Nosferatus Erbe

© Friedhelm Schneidewind und Ulrike Schneidewind


Ich kann es nicht glauben. Ich bin eine moderne Frau und halte nichts von Esoterik oder altmodischem Aberglauben wie Astrologie oder Hellseherei. An Horror erlebe ich doch in meinem Beruf wirklich genug und muss ihn mir nicht noch antun mit Büchern oder Filmen, und ich sehe genug Leichen in meinem Job. Ich habe, wenn es hochkommt, zwei oder drei Vampirfilme in meinem Leben gesehen – und jetzt das! Mir! Wahnsinn! Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich es überhaupt aufschreiben soll. Doch irgendwann habe ich mir mal vorgenommen, wenigstens meinem Tagebuch gegenüber ehrlich zu sein, also ...

Aber es ist doch zu blöd. Vampire auf der Lerchesflur! Da haben ja schon die tollsten Kerls gehockt, bis hin zum Ex-Leibwächter vom Oskar, bei der Rotlichtaffäre – aber Vampire im Saarbrücker Knast – das gab’s noch nie!

Wenn ich aber an das herausgerissene Fenstergitter denke ... Und dann dieser Brief ... Doch ich sollte vielleicht von vorne anfangen.

Vorgestern sind sie eingeliefert worden, die zwei ... Vampire. Ich will sie mal so nennen, weil sie es selber so taten. Natürlich nicht offen.

Zuerst sah alles ganz normal aus. Ein paar Kollegen von der Karcherstraße wurden zum St. Johanner Markt gerufen, weil dort zwei Typen randalierten. Auch wenn ich nicht an die Geschichten von Mißhandlungen auf dem Revier glaube, weiß ich doch, dass die Kollegen von der Karcherstraße nicht zimperlich sind; das sind alles knallharte Burschen. Aber sie mussten Verstärkung rufen, um mit den zwei scheinbar Besoffenen fertigzuwerden. Max hat mir erzählt, die beiden hätten jedem Bud-Spencer-Film zur Ehre gereicht, obwohl der eine nur knapp einssechzig groß ist. Die ganze Zeit über hätten sie so gegrinst. Und irgendwie hat er das Gefühl gehabt, sie hätten sich schließlich freiwillig einbuchten lassen.

Die haben sie wohl ziemlich durch die Mangel gedreht, auf der Wache. Und irgendwann hat der Kleine von Plutonium geredet, von einer Riesenladung, die durch das Saarland geschleust werden sollte. Mehr wollte er aber nur mit jemandem von »ganz oben« besprechen. Und so kam ich ins Spiel.

Gestern morgen brachten sie die zwei auf die Lerchesflur und mir die Unterlagen. Als ich die beiden am Nachmittag befragte, war das der reinste Frust. Sie spielten mit mir. Der Große verschlang mich regelrecht mit den Augen, und, verdammt noch mal, das ist ein unheimlich attraktiver Typ, mir seinen langen schwarzen Haaren und diesen stahlgrauen Augen. Wenn ich dem draußen begegnen würde, könnte ich mir schon vorstellen ... Und cool ist der! Der hat ’ne Menge auf dem Kasten. Und ich war am Schluß so schlau wie vorher.

Also hab’ ich sie in eine Zelle mit Kamera und Wanzen verlegen lassen. Und hab’ am nächsten Morgen meinen Augen und Ohren nicht getraut. Auf dem Video sieht man, wie die zwei sich auf den Boden legen, auf den Rücken, mit vor der Brust gekreuzten Armen, und eine Art Glaubenbekenntnis singen, wie in den Kirchen die Mönche, immer auf einem Ton und zum Schluß so hoch oder runter. Ich hab mir die Abschrift mitgebracht; hier ist es:

