Leider nicht AM ZIEL: Bernhards Stück in Saarbrücken

Am 16. November 1996 hatte im neueingerichteten Kultur-Foyer in Saarbrücken das Stück AM ZIEL von Thomas Bernhard Premiere, mit Michaela Auinger und Martha Marbo, Regie führte H.-W. Wenzke.

In einem kühl eingerichteten Flur sitzt das Publikum zum Teil auf der Treppe; sehr nahe ist man den Darstellenden. Dieses Kultur-Foyer im Kulturamt hat seinen eigenen Reiz, und für moderne Stücke, Lesungen oder Musik ist es sicher ein angemessener Rahmen. Allerdings darf man nicht mit allzuviel Publikum rechnen; mehr als 36 Leute passen nicht hinein. Bei der Premiere war AM ZIEL ausverkauft, aber am 2. Abend waren es schon nur 10 Leute – bei solchen eher anspruchsvollen Stücke, die sowieso nur gemacht werden können, weil sie von der Stadt gefördert werden, ist das wohl normal.

Und es ist auch nicht unbedingt einzusehen, wieso sich das ändern sollte. Bernhards Stück ist an sich schon schwierig genug; man muss sich einlassen auf die Monomanie, mit der er seine Themen behandelt, und dies ist weder komisch noch unbedingt fesselnd. Spannend sind die Stücke eigentlich nur für jemanden, den das Thema – hier die Beziehung von Mutter und Tochter – interessiert. »Von diesem Schriftsteller erwarten, dass er aufhört, sich auf mehr oder weniger manische Weise zu wiederholen..., hieße voin ihm verlangen, er selbst zu sein. aber es lässt sich nicht verschweigen, dass er häufig, wo er erschüttern will, nur noch ermüdet«, schreibt Marcel Reich-Ranicki 1969 über Bernhard, und daran hat sich später nicht sgeändert: Auch AM ZIEL, 1981 uraufgeführt, ist eine monomanische, meist monologische Abhandlung. Dies gilt zumindest für den ersten Teil – den zweiten, in dem der so lange beschworene dramatische Schriftsteller leibhaftig auftaucht, enthält man uns in Saarbrücken leider vor. Leider werden dafür nicht nur keine Gründe angegeben, es wird auch auf den Plakaten und in den Pressemitteilungen schamhaft verschwiegen, und so waren denn auch einige Zuschauer mit Recht etwas düpiert.

Zwar ist der erste Teil eine wirklich gelungene Abhandlung über das geradezu vampireske Verhältnis von Mutter und Tochter: »Du gehörst mir mit Haut und Haaren« oder »Ich habe dein Blut geleckt« – das könnte aus einem Vampirstück stammen und illustriert einmal mehr, dass jede Beziehung, die aus dem Gleichgewicht gerät, zu einer vampiresken werden kann. Aber das eigentlich Spannende in Bernhards Stück, die Quasi-Ersetzung der Tochter als Opfer durch den dramatischen Schriftsteller, fehlt, und ich kann dem Rezensenten der Saarbrücker Zeitung nicht zustimmen, der darin eine sinnvolle Absicht des Regisseurs zu erkennen glaubt.

Überhaupt, die Regie: Wie bereits letztes Jahr bei »Fräulein Else«, ebenfalls eine Produktion von Michaela Auingers CIRCE-Theaterproduktion (siehe auch Porträt), hat der Frankfurter H.-W. Wenzke leider eine absolut konventionelle, ja konservative Inszenierung abgeliefert. Was daran modernes Theater sein soll, bleibt sein Geheimnis – da ist selbst das Staatstheater oft viel weiter. Dennoch ist der Abend nicht verloren: Die beiden Schauspielerinnen Martha Marbo als herrische Mutter, die ihren Sessel kein einziges Mal verlässt, und Michaela Auinger als mal harte, dann sensible, mal ängstliche, dann wieder sich auflehnende Tochter lassen durch ihr variablenreiches und stets präsentes Spiel diesen Theaterabend doch noch zu einem positiven Erlebnis werden.

Dennoch muss die Frage gestellt werden, ob die Landeshauptstadt Saarbrücken wirklich mit einigen tausend Mark eine Inszenierung fördern muss, die konventionelles Theater – wenn auch in unkonventionellem Rahmen – bietet, und dies noch nicht einmal vollständig und mit nicht 10 Aufführungen. Eine noch so gute schauspielerische Leistung sollte dafür keinen Grund liefern; ich denke, hier sollte der Kulturdezernent sich an seine so oft  – auch in dieser Zeitschrift – geäußerte Betonung der Qualität erinnern (s. Interview im SKJ 5/1994) und die Zuschußpraxis ändern!