März 1999
Das neue Stück des Dudweiler STATT-THEATERS

Wenn sich alles ums Essen dreht:

»KLOSS IM HALS«

»Es gibt 3 Milliarden Frauen, die nicht wie Supermodels aussehen, und nur 8, die so aussehen wie sie.«
Diese Werbung (für Body Shop von 1998) machte bei der  PROMETHEUS-Ausstellung 1998/99 mehr als deutlich, wohin unsere Reise geht. Im Ausstellungstext zur Abteilung Schönheit heißt es:
»Schön ist zum Synonym für >jung<, >schlank<, >sexy< und >erfolgreich< geworden. Gängigen Schlagworten wie >Persönlichkeit< und >Individualität< zum Trotz ist unsere Gesellschaft geprägt durch eine hohe Normierung dessen, wie Frauen und Männer auszusehen haben. Was aber ist mit denjenigen, die nicht diesen Idealen entsprechen? Wie viele Frauen haben tatsächlich einen >strahlenden Teint< und tragen Kleidergröße 36? Und wie viele Männer können von sich behaupten, einen >Waschbrettbauch< zu besitzen?«

Oft noch totgeschwiegen, dringen sie doch mehr und mehr an die Öffentlichkeit: Eßstörungen gehören zu den verbreitetsten Zivilisations-Krankheiten. Nicht nur das so klassische Übergewicht, auch eher verborgene Krankheiten wie Magersucht und Bulimie werden immer häufiger.
Die Mehrzahl aller Deutschen ist betroffen, sei es durch (Selbst-)Vorwürfe wegen Übergewichtes oder Problemen deswegen in Beruf und Privatleben, sei es durch den Diät-Wahn, dem zunehmend nicht nur Frauen verfallen. Bei wie vielen Menschen dies zu (teilweise lebensgefährlichen) krankhaften Eßstörungen führt, ist unklar, da die Dunkelziffer hoch ist. Mindestens 2 Millionen Frauen in Deutschland versuchen mit Sicherheit, ihrem Körperideal entweder durch Hungern (Magersucht, Anorexia nervosa) oder durch das Herauskotzen der Nahrung nach Heißhungerattacken (Eß-Brechsucht, Bulimia nervosa) gerecht zu werden. Es gibt aber auch Fachleute, die etwa 20 % aller Frauen für betroffen halten, das wären bis zu 10 Millionen.

