SKJ 6/1994: Tankred Dorst im Staatstheater Saarbrücken: 
»Merlin oder Das wüste Land«

»Das einzige Sinnvolle in diesem Jahrhundert ist das Scheitern.« Diesen Ausspruch von Heiner Müller haben die Theatermacher aus Saarbrücken als »Nachsatz« in das Programmheft von »Merlin oder das wüste Land« aufgenommen - und in diesem Sinne auch gehandelt, denn mit ihrem »Merlin« sind sie – wenn auch glorreich – gescheitert.

Laut einer Umfrage der Zeitschrift »Theater heute« ist er der »Dramatiker des Jahres«: der 1925 geborene Tankred Dorst, ausgezeichnet mit zahllosen Preisen, vom belgischen »L'Age d'Or« (1984) bis zum Büchnerpreis (1990), einer der meistgespielten und –diskutierten deutschen Dramatiker der Gegenwart. Sein »Merlin«, 1981 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt, ist ein monumentales Werk in 97 Szenen mit ca. 60 Einzelrollen, Welttheater, geschrieben für zwei Abende, das das Saarbrücker Theater auf einen Abend von knapp 4 Stunden mit ca. 30 Rollen und 15 Schauspielern kürzte.

Wahrscheinlich kann ein Entwurf wie der von Dorst überhaupt nicht realisiert werden, diese »,Multi-Media-Show' von gigantischem Ausmaß, in der das Theatralische über weite Strecken zum Selbstzweck wird, und die, ungekürzt, nicht nur die räumlichen und zeitlichen Möglichkeiten, sondern auch den Apparat jedes noch so großen Theaters sprengen würde« (Jürgen Kühnel im Programmheft). Wenn bei Dorst, so Kühnel, »Geschichte nur mehr eine Trümmerhalde ist, der, frei verfügbar, heterogene Elemente entnommen werden können«, so könnte man dies auch auf den Merlin übertragen, und es muß die Frage erlaubt sein, wieviel Sinn es macht, ein Stück zu schreiben, aus dessen 400 Seiten Text sich jeder, einem Steinbruch gleich, seine Brocken zusammensuchen kann, soll und muß. Was ist dies für ein Verständnis von Theater, das es quasi zur Pflicht macht, das Textbuch zu lesen, will man alles verstehen, da jede Inszenierung nur einen Teil wiedergeben kann – und was für ein Verständnis von Publikum? So lobenswert der Versuch ist, den Merlin auf die Bühne zu bringen – schon aus diesem, Dorsts Vorlage immanentem, Grund muß er, zumindest in dem kleinen Saarbrücker Rahmen, scheitern.

Dorst erzählt die alte Merlin- und Artus-Sage neu; er hält sich in vielem an ganz traditionelle Auslegungen, reichert diese aber an mit unterschiedlichen Elementen aus Märchen und Trivialmythen bis zum Comic. Merlin, Sohn des Teufels, verweigert sich dem Bösen; obwohl er die Zukunft schauen kann bis hin zu Auschwitz, gründet er die Tafelrunde, um Ordnung in die Welt zu bringen. Doch diese Ordnung scheitert an allzumenschlichen Schwächen und den prinzipiellen Unzulänglichkeiten jeder hierarchischen Gesellschaftsstruktur. Mordred lehnt sich auf gegen seinen Vater – die Konstellationen Gläubiger gegen Atheist und Pflichtbewußter gegen Machtbesessener sind so alt wie aktuell –, es kommt zum erwarteten Gemetzel, und der unter einen Weißdornbusch gebannte Merlin kann nur noch zusehen. – Natürlich gibt es jede Menge interessanter Bezüge auf die Gegenwart, Gesellschafts-, Kirchen- und Religionskritik, natürlich gibt es zahlreiche allgemeingültige Aussagen und viel Humoristisches. Aber in der Pause fragte mich ein – durchaus theatererfahrener und belesener – Zuschauer: »Finden Sie etwas in dem Stück? Das alles ist uns doch schon viel besser gesagt und gezeigt worden.«

Spannend ist sie, die Inszenierung der Saarbrücker. Und der Kontrast zwischen bombastischer Technik – Hebebühnen, Licht- und Feuereffekten - und Kargheit der Ausstattung hat seinen Reiz, auch wenn ich letztere oft für übertrieben halte. »Die Wüste in und um uns« will Regisseurin Beverly Blankenship deutlich machen, »deswegen der leere Raum ohne Versatzstücke«. Doch muß selbst der »gefährliche Sitz« durch einen rotlackierten Stab ersetzt werden?

Die Schauspieler vollbringen Bravourleistungen, einige haben bis zu 7 Rollen zu spielen. Bemerkenswert die Ausdauer und einige artistische Glanzleistungen, auch die – wenigen – Kampfszenen. Besonders gut gefallen haben mir Yvonne Hildebrandt als Mordred und Andreas Döring als Parzival, aber auch Hartmut Volle als Artus und Thomas Pohn als Gawain. Aber der Wechsel in den Rollen ist manchmal zu abrupt und hat merklich einige Zuschauer verwirrt, und es wird insgesamt viel zu viel erzählt. Auch schwankt die Darstellung zusehr zwischen Naturalismus, reiner Burleske, ja Slapstick, und Erzählerischem, die Phantasie des Zuschauers manchmal fast Überforderndem, etwa wenn Beauface plötzlich ein alter Mann sein soll, ohne sich verändert zu haben. Und einige Szenen, z. B. die Freisprechung Lancelots durch den Bischof, sind absolut unverständlich, wenn man den Text nicht kennt oder im Programmheft nachliest. Positiv hervorzuheben sind die vielen originellen Ideen, etwa daß Iwain und sein Löwe manchmal mitten im Satz die Rollen tauschen. Faszinierend ist die Musik, die Pierre Oser an den Gitterstäben von Merlins Gefängnis wie auch an den seitlich herabhängenden Metallplatten erzeugt.

Ich empfehle das Stück allen, die sich für Merlin oder Artus oder einfach für modernes Theater interessieren. Sie sollten allerdings gehöriges Sitzfleisch mitbringen.

(Zum Hörspiel zu Tankred Dorsts MERLIN siehe HIER)