SKJ 4/1992: Hans Bernhard Schiff (1915 – 1996)

Der in Saarbrücken lebende Schriftsteller Hans Bernhard Schiff, am 20. März 1915 in Berlin geboren, entstammt einer großbürgerlichen Familie – er ist der Neffe des einstigen AEG-Chefs und Reichsaußenministers Walter Rathenau. Schiff selbst zog aber stets das einfache Leben vor. Nur die außerordentlich sorgfältige Ausbildung hat aus dieser Zeit prägend gewirkt.

Noch vor Studienabschluß mußte Schiff mit seiner Familie Deutschland verlassen, studierte noch einige Jahre in Genf weiter, wechselte aber schließlich nach Frankreich, wo er sich in der Einsamkeit der Provence die Kriegsjahre über verborgen hielt. Seine Interessen sowie auch seine beruflichen Schwerpunkte bewegten sich immer mehr auf die Gebiete Literatur und Pädagogik hin. Als er 1947 nach Saarbrücken kam, übernahm er einen Lehrerposten, und ein Jahr später wurde er zum Leiter der Literaturabteilung des Saarländischen Rundfunks ernannt.

Dies stellte sich als eine echte Pionierarbeit heraus, denn es wurde damals noch ausschließlich »live« gesendet. Oft entstanden Beiträge noch während der Sendung. Hier bewährte sich die schnelle und geschickte Feder von Hans Bernhard Schiff. Unerschöpflich waren die Ideen des Rundfunkmannes Schiff besonders in Bezug auf die Gestaltung neuer Sendereihen, die sich über viele Jahre hinaus großer Beliebtheit erfreuten und heute als ein Stück Saar-Rundfunkgeschichte gelten.

1956 wechselte Schiff wieder in den Beruf des Pädagogen zurück. Aber die Literatur wurde mehr und mehr zu seiner Lieblingsbeschäftigung. Neben Essays und kulturkritischen Beiträgen, die überwiegend für den Funk geschrieben waren, legte der Autor drei Bände Lyrik, ein Bändchen Erzählungen, ein Hörspiel und zahlreiche Glossen, Aphorismen und auch aktuelle kulturelle Beiträge vor. Vieles wurde in der Saarbrücker Zeitung abgedruckt, auch in der »Saarheimat« und anderswo. Einiges, z. B. das Theaterstück »Marsyas oder der unvollendete Tod« oder die »Pausengeschichten«, liegt auch in Buchbzw. Heftform vor.

Karl August Schleiden schrieb über H. B. Schiff: »Die besondere Stärke des Schriftstellers Schiff liegt in all denjenigen Gattungen, die sich auf der Grenze zwischen Denken und Empfinden bewegen oder die eine große Einfühlungsgabe erfordern, also im Essay, in der Interpretation, in der dichterischen Übertragung.«

Schiff hat auch viele literarische Talente entdeckt, etwa Herbert Mailänder, Herbert Meiser und Johannes Kühn. Als ein sehr interessantes Projekt gilt die umfangreiche Untersuchung, die Schiff über die Rothaarigen anstellte, eine Mittelform zwischen Essay, experimenteller anthropologisch-völkerkundlicher und psychologischer Forschung und dichterischer Spekulation.

Seit Gründung des Saarländischen Autorenverbandes hat sich Hans Bernhard Schiff bis heute, einige Jahre auch als Vorsitzender, für die Belange seines Berufsstandes eingesetzt und sich weit über die saarländischen Landesgrenzen Ansehen verschafft. Es ist stets ein Vergnügen, diesem bescheidenen Mann zuzuhören, sei es bei Lesungen oder auch, wenn er so ganz nebenbei etwas Interessantes zu erzählen hat wie beim Literarischen Zirkel: »Ja, den Mehring, den hab ich ja persönlich gekannt, der hat sich mal furchtbar über mich geärgert, weil ich seinen Text nicht mit aufgenommen habe.«

HANS-BERNHARD SCHIFF ist im September 1996 gestorben.Bis zum Schluß war er aktiv, so im LITERARISCHEN ZIRKEL des Studio-Theaters.


Der irrtümliche Heroismus

von H. B. Schiff

Eine Ente fand ein Zeitungsblatt, auf dem geschrieben stand: »Die Möwen gehören zur Familie der Katzen.«

»Was in der Zeitung steht, muß wahr sein«, dachte die Ente und ging zu anderen Enten, um ihnen den Satz vorzulesen. »Hört einmal her«, sagte sie: »Die Möwen gehören zur Familie der Katzen, sie werden uns also auffressen, wenn wir uns nicht dagegen wehren!«

»Wir müssen ihnen unbedingt den Krieg erklären«, sagte ein alter Enterich. »Ich bin zwar zu alt, um mobilisiert zu werden, aber ich kann euch gute Ratschläge geben, soviel ihr wollt!«

»Wären wir doch in unserem alten Teich geblieben«, sagte seine Frau.

»Still, Alte«, erwiderte er. »Du verstehst nichts von Fortschritt und Wissenschaft; wir müssen gerüstet sein! Die Möwen überfliegen ständig unser hiesiges Hoheitsgebiet, ohne uns zu fragen; diese Liederlichkeit muß eine andere werden! Dies ist eine einmalige Gelegenheit, denn ein Krieg ist eine große und heroische Sache. habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Ja«, sagte die ursprüngliche Ente, die das Zeitungsblatt gefunden hatte.

Währenddessen stand der Druckereilehrling Fritz vor seinem Chef und holte sich seinen täglichen Anpfiff, der zu seiner Ausbildung gehörte: »Da hast du schon wieder Möwen statt Löwen hingesetzt: 'Die Löwen gehören zur Familie der Katzen.' Du hast nicht mehr Verstand als eine Ente!«

Am nächsten Morgen las die ursprüngliche Ente in ihrer Zeitung: »Wir entschuldigen uns für unseren gestrigen Druckfehler, es muß natürlich heißen: Die Löwen gehören zur Familie der Katzen.«

Die Ente lief mit dem Zeitungsblatt zu dem kriegerischen Enterich und sagte: »Es muß alles abgeblasen werden, es war nur ein Druckfehler.« Der Enterich las die Berichtigung, dann las er sie nochmals, dann sagte er: »Das ändert nichts an den Tatsachen: wir haben bereits mobilisiert. Also muß dieser Krieg gegen die Möwen durchgeführt werden!«

»Wegen eines Druckfehlers?«

»Aus ethischen Gründen. Außerdem kann ich gar nicht lesen, also geht mich die Berichtigung nichts an – wenn sie nicht vielleicht sogar eine Finte der Möwen ist, die Angst vor uns bekommen haben! Hier und jetzt spielen nur noch militärische Gesichtspunkte eine Rolle, und die lauten: Immer feste druff! Höchstens wenn wir den Krieg verlieren sollten, können wir nachher sagen, es sei ein Irrtum gewesen und die Zeitung sei daran schuld.«

Sprach’s und zog sich seine Uniform an.