»Ich glaube an Nosferatu,
den Schöpfer der Vampire,
den Vater des Schmerzes und der Pein,
den einzig wahrhaft freien Geist, unser’n Herrn,
den Erstgeborenen des allmächtigen Gottes,
verworfen vor den Augen aller Götter,
verstoßen aus den Schranken der Welt,
aus eig’ner Kraft erstanden wieder in all seinem Glanz,
den Widerstreiter bis zum Tag des Gerichts,
an dem er sitzen wird zur Rechten des Allgottes,
von dannen er kommen wird
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den freien Geist
und die Macht des Blutes,
die Gemeinschaft der Gläubigen,
die Auferstehung des Fleisches,
die Herrschaft der Vampire
und das ewige Leben.
Amen.«

So eine Parodie auf das christliche Glaubensbekenntnis hatte ich noch nie gehört. Und es ging noch weiter, die haben sich dann hingekniet und laut gebetet:

»Vater unser,
der du bist verworfen,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie unter den Untoten
so auch unter den Lebendigen.
Unser täglich Blut gib uns heute
und vergib uns all jene Schuld,
deren andere uns beschuldigen.
Und führe uns im Dunkel der Nacht
und bewahre uns vor den Strahlen der Sonne.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.«

Also ich hab’ erst mal kräftig geschluckt. Das waren ja ganz ausgeflippte Typen. Hielten sich scheinbar wirklich für Vampire. Und dabei liefen die am Tag rum, hatten eindeutig ein Spiegelbild und konnten gefilmt werden. Ich wollte schon den Anwaltspsychologen anrufen, überlegte es mir dann aber anders und schaute mir erst den Rest vom Video an. Und das war gut so. Die unterhielten sich nämlich noch ziemlich lange. Zwar sprachen sie später zu leise, um was zu verstehen, aber am Anfang waren sie lauter. Und da ging’s um mich.

»Meinst Du nicht, das du zuweit gehst?« eröffnete der Kleine das Gespräch. »Ist das Risiko nicht zu groß, dass jemand was merkt?«

»Ich musste sie näher kennenlernen«, erwiderte der andere. »Sie wird eine von uns!«

»Das hast du von der polnischen Gräfin vor 300 Jahren auch behauptet. Und was war das Resultat? Ganz Europa sprach plötzlich über Vampire! Und dein Versuch mit der Shelley ging doch auch daneben. Ich hab’ sie zwar auf andere Gedanken bringen können, mit diesem Monsterquatsch, den ich da vor ihrem Fenster abgezogen habe, aber Byron hatte dich gesehen, und prompt ging wieder ’ne Welle von Vampirgeschichten los, sogar im Theater und in der Oper haben sie uns verbraten. Man konnte sich ja nicht mehr unter die Leute wagen!«

»Aber diesmal ist alles anders. Diese Frau ist nicht religiös, sie ist stark und rational; sie wird sich die Unsterblichkeit nicht entgehen lassen. Ich will eine Gefährtin! Und wir sind in einer besseren Position als je zuvor, denk nur an unsere Brüder und Schwestern, die unter dem Deckmantel des Fundamentalismus bereits in so vielen Ländern allmählich die Macht übernehmen. Und dabei glaubt man heute weniger an uns denn je. Zwar sind wir in aller Munde, aber das ist doch alles Showbusineß. Sollte wirklich jemand vor uns warnen, wird ihm niemand glauben. Unsere Zeit wir bald kommen! Muß ich dich erst erinnern an unsere Erfolge, im Iran, in Afrika, in China? Bald sind wir auch in den USA soweit. Seit der Erfindung des Sonnenschutzgels kommen wir mit Riesenschritten voran. Bald naht Nosferatus Stunde.«

»Und dann brauchst du eine Gefährtin, ich weiß.« Die Stimme des Kleinen klang resigniert. »Wie du willst. Du bist der Hohepriester, und ich werde dir gehorchen, wie immer.«

Sie unterhielten sich noch längere Zeit, aber so leise, dass ich nichts verstand. Und dann schliefen sie – zumindest schien es so.

