SKJ 4/1995: »Freiwild« auf der Teufelsburg
Am Pfingstsamstag hatte auf der Teufelsburg bei Felsberg (Überherrn)
im Rahmen der 3. Teufelsburg-Festspiele der Spielgemeinschaft Teufelsburg
– mit Rittermahl, Kurzweil mit Gauklern, Schwertkämpfern, Kinderbelustigung,
Tänzen und dem »Conventus Tandaradey« – das Schauspiel
»Freiwild« Premiere, in dem wie in den erfolgreichen Stücken
der letzten zwei Jahre Adolf Bay wahre Geschehnisse um die Burg verarbeitet
hat.
Diesmal geht’s ins Jahr 1296. Teufel und Burggeist führen, wie in
den letzten Jahren, das Publikum in einem Vor- und 4 Zwischenspielen durch
das Geschehen, das in 5 Akten vorgeführt wird. Die Ruinen der Teufelsburg
sind mal Kloster, mal Rittersaal, mal Dorfanger, die etwa 40 Laienschauspieler
verkörpern fast alle zwei oder drei Rollen.
Die Geschichte ist einfach: Der Burgherr fällt die Treppe herunter
und stirbt, sein nichtehelicher und nicht anerkannter Sohn Vinzenz, den
die nymphomanische Burgherrin am liebsten vertrieben sähe, wird des
Mordes verdächtigt und flieht ins Kloster Wadgassen, wo er Asyl erhält.
Beim Leichenimbs wird seine Unschuld erklärt, er, der bisher als Höriger
lebte, erhält ebenso die Freiheit wie seine Cousine Amanda, die Geliebte
des verstorbenen Burgherrn. Zwischendurch wird ein Notzüchtiger verurteilt
und gepfählt, es wird gestritten (z. B. über die Kirche), getanzt
und gefeiert...
Unter der Regie von Norbert Güthler-Tyarks entfaltet sich über
zwei Stunden ein bunter Reigen, mit dem das erklärte Ziel, ein Stück
mittelalterliches Leben und Treiben (zu) vermitteln«, voll erreicht
wird. Dazu tragen nicht zuletzt die Kostüme bei (Gewandmeister: Ernst
Zobel) und die Kulisse, aber auch die Schwertkampfgruppe von Lothar Grün
mit ihren kämpferischen Einlagen, die Tanzgruppe der Spielgemeinschaft
(Leitung: Agnes Köth), die Musiker – und vor allem die Spielfreude
der Darsteller, die besonders bei den Massenszenen voll rüberkommt.
Bei einem solchen Stück darf man keine allzu großen Anforderungen
an die Schauspieler stellen; es sind Laien, und wichtiger als die einzelne
schauspielerische Leistung ist allemal das Gesamtbild. Und da genügen
alle voll den Anforderungen. Einen möchte ich allerdings hervorheben:
Michael Massmich war als Teufel einfach »teuflisch« gut.
Bemerkenswert ist der Mut der Spielleitung, bewußt Anachronismen
einzusetzen bis hin zur Überzeichnung: Dass es um 1300 noch keine
Renaissance-Tänze gab, stört nicht, und wenn aus einer Branle-Suite
ein Totentanz wird, gewinnt das Stück fast surrealen Charakter. Der
Narr (Horst Krah, mit eigenem Text) entpuppt sich als zwar mittelalterlich
gewandeter, aber im Geiste moderner Vetter von Till Eulenspiegel.
Leider wurde alles etwas Freizügigere aus dem Roman gestrichen. Man
muss ja nicht gleich so hart und deutlich werden wie im Buch, und
natürlich ist es unmöglich, dessen Fülle in zwei oder auch
vier oder sechs Stunden Theater zu übertragen, aber die zum Teil doch
sehr brave Darstellung finde ich sehr bedauerlich. Ich hätte da den
Verantwortlichen mehr Mut gewünscht.
Mehr Mut wünsche ich ihnen auch in anderer Hinsicht: Dass sie
beim nächsten Mal ein solches Stück öfter als nur 6 oder
8 Mal aufführen. Es ist schade um den Riesenaufwand und schade für
all die, die gerade im Juni nun keine Zeit hatten. Denn sich das Stück
anzuschauen, das lohnte sich allemal.
Das Buch »Freiwild« von Adolf Bay (240 S., 25,-DM, Logos-Verlag
Saarbrücken) ist im Buchhandel erhältlich.