Mai 1996: 
Zur Situation des Freien Theaters im Saarland –
Polemische Antwort auf einen Artikel in »Blaue Liebe«

In der neuesten Ausgabe der »Blauen Liebe« wird sehr polemisch über die Situation des freien Theaters in Saarbrücken gejammert. Ich stimme der Zustandsbeschreibung in dem leider nicht namentlich gezeichnetem Artikel in wesentlichen Punkten zu, bin jedoch in einigen Aspekten anderer Auffassung und möchte diese hier gerne zur Diskussion stellen.

Es ist natürlich richtig, daß die finanziellen Zuwendungen von Stadt wie auch Land vollkommen unzureichend sind. Als wir kürzlich mit unserer Theaterproduktion CARMILLA in Spandau gastierten, war dort gerade die angedrohte Schließung eines freien Theaters Stadtgespräch: weil dieses Theater vom Bezirk Spandau – der etwa 250.000 EinwohnerInnen hat – die jährlichen Subventionen gekürzt bekommt von ca. 250.000 auf nur noch 60.000 Mark – das ist immer noch mehr als das Doppelte dessen, was zum Beispiel das Studio-Theater erhält!

Aber Jammern nützt nichts; wir können ja schlecht die Sozialhilfe kürzen, um mehr Geld für freies Theater zu haben (eher schon die Subventionen des Staatstheaters – 1% von dessen Etat wäre schon ein schöner Batzen, aber wer traut sich da ran?). Wo nun mal so wenig da ist zum Verteilen, muß halt besser verteilt werden. Und ich denke, daß da wohl mal die Kriterien der Verteilung gerade an freie SchauspielerInnen diskutiert gehören. Das Publikum hat Anspruch, für Zuschüsse, die es über seine Steuern und Abgaben mitfinanziert, auch entsprechend etwas geboten zu bekommen - und mir ist unverständlich, das z. B. Stücke, für die die Produzierenden oder Darstellenden Tausende von Mark erhalten, nach 8 oder 10 oder 12 Aufführungen abgesetzt werden; dann wird halt ein neuer Antrag für neues Geld gestellt... In anderen Städten ist es üblich, eine Mindestanzahl von Aufführungen festzuschreiben, um Zuschüsse zu bekommen!

Und immer wieder dieses Gejammere über die fehlenden Räume! Ich kann es nicht mehr hören! Das ist schlichtweg Unsinn! Zumindest für kleinere Produktionen gibt es genug Spielmöglichkeiten. Zum Beispiel bietet das Studio-Theater seit Jahren(!) an, daß dort geprobt und aufgeführt werden kann. Und dann entblödet sich ein gewisser Schauspieler, den ich nicht namentlich nennen will, nicht, in der SZ zu erklären, er habe die Uraufführung seiner Produktion – für die er von öffentlichen Stellen ein Schweinegeld bekommen hat – verschieben müssen, weil er keinen geeigneten Raum gehabt habe - und es sei ihm niemals ein solcher angeboten worden! Ich war dabei, als dieser Herr sich das renovierte Studio-Theater anschaute und es lobte und ihm Michaela Auinger das Theater für diese Produktion anbot; am Bühnenrand sitzend, äußerte er sich sehr zufrieden und meinte, das Studio-Theater sei für ihn ideal. Aber er bekam kein einziges Angebot für einen Raum...

Solange die Künstlerinnen und Künstler in dieser Art und mit einer solchen Unehrlichkeit miteinander umgehen, wird sich nichts verbessern. Und auch aufgrund solcher Bedingungen ist ein Versuch, wie ihn das Netzwerk vor Jahren machte, zum Scheitern verurteilt (siehe auch das Editorial im SKJ 1/1994). Bei uns gibt es zu viele Leute, die zwar auch ihre Kunst im Kopf haben, aber vor allem versuchen, möglichst viel vom Kuchen abzukriegen. Das ist verständlich und legitim, aber ich kann deren Gejammere wirklich bald nicht mehr hören. Die sind doch nur für einen größeren Kuchen, damit ihr Stück größer wird. Jedes Jahr ein paar Tausend Mark für 4 bis 8 Wochen Probenarbeit und dann ein paar Aufführungen - und sogenannte Amateure stecken ihr eigenes Geld rein und bringen oft keine schlechtere Leistung ...