Ich saß lange verwirrt vor meinem Schreibtisch und konnte mich nicht entscheiden, was ich denken, was ich tun sollte. Diese Story war unglaublich! Und ausgerechnet mich wollte der Typ als ... Gefährtin.

Der Alarm riß mich aus meinen Gedanken; die beiden waren geflohen, hatten einfach das Fenstergitter aus der Wand gerissen – ohne Kran ein Ding der Unmöglichkeit. Aber von so was gab es keine Spuren!

In der Hektik danach kam ich nicht mehr zum Nachdenken. Aber als ich zuhause im Flur diesen Brief fand, stürzte alles wieder auf mich ein. Ich bin jetzt absolut ratlos, weiß nicht, was ich will oder fühle. Immer wieder sehe ich diese stahlgrauen Augen vor mir, höre diese melodische Stimme. Was für ein Mann! Und wenn das stimmt, was er in diesem Brief schreibt, wenn er mich wirklich unsterblich machen kann – warum sollte ich dann nicht mit ihm gehen? Ich war immer der Meinung, ich sei keine Frau für längere Beziehungen – aber vielleicht, wenn es um eine so lange Zeit geht ...

Das ist natürlich alles Quatsch. Ich schneide jetzt den Brief auseinander und klebe ihn hier ein. Und dann werde ich ihn noch einmal lesen, und dann werde ich warten. Meine Pistole liegt neben mir – wenn es sein muss, wird sie entscheiden, mit wem ich es zu tun habe: mit dem verrücktesten Verrückten, den ich je kennengelernt habe, oder wirklich dem Paten der Vampire. Ob ich ihn töten werde – oder mich ihm anschließen. Ich weiß wirklich nicht, was mir lieber wäre. Also werde ich einfach abwarten.
 
 

Verehrte Frau Kommissarin, liebe Susanne,

ich hoffe, wir haben Sie nicht allzusehr erschreckt. Die Aufnahme hat Sie sicher sehr ratlos gemacht. Ja, ich habe Sie beobachtet, während Sie sie anschauten. Wir haben da so unsere Möglichkeiten. Das Video ist natürlich inzwischen vernichtet.

Ich will keine langen Umschweife machen. Sie wissen, was und wer ich bin, und dass ich Sie zu meiner Gefährtin auserkoren habe. Ich liebe Sie. Sie werden nun erfahren, was Sie wissen müssen, um sich zu entscheiden, und heute nacht werde ich Sie aufsuchen, um Ihre Entscheidung einzufordern. Dann werde ich Sie zu einer der Unsrigen machen – oder aber weder von Ihnen noch diesem Brief wird auch nur ein Fetzen übrigbleiben. Und ich meine dies wörtlich. Unterschätzen Sie mich nicht.

Ich bin alt, sehr alt. Geboren wurde ich zu den Zeiten des finstersten Mittelalters, im 6. Jahrhundert in jener Gegend, die heute Elsaß heißt. Ich war für meine Zeit sehr gebildet und reiste viel. Eines Tages hörte ich von einer verfallenen und von allen längst vergessenen Stadt namens W’Smai, gelegen auf einer von den Schiffern gemiedenen Insel vor der Küste Britanniens. Abenteuerlust, Neugier und die Sucht nach Gold trieben mich dorthin.

Ich traf auf der Insel am Abend ein, und das Schiff, das mich gebracht hatte, verschwand bald wieder hinter dem Horizont, waren doch die Herzen der Schiffer erfüllt von Grauen und Angst.

