Das Märchen vom großen Mann und dem Mantel der Geschichte

© 1993 Friedhelm Schneidewind


Ich hatte einen Traum: Es war einmal auf einem mittelgroßen Planeten auf einem mittelgroßen Kontinent in einem mittelgroßen Land in einer mittelgroßen Stadt in einem mittelgroßen Raum ein mittelgroßen Spiegel. Und vor diesem stand ein großer Mann in einem mittelgroßen Mantel und überlegte, wie er die Leute dazu bringen könnte, endlich einzusehen, dass er nicht nur ein großer Mann war, sondern der größte all’ derer, die dieses Amt bisher ausgeübt hatten, der größte unter all' jenen, die den Mantel der Geschichte getragen hatten.

Dass er dies körperlich war, war unbestritten. Doch dies war es nicht, was ihn interessierte. Es bekümmerte ihn, dass man immer nur davon sprach, ihn habe der Zipfel des Mantels der Geschichte »gestreift«. Er trug ihn doch – auch wenn dies nicht jeder sah. Und er war es leid, dass man ihn immer noch als weniger groß als einen seiner Amtsvorgänger ansah.

War er denn nicht größer als jener, den sie den »Lotsen« genannt hatten? Hatte er denn nicht nur - wie dieser – das Land geeint, sondern das auch noch ganz ohne Blutvergießen? Dass er größer war als jener, als dessen Enkel man ihn gerne bezeichnete, war zumindest für ihn keine Frage. Hatte er doch nicht nur des Alten Traum von der Wiedervereinigung des Landes verwirklicht, sondern auch dessen Vision vom geeinten Kontinent fast vollendet!

Für den großen Mann vor dem mittelgroßen Spiegel war klar: Er war der größte der Großen Drei!

Doch wie sollte er das den Menschen verdeutlichen? Diese maßen Größe in erster Linie an Amtsdauer. Zwar hatte der große Mann inzwischen den Alten da überholt, aber wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass die Chancen, den »Lotsen« zu übertreffen, nicht besonders groß waren. Körperlich würde er es sicher schaffen. Doch ob die Wählerinnen und Wähler ...? In der jetzigen Konstellation würde eine Wiederwahl wohl kaum gelingen, und ob die andere große Partei unter ihm...? Nein, das war zu unwahrscheinlich. Was also sollte er tun? Nur eines gab es noch, womit er den anderen übertrumpfen konnte: Er durfte nicht nur Kanzler bleiben, er musste mehr werden!

Und da erinnerte sich der große Mann vor dem mittelgroßen Spiegel in dem mittelgroßen Raum eines anderen ehedem großen Mannes, eines verstorbenen Männerfreundes aus vergangenen Tagen, der den Seinen predigte, dass es den Menschen nur schlecht genug gehen müsse, dann nähmen sie jede Alternative dankbar an. Und plötzlich hatte der große Mann in dem mittelgroßen Raum eine große Idee.

Er präsentierte seiner Partei für das höchste Amt im Staate einen Kandidaten, von dem er wusste, dass er durchfallen musste, eine schlechte Alternative ganz nach Sonthofener Muster.

Und in der Stunde der Qual der Wahl präsentierte sich der große Mann dem mittelgroßen Land als der große Retter. Seine eigene Partei konnte sich ihm nicht verweigern, und das kleine pseudoliberale Anhängsel wagte es nicht, aus Angst, die letzten Chancen auf ein weiteres Mitregieren zu verwirken.

Und so wurde der große Mann in dem mittelgroßen Land der größte der Großen Drei, denn er wurde beides: Kanzler und Präsident, und so, zumindest in seinen eigenen Augen, zum größten Deutschen seit – seit – zumindest seit Karl dem Großen.

Und der Mantel der Geschichte, den er, nur manchen sichtbar, trug, wuchs und wuchs, und seine Schleppe wurde länger und länger, und unter ihr verbarg sich all' der Dreck, den der große Mann und seine kleinen Helfer in dem mittelgroßen Land anrichteten. Und der Mantel wuchs und wuchs, und seine Schleppe wurde länger und länger, und sie begann, das Land zu ersticken, und auch ich bekam keine Luft mehr.

Und da wachte ich auf.

Ich hatte einen Traum – oder eher einen Alptraum. Doch frage ich mich oft, ob es wirklich ein Traum war. Auch wenn er nicht wahr geworden ist – manchmal, aus dem Augenwinkel, sehe ich ihn, den Mantel der Geschichte, wie er vorüber streift, und dann bekomme ich – für einen Moment – keine Luft mehr.


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind

»Das Grundgesetz, das die Rollenverteilung zwischen den Staatsorganen regelt, ist längst nicht so präzise, wie man es glauben sollte. Konrad Adenauer wusste das genau. Schließlich hatte er die Verfassung selbst mitgeschrieben. 1959 liebäugelte der greise Kanzler deshalb wochenlang mit dem Gedanken, selbst vom Kanzleramt in die Villa Hammerschmidt, den Bonner Dienstsitz des Staatsoberhaupts, zu wechseln und die junge Demokratie von der Kanzler- in eine Präsidialrepublik umzuformen.« Stephan Detjen: »Die Macht des Repräsentanten. Was Bundespräsidenten bewirken können«, Deutschlandfunk, DLF-MAGAZIN, 21.02.2013

Ende 1993 war die Kandidatur des als ultrakonservativ geltenden Steffen Heitmann für das Bundespräsidentenamt innerhalb der CDU/CSU sehr umstritten. Ehe er als Kandidat zurücktrat und der spätere Bundespräsident Roman Herzog nominiert wurde, gab es Gerüchte, Helmut Kohl, der sich seiner Wiederwahl als Kanzler 1994 keineswegs sicher sein konnte (er gewann die Wahl später), erwäge, selbst für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren – auch hierin ein Nachfolger von Konrad Adenauer. Mir graute bei der Vorstellung. Und ich überlegte, ob das Scheitern von Heitmann nicht von Kohl geplant sein könnte ...


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