SKJ 6/1995: Porträt und Titel-Vorstellung: Der HÖR-Verlag

Seit der Gründung des Deutschen Taschenbuchverlags hat es keine Kooperation dieser Gößenordnung mehr gegeben: Acht Verlage (Deuticke, Hanser, Huninger Bühnenverlag, Residenz Verlag, Schott, Suhrkamp, Verlag der Autoren, Klett Cotta) gründeten 1993 den HÖR-Verlag mit Sitz in München, um Literatur, Sachthemen und Kinderprogramme auf Tonträgern zu vermarkten – als Cassette und CD unter dem Begriff »Audio-Book«. Mit »Sofies Welt« startete man im Mai 1995, im Herbst kam ein gutsortiertes Programm mit rund 50 Einzeltiteln auf den Markt.

Audio-Books sind erzählende Bücher; beim HÖR-Verlag gilt dies, im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten, im wörtlichen Sinn nur für etwa ein Viertel der Produktionen: Dort liest jemand den Buchtext vor. Der überwiegende Teil sind aufwendige Hörspielproduktionen, und da ist das Angebot enorm, da die beteiligten Verlage viel leichter die Rechte an den Produktionen ihrer eigenen Bücher erhalten als andere Verlage.

»Es gibt vielleicht noch einen Ort in Deutschland, den die Bundesrepublikaner fürs Erzählen haben. Dieser Ort ist die Transit-Autobahn.« Das schrieb Thorsten Becker 1985, und im Prinzip gilt dies bis heute: Wer stundenlang asphaltgraue Eintönigkeit erlebt und musikalischem Dauerkonsum entgehen will, vertraut sich gerne der Magie erzählter Geschichten an – das Audio-Book ist die moderne Form des mythischen Erzählers. Das mag auch den Erfolg der »Talking Books« in den USA erklären. Vier Milliarden Dollar war den Amerikanern 1994 ihr literarisches Hörvergnügen wert, 408 Millionen Wortcassetten wurden verkauft gegenüber 373 Millionen MCs. Das stärkste Segment dabei ist Belletristik.

Der HÖR-Verlag hat bemerkenswerte Hörspielproduktionen anzubieten, oft ältere, oft legendäre Fassungen, und bietet eine Bereicherung für lesende Menschen wie für Hörspiel-Freaks. Das Repertoire reicht von klassischer Literatur bis zu modernem Theater, von Lyrik bis zu Fantasy und Science Fiction. Ich empfehle wärmstens, sich den Katalog zu bestellen, und möchte hier nur einige ausgewählte Produktionen vorstellen.

Ich beginne mit einem klassischen Stoff: der » Novelle« von Goethe. Dieses Kleinod der Erzählkunst, ein zeitloses Alterswerk, in dem Goethe seine Eindrücke der französischen Revolution in »fabelhafter« Weise umsetzt, ist ein Meisterwerk des Hörspiels, das Max Ophüls 1953 u. a. mit Therese Giehse, Oskar Werner und Käthe Gold realisierte. Abschließend gibt es ein Interview mit Ophüls zum Stück von 1955. Über all den historisch bedeutsamen Weihrauch hinaus ist das Hörspiel auch noch amüsant!

Ebenfalls ein Meisterwerk der deutschen Literatur ist »Draußen vor der Tür« von Wolfgang Borchert, einem meiner Lieblingsautoren. Das Hörspiel, 1947 ein Publikumserfolg, hat nicht nur nichts von seiner Brisanz eingebüßt, es ist zugleich ein bedeutendes Dokument der Nachkriegszei - und immer noch ein Aufschrei, eine Anklage des Autors von »Sagt Nein!«, des Mannes, der vielleicht am eindringlichsten vor Krieg und Rüstung gewarnt hat. Und doch endet es mit der Frage: »Gibt denn keiner eine Antwort?«

