SKJ 4/1991: Medienkabarett: 
»Der Weg zum Rum« von und mit Thom Wolff

Von der Pauke bis zu Herrn Flüßlein – eine tour d'horizon durch die Leiden des eigenen Berufes

Ein Schauspieler spielt Kabarett: das Kabarett des Theaters – Kabarett über das Theater, über Film und Fernsehen, vor allem aber Kabarett über – den Schauspieler und seinen Beruf.

Das Ganze wird im Rahmen einer »Fernseh-Show« dargeboten – denn »die Kleinkunst ist tot«, wie der Regisseur des Stückes, Jürgen Wönne, dem Publikum am Anfang mitteilt. So bleibt nur die Glotze, und das Publikum findet sich zu seiner Überraschung plötzlich in einem kleinen Fernsehstudio wieder. (»Sie brauchen nicht zu klatschen, der Beifall kommt vom Band.«)

In einer schlecht gemachten Show, mit einem unbedarften, schlechten Moderator – absichtlich schlecht und damit richtig gut dargestellt von Thom Wolff, der auch alle anderen Rollen in diesem seinem ersten eigenen Kabarettprogramm spielt – soll das Fernsehpublikum mit der Geschichte und auch ein paar Geheimnissen des Schauspielberufes vertraut gemacht werden.

»Star« der Show ist der Möchtegern-Kabarettist Wilhelm Meier, der Stationen seines Scheiterns erzählt – der klassische Verlierer. In »Filmschnipseln« werden »Große« des Showgeschäfts eingeblendet, die sich in dümmlichem Geschwätz ergehen.

Die Szenen sind von höchst unterschiedlicher Qualität – darin ein getreues Abbild der Schauspielzunft und unserer modernen Theater- und Fernseh- bzw. Filmlandschaft. Die Szene z. B., in der Adam und Eva vom Herrn zu ewigem Textlernen verdammt werden, ist genauso dümmlich wie die Art von Fernsehen, die sie karrikiert - und darin wieder treffen

Viele Szenen lassen sich nur recht genießen, wenn man über entsprechendes Hintergrundwissen verfügt, so z. B. die Parodien auf Arnold Schwarzenegger, Silvester Stallone oder Don Johnson. Andere sind an sich so gut, daß sie auch durch sich selbst wirken, so etwa das »Vorsprechen« von Wilhelm Meier in der Schauspielschule oder – für mich die beste Szene – die Parodie auf Klaus Kinski, für den nichts anderes zählt als »Ficken, ficken, ficken«. Auch die Kulturgewaltigen bekommen ihr Fett ab, etwa der Kulturamtsleiter »Flüßchen«. (WER denkt da an Herrn Bächle vom Saarbrücker Kulturamt?) Daß der Kulturdezernent das Geld für große Projekte der Kleinkunst entzieht, ist ja wohl aus dem Leben gegriffen; daß er zum Schluß den Leiter eines kleinen Theaters erschießt (»Das Selbstmorddezernat bitte!«), ist wohl mehr symbolhaft zu verstehen... Auch die Kritiker läßt Thom Wolff nicht ungeschoren.

Es gibt wunderbare Szenen in diesem Kabarett, Szenen, die einen lauthals lachen lassen, andere, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Manches aber kam für meinen Geschmack etwas zu bieder daher, manches zu slapstickhaft, zu sehr aufgetragen – zwar entsprechend dem Stil der dargestellten Fernsehshow und des Kabarettisten Meier, aber trotzdem hätte ich mir manchmal etwas mehr Esprit gewünscht. Doch zugegeben: Dies ist Geschmackssache; es gibt auch Leute, die Dudenhöfer mögen – ich gehöre nicht dazu.

Die erste Eigenproduktion des neugegründeten Kabali-Theaters ist ein sehr gemischtes Stück, das wahrscheinlich Allen etwas bietet, aber eben deshalb wohl keinem alles – wie es bei Kabarett eben normalerweise der Fall ist. Es gibt für die Anhänger des plumpen Humors und des reinen Slapsticks ebenso etwas zu sehen wie für die der »hohen Kunst« (etwa in der schönen Parodie auf Süßkinds »Kontrabaß«, »Die Pauke«, siehe unten).

Thom Wolff zieht alle Register seines Können, schon dies lohnt den Besuch des Stückes. Man merkt ihm manchmal an, wie sehr ihm etwas von Herzen kommt – nicht immer können er und Regisseur Jürgen Wönne ganz unterdrücken, daß vieles von dem, was da so scherzhaft karrikiert wird, zum Leidensweg eines freischaffenden Schauspielers gehört...

Wer sich amüsieren will über Theater, Fernsehen, Film und Kulturpolitik, sollte sich das Stück nicht entgehen lassen. So manche Wahrheit wird verkündet, so manches einem mal so richtig klargemacht. Den Zuschauer erwartet ein amüsanter und lehrreicher Abend, auch wenn ihm manchmal vielleicht das Lachen im Hals steckenbleibt...

