Schachweltmeister Kasparow verliert gegen Computer »Depp Blue«

Sieg der Maschine? Sieg der Vernunft!


Im Mai 1997 war es endlich soweit: In einem als historisch bezeichneten Match schlug der IBM-Computer DEEP BLUE den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparow in 6 Spielen mit insgesamt 4:2 (2 Siege, 1 Niederlage, 3 Unterschieden). Etwas, was Fachleute bereits seit langem erwartet hatten, sorgte, vor allem in der Schachwelt, für große Aufregung. Doch warum eigentlich? Und was daran war historisch?

Noch 1996 hatte Kasparow, den manche für den besten Schachspieler alle Zeiten halten, das Vorgängermodell mit 4:2 geschlagen – aber auch damals hatte der Computer ein Spiel für sich entschieden. Was also ist daran historisch, daß jetzt bei einem willkürlich auf 6 Spiele festgesetzten Vergleich der Computer die Chips vorne hatte? Nach zwei weiteren Spielen hätte es vielleicht anders ausgesehen...

Wenn etwas historisch war, dann damals der erste Sieg des Computers über den Schachweltmeister. Daß selbst gute menschliche Schachspieler/innen gegen Top-Computer eigentlich keine Chance mehr haben, ist schon länger bekannt; das menschliche Ego wurde dadurch getröstet, daß es wenigstens einen Menschen gab, den die Maschine nicht schlagen konnte. Doch das war schon damals in die Tasche gelogen; so kann z. B. ein Mensch einen schlechten Tag haben, ein Computer nicht. Und was, wenn irgendwann kein/e so gute/r menschliche/r Schachspieler/in da ist? Die Vergleiche sind unsinnig, und in absehbarer Zeit dürfte gegen die besten Schachcomputer kein Mensch mehr eine Chance haben.

Doch was daran ist schlimm? Gibt es keine Wettläufe mehr, weil Maschinen schneller sind als Menschen? Hören wir auf, Dame oder Reversi zu spielen, nur weil jeder PC mit dem entsprechend eingestellten Programm uns schlagen kann? Spielen nicht viele Menschen immer noch Schach – gegeneinander und gegen Computer –, obwohl sie gegen DEEP BLUE nie eine Chance hätten?

Wir haben es geschafft, in einem relativ komplexen, aber sehr beschränkten Gebiet eine Maschine zu entwickeln, die dieses Gebiet besser beherrscht als ein Mensch. Daß sie eines Tages in der Lage sein wird, nicht nur hinzuzulernen, sondern auch kreativ im Rahmen der Regeln neue Strategien zu entwickeln, ist anzunehmen. Doch sie bleibt eine Spezialmaschine, die über eine spezialisierte Intelligenz verfügt. Der evolutionäre Erfolg des Menschen ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß er ein Universalist ist; der Gepard rennt schneller, der Gibbon kletter besser, der Delphin schwimmt besser – aber der Mensch kann alles drei. Im Bereich der Intelligenz wird ähnliches allgemein anerkannt: Es gibt Menschen, die 5stellige Zahlen in Sekundenschnelle im Kopf multiplizieren können, aber als debil angesehen werden, weil ihre allgemeine Intelligenz niedrig ist. Es gibt Software für PCs, die vierstimmige Kompositionen aussetzt nach bestimmten Vorgaben – auch dies hätte vor Jahren als intelligente Leistung gegolten, aber dieses Programm ist nur ein nützliches Werkzeug, wie etwa auch ein Rechtschreibeprogramm. Es wird wohl nicht mehr allzulange dauern, bis wir Computer entwickeln, die unter bestimmten eingegrenzten Bedingungen autofahren können – aber sicher noch Jahrzehnte, bis ein Computer zu Fuß heil vom St. Johanner Markt bis zur Universität kommt. Die allgemeine, die sogenannte »Alltagsintelligenz« wird sicher noch lange Zeit eine Domäne des Menschen bleiben. Und selbst, wenn eines Tages nicht mehr – was wäre daran schlimm? Bin ich als Einzelmensch in irgendeiner Weise eingeschränkt, weil auch andere Menschen intelligent sind? Warum sollten nicht auch andere Wesen intelligent, ja menschlich sein?

Was in New York im Mai des Jahres 1997 geschah, war weder historisch noch allzu bemerkenswert, es sei denn insofern, daß es vielleicht einigen Ignoranten ein wenig die Augen öffnet darüber, wie weit menschliche Vernunft mit dem Einsatz der richtigen Werkzeuge kommen kann - und das ist letztendlich die einzige Chance, die die Menschheit hat, will sie mit vernünftigem Einsatz der Ressourcen möglichst allen Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Ein Glückwunsch an DEEP BLUE – vor allem aber: Glückwunsch an die Menschen, die dahinter stehen!