SKJ 2/1994: EDITORIAL: Filmverbot u.a. – Wieder mal Provinz!
Das Saarland sieht sich gerne als weltoffenes Land mit ausgeprägter
Kulturszene – zumindest ist das der Eindruck, den die Werbung der Landesregierung
und vieler Verbände immer vermitteln möchte. Doch wie sieht die
Wirklichkeit aus?
Ich möchte nicht darüber jammern, daß es zu wenig Geld
gibt – das Land und die Kommunen sind arm, und vor der Förderung von
Theatern oder Literatur hat die Sozialhilfe berechtigterweise Vorrang.
Ob die Belastung der Kommunen und Länder mit solchen Aufgaben richtig
ist, ist eine andere Frage. Daß auch die Mittel des Bundes immer
geringer werden, ist auch zu bedauern, aber verständlich.
Nein, es sind andere Aspekte, die manchmal bei mir den Eindruck erwecken,
als sei das Saarland keineswegs die liebenswerte Provinz, als die es sich
so gerne gibt, sondern eher höchst provinziell, Dinge, die nichts
zu tun haben mit Geld. Zwei Beispiele:
Da hat das Saarland mit dem Max-Ophüls-Festival ein wirklich bemerkenswertes
und über die Grenzen hinaus bekanntes kulturelles Großereignis
- und dann reagieren zaghafte Kommunalpolitiker überängstlich,
indem sie den Film »Beruf Neonazi« aus dem Programm nehmen.
Man kann über diesen Film und seine Qualität geteilter Meinung
sein, aber plötzlich, nachdem er über ein Jahr lang unbeanstandet
in Programmkinos und im Ausland lief, zu entdecken, er verherrliche den
Neonazismus oder gefährde zumindest unbedarfte Zuschauer, ist lächerlich.
Wenn man diesen Film nicht auf einem solchen Festival zeigen kann, wo und
wann dann? Und wer soll nun die Feiertagsreden vom mündigen Bürger
noch ernstnehmen? Das feige Zurückweichen der Verantwortlichen vor
der Meute der Zensurbefürworter (ist Zensur nicht im Grundgesetz verboten?),
von denen sicher einige ehrenwerte Motive haben, verurteile ich aufs schärfste.
Das Festival machte damit mehr Schlagzeilen als je zuvor, aber hauptsächlich
negative, und das Saarland zeigte sich wieder einmal als feige und provinziell.
Man kann darüber streiten, ob es notwendig ist. den Film zu zeigen
oder nicht – ich finde, es ist notwendig –, aber auf jeden Fall darf es
niemals Zensur geben. Die Empfindlichkeit einzelner Leute, auch von Familienmitgliedern
oder einst Verfolgten, darf nicht über Grundwerte wie die Freiheit
der Kunst oder der Presse gestellt werden, auch wenn sie im Einzelfall
verständlich sein mag. Und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden,
Ignatz Bubis, der 1985 wesentlich daran mitbeteiligt war, die Aufführung
des Fassbinder-Theater-Stückes »Der Müll, die Stadt und
der Tod« zu verhindern, in dem er selbst als Grundstücksspekulant
schwer angegangen wurde, muß sich fragen lassen, wessen Interessen
er wirklich dient.
Fall zwei: Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) in der IG Medien gilt
als der bedeutendste Schriftstellerverband in Deutschland. Gerade im kleinen
Saarland, dem Land der kurzen Wege, wo »jeder jeden kennt«,
könnte der VS die Chance nutzen, über den Tellerrand hinauszublicken,
Kontakte zu anderen Verbänden zu knüpfen, wie es der VS und der
FDA auf Bundesebene vorexerzieren. Nichts davon, im Gegenteil: Schon zum
zweitenmal bringt der VS eine Anthologie heraus, die den Anspruch erhebt,
die wesentlichen saarländischen Schriftsteller vorzustellen. Und beide
Male kocht der VS im wesentlichen im eigenen Saft, zählt zu solchen
Schriftstellern nur eigene Mitglieder oder von diesen empfohlene Leute.
Das wäre in Ordnung, wäre das Ganze eindeutig deklariert als
VS-Anthologie und erhöben die Herausgeber nicht den Anspruch, einen
Überblick über saarländische Literatur zu geben. Wie können
sie dann Autoren wie etwa Georg Fox außen vor lassen, der schon Bücher
in Düsseldorf, München, Berlin und Speyer veröffentlicht
hat? Die Einvernahme als »saarländische« Schriftsteller
bei Leuten wie Horst Neißer oder Peter Scholl-Latour wirkt da schon
eher komisch.
Im Saarland ist es um die Verlagslandschaft wirklich triste bestellt –
gerade 11 Buchverlage sind Mitglied im Landesverband der Verleger und Buchhändler,
und während es im wissenschaftlichen Bereich wenigstens zwei national
bedeutende Verlage gibt, sieht es bei der Belletristik ziemlich mau aus.
Auch der VS steht in der Verantwortung, da etwas zu tun, will er Literatur
fördern. Nun einen angeblichen Überblick über die saarländische
Literaturszene zu bieten, in dem wesentliche Autoren außen vor bleiben
ist da eher kontraproduktiv. Daß der VS gerade im kleinen Saarland,
in dem es einfach wäre, mit allen wichtigen Leuten Kontakt aufzunehmen,
nicht in der Lage ist, über seinen Schatten zu springen, ist vielleicht
mit ein Grund dafür, daß es auch um die Literatur im Saarland
nicht zum besten bestellt ist. Auf jeden Fall ist es eines: provinziell!