Das Dudweiler Statt-Theater bringt nun dieses so schwierige und sensible Thema in einem Stück des Berliner Grips-Theaters auf die Bühne. Zunächst Hut ab vor diesem Mut! Denn während man heute fast schon Pluspunkte sammeln kann, wenn man sich als Alkoholiker outet, sind Fressen und vor allem Kotzen immer noch mit Ekel und Abwehrgefühlen verbunden.
Um dem gerecht zu werden, baut das Stück »Kloß im Hals« in 27 teilweise kurzweiligen Szenen zunächst die Betroffenen zu Sympathieträgern auf. Drei Mädchen und zwei Jungen sind es, die von Fettsucht bis zur tödlichen Magersucht das ganze Spektrum aufzeigen (sollen). Leider wird weder klar, was es mit den Problemen der beiden Jungen auf sich hat (und der angeblich fettsüchtige Dieter ist schon von der Figur her völlig fehlbesetzt), noch, woran sie eigentlich leiden. Das ist schade, denn Magersucht und auch Bulimie nehmen in den letzten Jahren auch bei Männern zu. Bei den drei weiblichen Betroffenen hingegen sind Story und Darstellung hervorragend und machen betroffen. Besonders die hochsensible Antonia (Angela Breuer), die in all ihrer Ohnmacht den bei der Magersucht so häufigen Allmachts- und Opferphantasien verfällt und sich tatsächlich zu Tode hungert, ist sehr gut getroffen. Aber auch die bulimische Gela (Ina Deckert), die wie Antonia mit ihrer Sexualität nicht klarkommt und das Kotzen als Mittel der Gewichtskontrolle entdeckt (phantastisch die Szene mit der Waage, auf der sie alle paar Sekunden steigt) und die stets essende übergewichtige Vicky (Tamara Christmann) überzeugen.
Gut gelungen ist die Mischung aus eher kabarettistischen Szenen (die Gymnastikszene wird zum unterhaltsamen Slapstick) und ernsten Dialogen. Leider geraten manche Szenen allzu holzschnittartig und bemüht pädagogisch: Wenn Gela etwa von den schlimmsten Folgen der Bulimie berichtet, wird der erhobene Zeigefinger allzu deutlich, und obendrein verliert das Stück durch solch übertriebene Darstellungen an Glaubwürdigkeit. Ohne verharmlosen zu wollen: In ein paar Monaten verliert man seine Zähne nicht, und trotz zahlreicher möglicher Dauerschädem gibt es viele Frauen, die mit Bulimie leben, ohne ernsthaft körperlich zu erkranken, die sich mit ihrer Krankheit eingerichtet haben; dies ist ja einer der Gründe für die hohe Dunkelziffer. Auch wenn Bulimie eine ernsthafte Krankheit ist und seit 1980 als solche anerkannt: Magersucht ist erheblich gefährlicher!
Die Szene, bei der eine Psychologin Antonias Eltern über die Magersucht »aufklärt«, gerät wie eine Vorlesung aus dem Lehrbuch. Hier wäre der Platz gewesen, etwas differenzierter zu informieren, etwa dass nicht jede Magersüchtige daran stirbt, dass mit entsprechender Hilfe es viele packen, und vor allem, welche Hilfen es gibt. Auch das Programmheft hilft da nicht weiter. (Kontaktadressen siehe unten)
Die Gruppen- und Familienszenen sind teilweise dünn und eher langweilig (vor allem bei den Jungen), manche allerdings auch ausgesprochen fesselnd, vor allem, wenn sie theatralisch gelungen umgesetzt sind: Wie ihre Mutter beim Besuch einer Freundin immer für Antonia spricht und die emotionale Umklammerung sicht-, hör- und fühlbar wird – neben dem »Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen«, nicht »Frau-Werden-Wollen« eines der Hauptmotive bei Magersucht -, gehört zu den besten Szenen des Stückes.

Trotz einzelner Kritikpunkte ist das Stück gelungen; ich kann es nur empfehlen – und das nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Gerade Menschen, die sich mit dem Thema bisher noch nicht befasst haben, sollten es sich unbedingt anschauen.


nächste Aufführungen: 24. April · 12. Juni · 19. Juni
DUDWEILER STATT-THEATER e.V.
Sulzbachtalstraße 172 · 66125 Saarbrücken (Dudweiler)
Kartenservice: (0 68 97) 7 13 52 (Tabak Bungert)


In vielen Städten gibt es Selbsthilfegruppen, spezialisierte PsychologInnen und ÄrztInnen. 
In Saarbrücken informieren u. a. (STAND 1999)

KISS
»Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland«
Kaiserstraße 10, 66111 Saarbrücken
Tel. 0681 37 57 38 + 37 57 39
Fax 0681 37 57 48
E-Mail: kiss@handshake.de

SAE
»Saarbrücker Ambulanz für Eßstörungen«
Anton Kellner und Herbert Weingärtner
Zähringerstraße 9, 66119 Saarbrücken, Tel. 0681 5 89 29 20


Einige Selbsthilfegruppen und Info-Seiten im Internet:

Selbsthilfegruppen-Treffpunkt: http://www.Selbsthilfetreff.net
Forum Selbsthilfe: http://team.solution.de

http://www.zdfmsn.de/praxis/nakos/index.htm
http://www.dino-online.de/seiten/go18s.htm
http://www.med1.de
http://www.kvv.org