SKJ 6/1995: Rückblick: Carmilla in Georgien – Georgier im Saarland

Müde, aber glücklich, landete das Team des Studio-Theaters am 27. September wieder in Deutschland, nachdem es in der georgischen Stadt Kutaissi das vampireske Schauspiel »Carmilla« gespielt hatte. Die Stadt Kutaissi, mit 3.000 Jahren eine der ältesten Städte der Welt, hatte das Studio-Theater eingeladen zur 1000-Jahr-Feier der Vereinigung West– mit Ostgeorgiens, die unter Schirmherrschaft der UNESCO mit »großem Bahnhof« eine Woche lang gefeiert wurde.

Am Tag der georgischen Währungsreform – am 25.9. hat der Lari den Coupon abgelöst – erlebte das Stück von Friedhelm und Ulrike Schneidewind um eine lesbische Vampirin nach der gleichnamigen Geschichte von Sheridan Le Fanu auf der großen Bühne des Meschischwili-Theaters von Kutaissi eine Aufführung mit allen Schikanen, mit Drehbühne und großer Technik, die umfangreicher Vorbereitung bedurfte, da die Mitarbeiter in der Technik kein Deutsch sprachen – von den Stromausfällen während der Proben ganz abgesehen.

Die Lage in Georgien ist schwierig. Die 5½ Millionen Einwohner haben Durchschnittslöhne von 2 bis 3 Dollar im Monat. Doch vieles kostet soviel oder mehr als bei uns. Die Produktion der Wirtschaft sank 1994 um 39,7%, bei der Länderbonität liegt Georgien auf dem 129. von 135 Plätzen. Seit Jahren ist das Land gelähmt durch die Energiekrise, immer wieder fallen Strom oder Wasserversorgung aus, die Landwirtschaft kämpft mit Riesenproblemen, der Tourismus ist praktisch tot. Dass und wie das (wirtschaftliche) Leben funktioniert, ist selbst vielen Georgiern schleierhaft.

Unter solchen Bedingungen eine derartige Solidarität zu bewahren und so viel Kulturelles zu leisten, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Besonders hervorzuheben ist die Gastfreundschaft der Georgier, die uns mit Herzlichkeit überschütteten und trotz aller Widrigkeiten dieses Gastspiel möglich machten.

In Anwesenheit des Oberbürgermeisters von Kutaissi und Repräsentanden der Region Imeretien (vergleichbar unseren Ministerpräsidenten), Teimuras Schaschiaschwili, und von Prof. Hermann Wedekind, ehemaliger Intendant des Staatstheaters Saarbrücken und einer der Väter der saarländisch-georgischen Partnerschaft, wurde »Carmilla« von rund 250 Zuschauern mit Szenenapplaus und standing ovations begeistert aufgenommen. Viele verstanden Deutsch, anderen wurde es übersetzt, und Dr. Tamas Gwenetadse, im Saarland bekannt als Autor der demnächst erscheinenden Chronik der Städtepartnerschaft Saarbrücken – Tbilissi, gab eine umfangreiche Einführung. Das Stück wurde vom georgischen Fernsehen aufgezeichnet und am nächsten Abend in voller Länge gesendet.

Die Reise nach Georgien wurde finanziell unterstützt von der Staatskanzlei und der Stadt Saarbrücken. Wir haben uns bemüht, dies und die Gastfreundschaft der Georgier zu vergelten.

Im Anschluß an unsere Reise holten wir das Hermann-Wedekind-Jugendtheater Kutaissi ins Saarland.

Dieses Theater war auf Initiative seines Namensgebers Hermann Wedekind zu den »Balver Festspielen« eingeladen worden, wo es am 30.9. die Uraufführung seiner Produktion »Das große Welttheater« feierte. In diesem Tanztheaterstück nach der Geschichte »Die Maske des roten Todes« von Edgar Allan Poe mit Anklängen an »Das große Welttheater« von Pedro Calderón de la Barca siegt zunächst, wie bei Poe, der alles gleichmachende Tod, doch stehen am Ende, ganz in georgischer und Wedekindscher Tradition, Auferstehung und Versöhnung.

Ursprünglich sollte die Truppe am 2. Oktober wieder nach Hause fliegen. Dem Studio-Theater und dem Logos-Verlag gelang es, die Georgier bis zum 9.10. ins Saarland zu holen. Dies war nur möglich aufgrund kurzfristig und unbürokratisch gewährter Zuschüsse der Staatskanzlei und von Sponsoren, darunter der Sparkasse Saarbrücken und des Saarländischen Genossenschaftsverbandes, und Spenden von Hermann Wedekind, der Deutsch-Georgischen Gesellschaft, dem Rotary-Club Saarbrücken und vielen Einzelspendern. Nicht hoch genug einzuschätzen ist die Bereitschaft der Gastfamilien, die 20 Kinder und 6 Erwachsenen – darunter die künstlerische Leiterin Marina Tkablase, Regisseur Dshemal Tscheidse, Texter und Komponist Mamuka Matschitidse und Arrangeur Jura Kriwzun – nicht nur unterzubringen, sondern auch viele hundert Kilometer auf eigene Kosten zu fahren.

Vier Auftritte absolvierte das Theater im Saarland (das hier abgebildete Plakat dazu entwarf Ulrike Schneidewind). Am 4.10. führte es in der KuFa Saarbrücken das »Große Welttheater« auf – leider aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit vor kleinem Publikum –, ebenso am 6.10. morgens im »Gymnasium am Stefansberg« in Merzig und am 7.10. abends im katholischen Pfarrheim in Wadern. Am 8.10. schließlich präsentierte die Truppe in der Saarlandhalle des Kurzentrums Weiskirchen vor einem begeisterten Publikum georgische Folklore. Auch sonst war der Terminkalender der Georgier ziemlich gefüllt, etwa mit einem Empfang durch die Landeshauptstadt im Festsaal des Rathauses und einer Stadtrundfahrt; am 6.10. waren sie Gäste bei der »Orientalischen Gala«, die die bekannte Tänzerin Fatima im Bürgerhaus Dudweiler veranstaltete.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Hermann-Wedekind-Jugendtheater und dem Studio-Theater wird fortgesetzt, und sicher wird es noch viele gegenseitige Besuche geben, auf die sich alle Beteiligten freuen.