ZUR PERSON:
Thom Wolff hat sich in den letzten Jahren zu einem der besten und beliebtesten Schauspieler im Saarland hervorgearbeitet. Besonders gefeiert sind bei Festen und Feiern seine Parodien auf »Prince« und Mick Jagger. Seine Vorliebe für die Schauspielerei entdeckte der in Verden geborene Wolff beim Schultheater. In Berlin privater Schauspielunterricht und etliche Kurse und Workshops. Dort entdeckte Jürgen Wönne ihn für die Rolle des Jean Jacques Rousseau in seiner Dramatisierung der Rousseau’schen »Bekenntnisse«. Vorher spielte er in dem Monodram »Pygmalion« von J. J. Rousseau. Anschließend als Sprecher in einer Text- und Szenencollage »Die Macht der Sprache« (alles »Berliner Theaterschmiede«). Anschließend fast zweijährige Tournee durch den gesamten deutschsprachigen Raum sowie Auftritte im Elsaß und in der Schweiz. 1986 Gründung des Studio-Theaters Saarbrücken mit Jürgen Wönne. Eröffnungsvorstellung zum 1. März mit »Plädoyer eines Irren« nach August Strindberg (Dramatisierung und Regie: Jürgen Wönne). Anschließend Wiederaufnahme von »Rousseaus Bekenntnisse«, das insgesamt über 130 mal aufgeführt wurde. In den Jahren bis 1989 spielte Wolff in weiteren acht Stücken mit, in fast allen die Hauptrolle. Erste Regie bei »Der Kontrabaß« von Patrick Süskind. 1989 dann bundesweiter Erfolg mit der Eigenproduktion »Top Secret – Die alten Leiden des jungen H. C.«, inzwischen über 100 mal aufgeführt. 1990 dann die Titelrolle in »Goethes Wilhelm Meister«. Thom Wolff ist trotz seiner Erfolge nach wie vor bescheiden und zurückhaltend; privat kehrt er keineswegs den Schauspieler hervor. Er ist sich auch nicht zu schade, fürs Theater Anzeigen zu besorgen und Plakate zu kleben. Nebenbei hat Wolff seinen Magister gemacht in Germanistik und Philosophie. (Auszug aus dem »Saarländischen Kultur-Journal« 1/1991)

Ein INTERVIEW mit Thom Wolff finden Sie HIER! 


Die Pauke

Auszug aus »Der Weg zum Rum« von und mit Thom Wolff

(Meier am Schreibtisch)

Also Schluß mit dem Kabarett. Spiel ich halt wieder seriöses Theater. Aber die Stücke schreib' ich mir selber.
Der Kontrabaß, Was Süskind kann, das kann ich schon lange. Mal sehen. Wie fängt das an?

»Moment... gleich! Jetzt! Hören Sie das? Da, hören Sie’s? Gleich kommts nochmal, die ganze Passage! Jetzt. Jetzt hören Sie es. Die Bässe meine ich, die Kontrabässe.«

Lächerlich! Ich kann noch ganz andere Stücke schreiben, Was steht hier?
»Wenn die Pauke einmal hinlangt, das hört man bis in die letzte Reihe, und jeder sagt, aha, die Pauke.«

Also das ist es. Ich schreib ein neues Stück: »DIE PAUKE«.

Meine Herren, meine Damen, jetzt. Gleich kommts. Hören Sie das? Hören Sie’s? Da. Gleich. Die Pauke meine ich, die Pauke.

Also wenn die Pauke zuschlägt, können Sie das ganze Orchester vergessen, alles, samt Dirigenten. Stellen Sie sich vor, vorne steht so ein Männlein und fuchtelt mit einem chinesischen Reisstab den Fliegen Luft zu. Erste Reihe, die Geiger, starren ihn an, warten auf ihren Einsatz, geigen dann wie die Geistesgestörten, dann die Bratschen, die Fagotte, alles bläst und streicht, der Sopran jault »Benedictusinexcelsis Deo benedictus«, und alle stimulieren sich selbst, der Dirigent wird zur Windmühle, er bringt sich halb um, der Chor dröhnt, und dann... Stille. Was kommt jetzt?

Die Pauke. BUM Bum bum bum so geht das, ja!

Die Pauke, jawohl. Stellen Sie sich mal vor, die Pauke verpaßt ihren Einsatz. Unmöglich. Wenn der Paukist will, kann er das ganze Orchester schmeißen. Tja, das bin ich. Die Pauke. Auf einen Schlag bin ich berühmt. Donnerwetter. Jedesmal schlägts dreizehn.

Alle diese eingebildeten Affen im Anzug. Spielen, als wären sie vom englischen Königshaus. Dabei warten sie innerlich alle auf die Pauke. Mit mir steht und fällt die ganze Aufführung.

Dabei behandeln sie mich alle, als wäre ich der letzte Dreck. »Alles klar?« – »Ja«. – »Wo ist die Pauke?« Ja, wo denn wohl, ich stecke im Fahrstuhl fest, mein Gott nochmal! Alle haben so ein leichtes Instrument und ich? So einen Elefantenarsch von einer Trommel! Ich bin ein Sklave, ein Neger! Alle fideln sich gesund, und ich sitz da und krieg ein Magengeschwür! Stell' Dir vor, du verpennst den Einsatz! Unmöglich! Katastrophe! Kündigung postwendend, Sozialamt, Bau, Knast, ja so geht das dann.

