehnt (BERT + ArnOLT –> BERTOLT) und mit Goebbels (mit dem er die Geliebte teilt): eigentlich eine höchst unsympathische Erscheinung, ein Arschkriecher (»Wer zu tief in rote Ärsche kriecht, wird braun!«), der entweder nicht tief genug oder aber zu früh wieder heraus kroch. Daß man dieser Gestalt gegenüber am Ende des Stücks wenn auch nicht Sympathie, so doch wenigstens Mitleid entgegenbringt, ist eine bemerkenswerte Leistung des Wiener Autors Wilhelm Pellert.

Pellert (*1950) hat sich hauptsächlich der Aufzeichnungen von Arnolt Bronner (eigentlich Arnolt Bronner, 1895 bis 1959) bedient, aber auch viel einfließen lassen an Materialien aus der entsprechenden Zeit. In seinem Stück kommt nicht nur Bronnen selbst zu Wort, zitiert werden auch Brecht, Tucholsky, Karl Kraus... Pellert stieß auf Bronnen während seiner Dissertation über das Wiener Scala-Theater, wo Bronnen als ungeliebter, von der Partei eingesetzter Dramaturg gearbeitet hatte. Er war fasziniert von dieser tragischen Gestalt, aber auch von vielen Eigentümlichkeiten um Bronnen herum: So rechnet nicht nur Bronnen in seinen Aufzeichnungen und Stücken mit seinem Vater ab – sein Erstlingserfolg 1922 trug den Titel »Vatermord« –, sein Vater hatte es mit dem seinen schon so gehalten, und für Bronnens Tochter Barbara (*1938), Schriftstellerin und Journalistin, ist die Beziehung zu ihrem Vater eines ihrer wichtigsten Themen (Roman »Die Tochter«, 1980). Die Vaterbeziehung Bronnens ist das einzige, was Pellert zu langatmig angelegt hat in seinem Stück; die notwendige Darstellung dieses Konflikts hätte kürzer, vielleicht auch in Rückblenden erfolgen sollen. Danach aber entwickelt das Stück einen ungeheuren Drive, ist faszinierend, ist spannend. Fast zwei Stunden ohne Pause vergehen wie im Fluge.

Dies ist zu einem nicht geringen Teil auch der Inszenierung Jürgen Wönnes zu verdanken, der es, sich sorgsam an die wenigen Regieanweisungen haltend und nur wenig kürzend, schafft, die Spannung durchgehend zu erhalten. Er verzichtet auf oberflächliche Klischeees und übertriebene Karrikierungen und läßt Thom Wolff einen teilweise sich selbst und anderen ratlos gegenüberstehenden Arnolt Bronnen spielen, der, während er sich Rechenschaft zu geben versucht, oft nicht einmal weiß, warum er etwas tat...

Thom Wolff spielt diesen Bronnen superb: einen verkrüppelten, körperlich wenig anziehenden Mann, doch stets so fit, wie er sich selber sah, denn das Stück spielt in Bronnens Kopf, stellt seine Sicht der Dinge dar. Der Ausdauerleistung, die dieses Stück an einen Schauspieler stellt, den häufigen Rollen- und Kostümwechseln ist Thom Wollf ist stets gewachsen.

Der Autor gab nach der Uraufführung zu, noch bei keinem seiner Stücke vorher eine so wenig klare Vorstellung davon gehabt zu haben, wie es auf der Bühne wirke. Doch als er das Stück sah, da stimmte es: Das war sein Stück...

Ein viel größeres Kompliment kann man einem Regisseur und auch einem Schauspieler kaum machen. Die Zuschauer sahen es wohl ähnlich, denn das Premierenpublikum belohnte die Aufführung mit einem langen Beifall, ehe es sich bei der Premierenfeier den verdienten leiblichen Genüssen hingab – verdient, weil es, so Jürgen Wönne, auch eine Zuschauerleistung war, diese fast zwei Stunden konzentriert zu verfolgen. Doch man sollte sich dieser Herausforderung ruhig unterziehen – ein Besuch lohnt auf jeden Fall...