Oft noch totgeschwiegen,
dringen sie doch mehr und mehr an die Öffentlichkeit: Eßstörungen
gehören zu den verbreitetsten Zivilisations-Krankheiten. Nicht nur
das so klassische Übergewicht, auch eher verborgene Krankheiten wie
Magersucht und Bulimie werden immer häufiger.
Die Mehrzahl aller Deutschen
ist betroffen, sei es durch (Selbst-)Vorwürfe wegen Übergewichtes
oder Problemen deswegen in Beruf und Privatleben, sei es durch den Diät-Wahn,
dem zunehmend nicht nur Frauen verfallen. Bei wie vielen Menschen dies
zu (teilweise lebensgefährlichen) krankhaften Eßstörungen
führt, ist unklar, da die Dunkelziffer hoch ist. Mindestens 2 Millionen
Frauen in Deutschland versuchen mit Sicherheit, ihrem Körperideal
entweder durch Hungern (Magersucht, Anorexia nervosa) oder durch das Herauskotzen
der Nahrung nach Heißhungerattacken (Eß-Brechsucht, Bulimia
nervosa) gerecht zu werden. Es gibt aber auch Fachleute, die etwa 20 %
aller Frauen für betroffen halten, das wären bis zu 10 Millionen.
Das Dudweiler Statt-Theater
bringt nun dieses so schwierige und sensible Thema in einem Stück
des Berliner Grips-Theaters auf die Bühne. Zunächst Hut ab vor
diesem Mut! Denn während man heute fast schon Pluspunkte sammeln kann,
wenn man sich als Alkoholiker outet, sind Fressen und vor allem Kotzen immer noch mit Ekel und Abwehrgefühlen verbunden.
Um dem gerecht zu werden,
baut das Stück »Kloß im Hals« in 27 teilweise kurzweiligen
Szenen zunächst die Betroffenen zu Sympathieträgern auf. Drei
Mädchen und zwei Jungen sind es, die von Fettsucht bis zur tödlichen
Magersucht das ganze Spektrum aufzeigen (sollen). Leider wird weder klar,
was es mit den Problemen der beiden Jungen auf sich hat (und der angeblich
fettsüchtige Dieter ist schon von der Figur her völlig fehlbesetzt),
noch, woran sie eigentlich leiden. Das ist schade, denn Magersucht und
auch Bulimie nehmen in den letzten Jahren auch bei Männern zu. Bei
den drei weiblichen Betroffenen hingegen sind Story und Darstellung hervorragend
und machen betroffen. Besonders die hochsensible Antonia (Angela Breuer),
die in all ihrer Ohnmacht den bei der Magersucht so häufigen Allmachts-
und Opferphantasien verfällt und sich tatsächlich zu Tode hungert,
ist sehr gut getroffen. Aber auch die bulimische Gela (Ina Deckert), die
wie Antonia mit ihrer Sexualität nicht klarkommt und das Kotzen als
Mittel der Gewichtskontrolle entdeckt (phantastisch die Szene mit der Waage,
auf der sie alle paar Sekunden steigt) und die stets essende übergewichtige
Vicky (Tamara Christmann) überzeugen.
Gut gelungen ist die Mischung
aus eher kabarettistischen Szenen (die Gymnastikszene wird zum unterhaltsamen
Slapstick) und ernsten Dialogen. Leider geraten manche Szenen allzu holzschnittartig
und bemüht pädagogisch: Wenn Gela etwa von den schlimmsten Folgen
der Bulimie berichtet, wird der erhobene Zeigefinger allzu deutlich, und
obendrein verliert das Stück durch solch übertriebene Darstellungen
an Glaubwürdigkeit. Ohne verharmlosen zu wollen: In ein paar Monaten
verliert man seine Zähne nicht, und trotz zahlreicher möglicher
Dauerschädem gibt es viele Frauen, die mit Bulimie leben, ohne ernsthaft
körperlich zu erkranken, die sich mit ihrer Krankheit eingerichtet
haben; dies ist ja einer der Gründe für die hohe Dunkelziffer.
Auch wenn Bulimie eine ernsthafte Krankheit ist und seit 1980 als solche
anerkannt: Magersucht ist erheblich gefährlicher!
Die Szene, bei der eine
Psychologin Antonias Eltern über die Magersucht »aufklärt«,
gerät wie eine Vorlesung aus dem Lehrbuch. Hier wäre der Platz
gewesen, etwas differenzierter zu informieren, etwa dass nicht jede
Magersüchtige daran stirbt, dass mit entsprechender Hilfe es
viele packen, und vor allem, welche Hilfen es gibt. Auch das Programmheft
hilft da nicht weiter. (Kontaktadressen siehe unten)
Die Gruppen- und Familienszenen
sind teilweise dünn und eher langweilig (vor allem bei den Jungen),
manche allerdings auch ausgesprochen fesselnd, vor allem, wenn sie theatralisch
gelungen umgesetzt sind: Wie ihre Mutter beim Besuch einer Freundin immer
für Antonia spricht und die emotionale Umklammerung sicht-, hör-
und fühlbar wird – neben dem »Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen«,
nicht »Frau-Werden-Wollen« eines der Hauptmotive bei Magersucht
-, gehört zu den besten Szenen des Stückes.
Trotz einzelner Kritikpunkte ist das Stück gelungen; ich kann es nur empfehlen – und das nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Gerade Menschen, die sich mit dem Thema bisher noch nicht befasst haben, sollten es sich unbedingt anschauen.
http://www.zdfmsn.de/praxis/nakos/index.htm
http://www.dino-online.de/seiten/go18s.htm
http://www.med1.de
http://www.kvv.org