Wer die Mythen beherrscht ...

© 1995 Friedhelm Schneidewind

Wordpatenschaft für das Wort »MTHOLOGIE«

Urkunde zur Wordpatenschaft für »MTHOLOGIE« und LINK zur großen Darstellung der Urkunde


Mythen gehören zu den geistigen Grundlagen des menschlichen Seins und beeinflussen die Kultur und die Handlungen von Menschen oft viel mehr, als dem einzelnen bewußt sein mag – und dies gilt auch in unserer modernen und ach so aufgeklärten Gesellschaft (wäre sie es doch nur!).

Aus welcher Sicht ich mich auch immer mit Mythologie auseinandersetze – ob als Religions- oder Literaturwissenschaftler, als Anthropologe, Historiker, Soziologe, Psychologe (und jede dieser Wissenschaften hat ihre eigene Definition): Es scheint unbestreitbar, dass Mythen einerseits Konstanten des menschlichen Lebens, der menschlichen Gesellschaften sind und andererseits solche Konstanten wiedergeben, sie darstellen.

Dass es Mythen sehr unterschiedlicher »Qualität« gibt – man vergleiche etwa den Prometheus-Mythos, der sich in immer neuen Gestalten bis hin zu Frankenstein und dem »mad scientist« der Science Fiction findet, mit modernen Mythen, die manchmal nur für Jahrzehnte diesen Status haben –, spielt für das einzelne Individuum kaum ein Rolle. Jeder Mensch ist von den Mythen seiner Gesellschaft und (Sub-)Kultur betroffen; er kann sich deren u. U. fatalen Wirkung umso eher entziehen, je mehr er sich ihrer bewußt ist – und er kann umgekehrt umso leichter auch darin eine Heimstatt finden.

Ob Mythen wirklich eine der modernen wissenschaftlichen Vernunft unerreichbare, tiefere Weisheit in sich bergen, wie manche vermuten, oder Ausdruck kindlich-primitiven, magisch-mystischen Denkens sind, das vom aufgeklärten Bewußtsein schließlich überwunden wird, wie andere annehmen – diese so gerne als zentral betrachtete Frage in der Mythenforschung scheint mir so falsch gestellt zu sein wie die immer wieder beschworene Konfrontation zwischen Vernunft und Spiritualität unsinnig ist. Wir brauchen beides: Vernunft und Geist, Ratio und Spiritualität, Geschichte und Geschichten, wollen wir mehr als vegetieren, wollen wir auf menschliche Art (über-)leben.

Noch mehr als die Literatur hat vielleicht die bildende Kunst schon immer maßgeblichen Anteil an der Mythenformung und –bewahrung gehabt, indem sie mythische Gestalten und Erzählungen unmittelbar visuell erfaßbar machte, oft sogar die Vorstellungen bis ins Detail hinein prägte wie höchstens noch der Film. Entsprechend hoch ist ihre Verantwortung. Sie muss sich mit den alten Mythen auf »moderne« Art auseinanderzusetzen, sie zeitgemäß interpretieren – und ihnen doch ihre Würde, ihre Bedeutung lassen, ja sie muss sie in unsere Zeit auf eine Weise transportieren, dass die zeitlos gültigen Aussagen dieser Geschichten auch dem Menschen von heute erkennbar werden und ihn ansprechen. Doch die Verantwortung geht darüber noch hinaus, ist auch eine politische: Wir dürfen die Mythen nicht den Rückwärtsgewandten überlassen – denn wer die Mythen beherrscht, beherrscht das Denken!

In Deutschland ist die Auseinandersetzung mit der eigenen, der germanischen Mythologie stark beeinflußt von deren Mißbrauch durch die Nationalsozialisten. Wie in vielen Bereichen haben es die Deutschen auch mit diesem Teil ihrer Vergangenheit sehr viel schwerer als andere Völker. Doch 50 Jahre nach Kriegsende ist es an der Zeit, die Wurzeln, aus denen heraus, und Mechanismen, mit denen die Machthaber des Dritten Reiches arbeiteten, zu beleuchten. Deshalb ist es sinnvoll und angebracht, sich auch mit diesen Mythen zu beschäftigen, sie darzustellen, ihre Aktualität aufzuzeigen und jedem Menschen seinen eigenen Zugang dazu zu ermöglichen.

Niemand kann dabei hoffen oder gar für sich in Anspruch nehmen, den jahrtausendealten Streit um ihre Natur zu entscheiden. Schon die griechische Antike hat den »Mythos« im Sinne einer »unwahren Erzählung« dem »Logos« entgegengestellt. Seither ist die Diskussion um das Verhältnis von Mythos und Vernunft nicht erloschen, wird um die »Wahrheit« des Mythos und sein Verhältnis zu Philosophie und Wissenschaft gestritten.

Und dies oft ohne wirklich gesicherte Kenntnis, verfügen wir doc bei den alten Mythen meist nur über Momentaufnahmen, Querschnitte zu einem willkürlichen Zeitpunkt, wie bei der Edda oft genug auch noch künstlerisch bearbeitet oder verfremdet. Aus solchen »Scheiben gefrorener Zeit« die wahre Natur dieser Mythen, vielleicht sogar die Religion oder den Glauben der damals lebenden Menschen zu erschließen, ist, wenn nicht unmöglich, so zumindest problematisch – und stets fragwürdig. Wer wagte es, aus einem Buch eines Theologen oder gar Schriftstellers z. B. das Christentum in all seinen Facetten ableiten zu können? Schon die Quellenlage macht die Diskussion um Mythen oft schwierig, wenn nicht unglaubhaft bis lächerlich.

Mythen können wie Religionen oder Ideologien gefährlich sein, mißbraucht werden, ihr attraktives Sinnangebot kann aber auch die wissenschaftliche Vernunft zur Selbstreflektion zwingen. Es liegt an jedem einzelnen, von ihnen den rechten Gebrauch zu machen. Wie beim Streit um Wissenschaft und New Age, Fortschrittsglaube und Esoterik scheint mir Toleranz das Entscheidende zu sein: Jeder freigewählte Weg eines Menschen ist richtig, wenn er andere damit nicht unterdrückt oder deren Freiheit einschränkt.

Die Frage, ob Mythos Fiktion oder eine Wahrheit voller tieferer Weisheit sei, ob er als »das stets mögliche Andere des Logos« dessen tatsächliche oder angebliche Herrschaft zu untergraben droht oder ein notwendiges Korrektiv, vielleicht sogar eine bessere Alternative ist, kann letztlich keine Wissenschaft und keine Kunst entscheiden. Beide können nur Anhaltspunkte bieten, jede auf ihre Art. Doch dieser Aufgabe sich zu stellen kann für jeden Künstler eine fruchtbare Herausforderung sein.


© 1995 Friedhelm Schneidewind

Dies ist eine gekürzte Fassung der Einleitung zu dem – leider nicht mehr lieferbaren – Buch »Siegfried & Co. – Über die Modernität des germanischen Mythos«, herausgegeben von Thomas Mörschel, Logos-Verlag, Saarbrücken 1995. Der Essay erschien auch in den Zeitschriften Saarländisches Kultur-Journal (4/1995) und Magie & Mythos (1999).

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