Was ist überhaupt Freies Theater? Sind es nur die Profis? Und wie definiert man die? Wie das Kulturamt: also nur Leute mit abgeschlossener Ausbildung und/oder, die davon leben? Mir ist das zu eng gefaßt. Wir zählen uns mit unserer Produktion CARMILLA z. B. durchaus auch zum Freien Theater; immerhin haben wir das Stück in 2 Jahren fast 40 mal im In- und Ausland gespielt und gehen damit im Herbst auf eine mehrwöchige Rumänientournee - und das ohne einen einzigen Pfennig Förderung! Diese Betrachtungsweise ist mir viel zu einseitig auf die sogenannten Profis bezogen.

Ich bin die leidige Diskussion um Profitum sowieso langsam leid. Es wurde bei der letzten »Kontroversation« im Studio-Theater wieder deutlich, wie schwierig eine vernünftige Definition ist. Es gibt viele renommierte Autor/innen, die davon nicht leben können – der Rotbuch-Verlag stellt sogar einen seiner Stars so vor: »Wie es bei guten Autoren so ist, ernährt ihn seine schriftstellerische Arbeit noch nicht.« In der bildenden Kunst und Musik ist es ähnlich, die meisten haben einen Brotberuf. Welche/r Komponist/in arrangiert oder dirigiert nicht nebenbei? Was macht denn Martin Folz? Viele »Hobbykünstler/innen« haben eine Ausbildung in der Kunst, dann aber einen anderen Beruf ergriffen. Was ist mit den ganzen (Musik-, Kunst– etc.)Lehrer/innen? Sind denn die Comedy Crocodiles »Profis«? Detlev Schönauer hat jahrelang vom Dirigieren und dem Geld seiner Frau gelebt, auch als er lange schon als Profi-Kabarettist galt - und er hat sich dessen nicht geschämt. Ist man Profi, weil man es irgendwann mal studiert hat? Ist eine Schauspielerin, die 20 Jahre nicht auf der Bühne stand und dann wieder auftritt, eher Profi als der Lehrer, der seit 20 Jahren intensivst Amateurtheater macht und es dabei zu höchster Qualität bringt?

Die Eingebildetheit der sogenannten Profis geht mir auf die Nerven, und oft genug hat sie nur was mit der Verteilung von Pfründen bzw. Zuschüssen zu tun. Das Studio-Theater wird sich davon nicht anstecken lassen, Es wird weiterhin allen Künstler/innen offenstehen, die entsprechende Qualität bieten (und bezahlbar sind) - und Qualität hat oft genug nichts mit Ausbildung zu tun (zumal es in vielen Bereichen gar keine formale Ausbildung gibt, wie Kabarett, Schriftstellerei oder Kulturmanagement).

Und schon gar nichts haben Profitum oder Qualität was damit zu tun, ob jemand mit seiner Kunst sein Geld verdient. Denn es war schon immer so, daß die mittelmäßige Kunst das Geld bringt und die Avantgarde am Hungertuch nagt. Wer den Durchbruch (noch) nicht geschafft hat oder gegen den Stachel löckt, zu kritisch oder zu modern ist – ist er oder sie dann kein Profi, nur weil er oder sie sich das Geld zum Leben als Taxifahrer oder Serviererin verdienen muß?

Hier sind  auch endlich die politische Entscheidungsfähigkeit und der politische Wille der Verantwortlichen in Saarbrücken gefordert, um klarzustellen, wie die Förderung der Stadt in Zukunft aussehen soll – ob sie sich weiterhin an einem längst überholten Begriff von Profitum orientieren oder endlich vernünftig nach Qualität entscheiden will. Schließlich sind auch auch die Politiker im regionalen und kommunalen Bereich in der Regel keine »Profis« – wie immer man diesen Begriff definieren will ...