Aber die anderen Ja. Die genießen es. Adagio, andante, prelüde, moderato presto (ahmt Geige und Dirigent nach) und steigern sich da rein, der Dirigent flirtet mit sämtlichen Geigerinnen (ahmt nach), und ich sitz da und nicke ein.

Wo bleibt die Pauke? Der Dirigent steht wie eine Wachsfigur, die ganzen Musiker wie begossene Pudel, der Arm des Dirigenten wird immer länger.. nichts. Stille, hmmlische Ruhe, die Zuschauer schlafen weiter. Aber nichts. Der Dirigent ist blamiert. Er dreht sich endlich nach vorn und sagt: »Es tut mir leid, meine Damen und Herren... aber ich MUSS es sagen, es hat die Pauke gepennt. An dieser Stelle müßte eigentlich ein Schlag kommen. Aber wie Sie hören, tut sich nichts. Tja, Hemingway einmal anders: 'Wem die Pauk nicht schlägt.' Der Kerl gehört geschlagen.«

Leises Gelächter. Lächerlich, der Knabe. Dabei hat er Sylvia, die Sopranistin, verführt, die Sau. Geht mit ihr essen. Und ins Bett. Aber dem zeig ichs. Ich streike. Ich tue es! Ich mache das Unmögliche möglich! Ich lasse es einfach! KEINE Pauke!!!

Und ab in die Garderobe. Ha. Die stehen da wie die Ölgötzen, alles pennt, und kein Wecker! Sollen sie doch Konstantin Wecker einstellen! Der Diri: »Wo ist er? Ich bringe ihn um!« Er rennt in die Garderobe.

»Hier bin ich.«

Er: »Was haben Sie GEMACHT? Was FÄLLT Ihnen EIN!!!! Sie, Sie, Sie...«

»Was 'Sie'?«

Und da steht das Männlein mit seinem Stöckchen in seinem Fräcklein und kreischt wie eine Achterbahn. »Sie haben die Aufführung geschmissen, alles sitzt da und wartet, und ich steh da und schwitze, und alles guckt – mich an..«

»Ja und?«

»Ja - und???!!! Sie denken, Sie unverschämter Kerl, das Publikum denkt, es liegt an mir! Ich steh da und geb den Einsatz und DER KOMMT NICHT!!!«

»Sollte auch so sein.«

Das packt der nicht. Steht wie ein Denkmal und ringt nach Luft. Er spuckt nur sowas aus wie »OOOooh... das... ist... ja... ahhahhh... es...« und versudelt die deutsche Sprache. Der Sulukaffa. Der Kunstbanause.

»Die Zuschauer sollten es ja auch denken, Herr Cardoso. Und übrigens, spucken Sie mich nicht an, ich habe keinen Regenschirm.«

»Also das ist die Höhe! Das meld ich dem Generalmusikdirektor. Was haben Sie sich dabei gedacht?«

»Ich denke nicht, ich handle. Übrigens, in welcher Parkdeck-Garage haben Sie es mit Sylvia gemacht, Sie Drecksau?«

»Sylvia? Silvia?«

Er stellt sich dumm.

»Stell dich nicht dumm, du alberner Fasenachtsjeck im Schwalbenschwanz, Du Karajanimitation. Du geiler Bock.«

»Aber ich kenne keine Silvia.«

»Ich bin doch nicht blöd.« (Zieht seine Knarre.)

»Soll ich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen? Hast du sie gebumst? Ja oder nein?«

»0 Gott o Gott, ich weiß nicht, welche Sylvia Sie meinen, wir haben vier Sylvias im Ensemble.«

»Die Sopranistin, du Trottel.«

»Wir haben zwei Sopranistinnen, die alle beide Sylvia heißen!«

»Wirklich? Ich leg dich um.«

»Jaaaaaahhh.«

»Die mit den roten Haaren? Die Rothaarige?«

»Nein, die andere... »

»Was? Wirklich? Und ich habe gedacht, DIE Sylvia, meine... Sie sind ein Schatz! Ich bin sofort wieder auf der Bühne!«

Ich auf die Bühne. Alles sitzt und diskutiert noch. Die Musiker packen gerade ein. Da stürze ich auf die Bühne zur Pauke und schreie SYLVIA! SYLVIA! Und pauke, was das Zeug hält. Alles lauscht. Horcht auf. Zum erstenmal in meinem Leben bin ich wer. Ich bin wichtig. Man nimmt mich für voll. Ich stürze mit der Pauke um, alle vier Sylvias kommen angerannt, das Publikum tobt, der Vorhang fällt auf mich, Finale furioso!

(als Wilhelm Meier:) Sagen Sie ehrlich, das ist besser als der langweilige Kontrabaß. Was für ein Theaterstück!

Ein INTERVIEW mit Thom Wolff finden Sie HIER!