Antworten sucht auch der Held der nächsten Produktion, er aber findet sie – in einer labyrinthischen Bibliothek in einer Abtei im 14. Jahrhundert. Während die Verfilmung von Ecos »Der Name der Rose« viele der Verästelungen der Geschichte wegläßt – weglassen muß - und leider ein dummes, nicht passendes Ende hat, hält sich das Hörspiel sehr genau an den Roman und bringt dessen Komplexheit rüber - und das ganz ohne Anmerkungsapparat! Einziges Manko ist die nicht immer leichte Identifizierbarkeit der Personen. Manchmal muß man sehr aufpassen, um mitzukriegen, wer spricht. Insgesamt aber eine empfehlenswerte Produktion, für Liebhaber des Romans wie auch für Leute, die ihn (noch) nicht kennen.

Wir bleiben im Mittelalter - oder zumindest einer mythischen Variante. 1994 war im Saarbrücker Staatstheater Tankred Dorsts »Merlin« (Kritik siehe HIER) zu sehen. Gerade in diesem Zusammenhang und als Kontrast ist das Hörspiel interessant, das ein Jahr früher entstand und fast die gleiche Auswahl aus dem Mammutwerk beinhaltet wie die Saarbrücker Inszenierung. Diese hat mir vor allem wegen der optischen Umsetzung nicht sonderlich gefallen. Das Hörspiel hingegen ist hervorragend gelungen und bietet eine kurzweilige Möglichkeit, sich dem Riesenwerk zu nähern.

Drei Dinge verbinden »Merlin« und das nächste Werk: In beiden geht es um mythische Zauberer und Könige, in beiden wird der König – dort Artus, hier Aragorn – von dem phänomenal guten Hans Peter Hallwachs gesprochen, und beide beruhen auf monumentalen Werken. Tolkiens »Herr der Ringe« ist für mich immer noch DAS Meisterwerk der phantastischen Literatur. Während es leider immer noch keine vernünftige filmische Umsetzung gibt, kann die mit 750.000 Mark wohl teuerste Produktion der deutschen Hörspielgeschichte als absolut gelungen bezeichnet werden. Sicher, es gibt ein paar Dinge, über die ein Spezialist und Fan wie ich sich mokieren könnte – ich würde zum Beispiel einige der (behutsamen) Kürzungen anders gestalten, stelle mir die Musik teilweise anders vor –, aber dies sind Kleinigkeiten, über die man genausogut anderer Meinung sein kann und die dem hervorragenden Gesamteindruck keinen Abbruch tun. Story, Personen und Atmosphäre sind getroffen, und ein Werkstattbericht zum Abschluß gibt einen Einblick in die Vorstellungen der Macher. Diese Produktion kann ich Tolkien-Fans uneingeschränkt empfehlen, und für die, die sein Werk kennen lernen wollen, ohne es zu lesen, kann es kaum einen besseren Einstieg geben.

Zum Schluß noch ein Klassiker: Das Hörspiel »Per Anhalter ins All« nach Douglas Adams' Romanen »Per Anhalter durch die Galaxis« und »Das Restaurant am Ende des Universums« ist legendär. Es wird viele SF-Fans und Freunde skurillen Humors freuen, daß es nun auf Kassette erhältlich ist. Ein Manko ist aber, noch mehr als beim »Namen der Rose«, die Verwechselbarkeit der Stimmen, besonders von Arthur Dent und Ford Prefect. Außerdem geriet mir beim Hören oft die Erinnerung an die phantastische Fernsehumsetzung dazwischen, die selbst, wenn man sie nur hört (ich habe sie als Tonkassette im Auto dabei), oft kurzweiliger und phantasievoller ist, gerade bei den Geräuscheffekten. Das Hörspiel ist nur Fans zu empfehlen oder Leuten, die die – um Längen besseren – Bücher nicht lesen wollen.

Adresse des Verlags: HÖR-Verlag, Postfach 86 03 69, 81630 München