Schön oder gut? – Gedanken zur Kunstkritik

»Wie Buridans Esel schwankt die Literaturwissenschaft zwischen der Überzeugung, das literarische Produkt spreche für sich selbst, und der anderen Überzeugung, die Biographie des Autors und die Entstehungsgeschichte des Werkes könnten zur Deutung und Erhellung beitragen«, heißt es in Hermann Ebelings Nachwort zur deutschen Frankenstein-Ausgabe von 1970. Diese Streitfrage ist jedoch nicht nur ein wichtiges Thema der Literaturwissenschaft, sondern aller Kunstsparten, und sie ist immer wieder bestens geeignet für Kneipen- und Streitgespräche mit Künstlern und Künstlerinnen, besonders aber mit Leuten, die Kunst lehren – und natürlich jener speziellen Sorte Mensch, die das drittälteste Gewerbe der Welt ausübt: die Kunstkritik.

Es gibt drei Kriterien für die Bewertung eines Werks:
1. Ist das Werk »gut gemacht«, handwerklich in Ordnung? Man denke an das Bonmot: »Kunst kommt von Können; wenn sie von Wollen käme, hieße sie Wulst.«
2. Gefällt mir das Werk?
3. Welche Rolle spielt das Werk im historischen, sozialen und kunstgeschichtlichen Zusammenhang?

Je nach der Rolle, in der ich mich befinde, erhalten diese Kriterien für mich eine unterschiedliche Gewichtung. Als Kunstgenießer, also Rezipient, zählt das zweite weitaus mehr als das erste; als Kritiker muss ich dies umgekehrt sehen.

Zunächst zu den ersten beiden Kriterien:

»Nicht immer ist auch gut, was schön ist«, schreibt Leonardo da Vinci – das gilt auch umgekehrt. Ob etwas »gut gemacht« ist oder ob es mir gefällt, sind zwei getrennte Aspekte. Einmal abgesehen von unterschiedlichen kulturellen Prägungen – wer bei uns kann schon chinesische Musik goutieren oder die Kunst der Ainu? –, hat jeder Mensch seine eigenen Vorlieben, seinen eigenen Geschmack. Ich gebe zu, dass es hervorragend gemachte Rockmusik gibt – aber vieles davon gefällt mir nicht. Kaum jemand wird bestreiten, dass Bach oder Mozart ihr Handwerk verstanden – aber trotzdem gibt es viele Leute, die ihre Musik nicht mögen. Handwerkliche und künstlerische Qualität sind weder die Voraussetzung noch die Garantie für Gefallen – das belegen der Kitsch und der Schund, die in Massen gekauft werden, und der kommerzielle Mißerfolg vieler hervorragender Werke – und dies gilt für alle Kunstsparten.

Natürlich hängt auch die Bewertung der Qualität stark vom eigenen kulturellen Hintergrund und den Kenntnissen und Erfahrungen ab. Objektivität ist hier, wie so oft, eine Schimäre, der ich als Kritiker jedoch nachjagen muss. Auf jeden Fall muss ich in meiner Kritik scharf trennen zwischen der Qualität des Werkes und meinem persönlichen »Gefallen« daran. Dieses darf ich formulieren, wie auch mein Mißfallen, muss es dann aber deutlich kennzeichnen, so wie ein Journalist gehalten ist, deutlich zwischen Meldung und Kommentar zu trennen.

Das dritte Kriterium ist jenes, das sich auf die am Anfang erwähnte Streitfrage bezieht. Allgemeiner formuliert lautet sie: Muß ein (Kunst-)Werk für sich alleine stehen können, oder sollten die Umstände und Zeit seiner Entstehung berücksichtigt werden und die Persönlichkeit jenes Menschen, der es geschaffen hat? (Hierbei möchte ich die immer wieder aufflackernde Diskussion außer acht lassen, ob ein Mensch überhaupt ein Kunstwerk »schaffen« kann.)

Für mich ist ein Kunstwerk nur eines, wenn es für sich selbst steht. »›Kunst‹ ist als Setzung zunächst und vor allem deren Behauptung«, schreibt Peter Iden und damit immer auch nur als solche zu erkennen im Hier und Heute. Nicht alles, was früher als Kunst galt, muss ich heute als solche anerkennen.

Zunächst zählt für mich nur das Werk. Mögen die Umstände der Entstehung oder die Persönlichkeit des oder der Schaffenden noch so außergewöhnlich gewesen sein oder das Werk einzigartig oder das erste seiner Art: Das alles ist interessant im Rahmen einer kunstgeschichtlichen Betrachtung oder einer historischen oder soziologischen, macht aber das Werk weder besser noch schöner! Wenn jemand ein Lied auf Socken aus dem KZ schmuggelt, mag dies das Lied bedeutsam, erregend, wichtig machen, aber es wird dadurch nicht automatisch zu einem guten oder schönen Lied. Wenn »Dracula« der erste Roman war, der seine Geschichte nur in Dokumenten erzählte, wie manche behaupten, mag ihn das literaturhistorisch interessant machen (bis man vielleicht doch einen früheren Vertreter dieser Art ausgräbt), und ganz sicher ist dieser Roman bedeutsam aufgrund seiner Wirkungsgeschichte, die bis heute reicht – aber das Buch bleibt trotzdem ein mittelmäßiger Trivialroman. Und ein einsames rotes Viereck auf weißem Grund kann eigentlich nur aus kunsthistorischer Sicht bedeutsam sein.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht scheint es mir zunächst unerheblich, ob ich ein Werk als Künstler, als Rezipient, als Kritiker oder als Wissenschaftler betrachte. Ich wende in jeder dieser Funktionen, die ich zunächst noch gar nicht trenne, die drei Kriterien an. Ich bin nämlich ein ganzer Mensch und teile mich nicht nach Funktionen auf. Diese beeinflussen erst die Darstellung nach außen – es ist ein Unterschied, ob ich meine Meinung am Stammtisch kundtue, unter Schriftstellerkolleginnen und –kollegen oder in einer Kritik im Kultur-Journal oder im Internet.

Natürlich berücksichtige ich, wenn ich Kritiken schreibe, besonders das erste Kriterium – das der Qualität – und vom dritten die evtl. Bedeutung für mögliche Leserinnen und Leser. Meine persönlichen Vorlieben spielen aber durchaus eine Rolle, wenn es z. B. um die Auswahl des Besprochenen geht. Eine in welchem Sinne auch immer zu verstehende »Vollständigkeit« ist sowieso nicht zu erreichen, in einer kleinen Zeitschrift schon gar nicht. Ob es um Bücher geht oder Schauspiel, Musik oder Kleinkunst: Ich möchte Dinge vorstellen, die ich interessant und gut finde, und ab und zu warnen vor dem eher Schlechten (ein Verriß macht auch mal Spaß), immer geprägt von meinen Vorlieben – und dazu stehe ich.

In diesem Sinne sollen diese Kritiken Ihnen nützen und Ihnen gefallen. Ich wünsche Ihnen damit viel Vergnügen – und würde mich über Reaktionen von Ihnen sowohl auf diesen Essay als auch auf die Kritiken freuen.

(Friedhelm Schneidewind, Saarländisches Kultur-Journal 5/1995)