Kontroverse: Der Fall Schimmel
Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse
erhielt die Bonner Orientalistin Annemarie Schimmel den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels. Im Vorfeld gab es Proteste, Irritationen und Kampagnen sowohl der
Befürworter als auch der Gegner der Verleihung. Worum ging es?
Frau Schimmel – selbst keine Muslimin – beschäftigt sich in erster
Linie, wenn auch nicht nur, mit der Mystik des Islam und seiner Geschichte; die
aktuelle Situation kommt bei ihr, wenn überhaupt, nur am Rande vor. Sie ist
ohne Frage eine ausgewiesene Wissenschaftlerin, und mit ihren etwa 70 Büchern
hat sie ganz sicher beigetragen zum Verständnis gewisser Aspekte des Islam
bei uns. Dass sie jeden wissenschaftlichen, Orientalistik- oder Übersetzerinnen-Preis
erhalten könnte, ist unbestritten.
Die Vorwürfe gegen sie bewegen sich auf andere, mindestens zwei Ebenen. Konkret
wwirft man ihr vor, sie unterstütze die Fatwa, das Todesurteil gegen Salman
Rushdie; hierfür gibt es Belege, Zeugen und eidesstattliche Erklärungen.
Vorgeworfen wird ihr auch, dass sie im offiziellen Organ der iranischen Botschaft
schreibt, ohne sich vom Regime zu distanzieren, einiges lässt sogar
Verständnis für diktatorisches Vorgehen erkennen. Hierzu paßt,
dass sie in einem Nachruf den pakistanischen Diktator Zia ul-Haq lobte und
seine Menschenrechtsverletzungen entschuldigte. Ob ihre Haltung die Fundamentalisten
ermutige oder nicht, darüber sind sich die Gegner der Verleihung so wenig
einig wie über evtl. »Hintermänner«, die hinter der Verleihung
stehen könnten (es gibt da obskure Theorien).
Andere argumentieren grundsätzlicher und weichen so dem Problem aus, Schimmels
Haltung zu Rushdie bis ins Detail belegen zu müssen. Frau Schimmel hat sich
öffentlich für eine Verletzung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit
ausgesprochen. (Nicht nur) in den Tagesthemen erklärte sie, ein Buch wie
das von Rushdie dürfe nicht veröffentlicht werden, da es die Gefühle
vieler gläubiger Menschen verletze. Dies ist ein Musterbeispiel von Intoleranz.
Einzelne Menschen, Individuen, haben das Recht, vor Beleidigungen u. ä. geschützt
zu werden, aber keine Religion oder Ideologie, keine Idee kann für sich in
Anspruch nehmen, nicht in künstlerischer Form oder wiederum in einer religiösen
Schrift kritisiert oder, aus ihrer Sicht, verletzend dargestellt zu werden. Können
nicht Äußerungen im Neuen Testament als beleidigend empfunden werden
von manchen Völkern und Religionen? Findet man solches nicht auch im Koran,
ja eigentlich in den meisten »heiligen« Büchern? Meinungsäußerungen,
besonders solche religiöser Natur, und die Kunst müssen frei bleiben!
Dass dies bei uns oft auch anders gehandhabt wird, wenn etwa Künstler
vor Gericht gezerrt werden, weil sie das christliche Bekenntnis beleidigt haben
sollen, ist keine Entschuldigung und zeigt nur, wie weit wir noch entfernt sind
von einer modernen humanen Gesellschaft mit einer echten Trennung von Religion
und Staat.
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird vergeben an eine Persönlichkeit,
die »in hervorragendem Maße zur Verwirklichung des Friedensgedankens
beigetragen hat«, so das Statut. Dies wurde zumindest bisher immer auch
verstanden als konkreter Einsatz für Frieden, Freiheit und Menschenrechte
im Sinne der Aufklärung – Werte, gegen die sich Frau Schimmel zumindest
teilweise immer wieder ausspricht. Dies ist ihr gutes Recht – aber dafür
dürfte sie nicht diesen Preis bekommen!
Mit der Verleihung des Friedenspreises an Annemarie Schimmel hat der Börsenverein
dem Ansehen der deutschen Literatur und der deutschen Verlage geschadet.