Friedhelm Schneidewind

Saarländisches Kulturjournal 5/1995 (September 1995)

Kommentar: Das Kreuz mit dem Kreuz

Die Aufregung um das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes (BVG), in bayerischen Pflichtschulen dürfe kein Kreuz oder Kruzifix hängen, wenn nur ein einziger Schüler oder eine einzige Schülerin dagegen sei, wäre komisch, wenn sie nicht ein Warnzeichen wäre: ein Signal dafür, dass wesentliche Teile und führende Kreise dieser Gesellschaft immer noch nicht verstanden haben, dass eine moderne humane Gesellschaft nur existieren kann bei völliger Trennung von Religion und Staat. Ob konservative Christen, fundamentalistische Moslems, orthodoxe Juden oder extreme New-Age- oder Esoterik-Anhänger: Viele wollen diese Trennung nicht, wollen die Gesellschaft und ihre Regeln durch religiöse oder spirituelle Einflüsse bestimmt sehen – natürlich immer durch die ihres eigenen Glaubens.

Niemandem soll es unbenommen sein, seinen Glauben, seine Spiritualität zu leben. Doch kann eine wirklich humane Gesellschaft nur funktionieren, wenn jeder Mensch dieses Recht hat und es zugleich allen anderen zubilligt – die Begrenzung der Freiheit des Einzelnen durch die der anderen ist eine ebenso alte wie richtige Erkenntnis.

Selbst wenn man die Prägung unserer Gesellschaft durch das Christentum als so stark ansieht, wie viele dies tun (die durch Gedanken der Antike ist mindestens so bedeutsam): Solch ein Urteil war lange fällig, und es müßten noch viel weitergehende Konsequenzen gezogen werden: Die Festlegung zahlreicher Verfassungen auf christliche Grundsätze etwa müßte verschwinden, der Religionsunterricht durch einen weltanschaulich und religiös neutralen Religionskundeunterricht ersetzt werden. Die bei uns herrschenden Zustände sind einer modernen, humanen und toleranten Gesellschaft nicht würdig.