Ich will Sie nicht langweilen mit Erzählungen von den kalten Tagen und noch kälteren Nächten in den schwarzen Gemäuern der alten Stadt, von den feuchten Höhlen und tiefen Grüften, von den mir endlos erscheinenden Stunden in zerfallenen Tunneln und von jenen zwei Nächten, die ich im Dunkeln verschüttet war und mit meinem Leben abgeschlossen hatte. Ich will nichts schreiben von den unglaublich boshaften Gemälden und Fresken, den Statuen voller Grausamkeit, den seltsamen Winkeln und Schrägen, die mich auf ebener Erde seekrank werden ließen und von denen ich nicht zu sagen weiß, ob sie von deren Erbauern so geplant oder durch die Zerstörung der Stadt so entstanden. Ich habe dies einmal erzählt; dies reicht für alle Zeiten – einem Schriftsteller, von dem ich glaubte, ihm trauen zu können, und er hat daraus wahrhaft unglaubliche Geschichten gemacht. Doch er wurde für diesen Vertrauensbruch mit seiner Angst und seinem Verfolgungswahn mehr als genug gestraft. Wenn Sie einen Eindruck gewinnen wollen über die kranke Atmosphäre in jener Stadt, lesen Sie Lovecraft. Von mir werden Sie nicht mehr erfahren. All die seltsamen und grausigen Ereignisse jener Wochen sind auf immer verbannt in die hintersten Winkel meines Bewußtsein, von wo ich sie nur hole, wenn ich der Stärke bedarf – und jener Verrücktheit, die mich dort zeitweise überkam und die so gut paßt zu meiner großen Aufgabe.

Berichten will ich Ihnen aber von den Ergebnissen meiner Suche, denn sie veränderten die Welt und werden bald auch Ihr Wesen bestimmen. Ich stieß in den Katakomben der vergessenen Stadt auf die Bibliothek der Bewohner der alten Stadt W’Smai, und dort fand ich ein uraltes Pergament. Und der Gott, dessen Anhänger in früheren Zeiten dieses niedergeschrieben hatten, ohne ihn jemals wirklich zu verstehen, rettete mich aus den Trümmern der Stadt, unter denen ich verschüttet lag; er erhörte mich, der ich ihn schließlich anrief als den letzten, der mir in den Sinn kam, und suchte mich dort auf und machte mich zum Ersten seiner Getreuen, zum Herrn über alle seines Geschlechtes, und sein Hohepriester bin ich geblieben bis heute.

Mich hat Nosferatu auserwählt, den Glauben an ihn zu verbreiten, und er hat mich für dieses Amt gestärkt und geläutert, indem er mich einer Prüfung unterzog, wie sie kein Wesen sonst je bestanden. Denn dort stand er vor mir in all seiner Herrlichkeit, und ich versank in seinen flammenden Augen und sah darin die ganze Welt, seine Verbannung, seine Pein – und seinen Sieg. Und seine starke linke Hand zog mich zu sich heran, während seine andere Hand mit krallengleichen Nägeln eine tiefe Wunde über seinem Herzen riß, aus der dampfend und siedend sein schwarzes Blut quoll. Und er zog meinem Kopf an seine Brust, und mir war, als versänke ich in dieser Schwärze, und begierig drückte ich, von ihm liebevoll geführt, meinen Mund auf die Wunde, und er sprach:

»Trink, denn es ist Blut von meinem Blute und Schmerz von meinem Schmerze. Und mit diesem Blut wird besiegelt ein Bund, und ich gebe es für dich, auf dass du die Saat säest. Denn mein Reich wird kommen. Solches tue mit denen, die du auserwählt, zu meiner Ehre und meinem Gedächtnis.«

Und so will ich auch mit Ihnen tun, wenn Sie bereit sind, geliebte Susanne. Auch Sie sollen ihn erfahren, diesen süßen Schmerz, der einen einhüllt wie Feuer und ausfüllt wie ein Gefäß. Denn aus Schmerz wird Fleisch, und so werden auch Sie, wie ein Phoenix aus der Asche, geläutert von allem Menschlichen und jeglicher Schwäche, wiedergeboren und gehärtet wie manch legendäre Waffe in Feuer und Blut.

Doch damit Sie wissen, was Sie erwartet, über meine Liebe hinaus, lesen Sie, was auf diesem Pergament stand, auf unserer heiligen Rolle:

»Am Anfang war der Schmerz.

Und der Schmerz ward Fleisch.

Und als das Fleisch geschaffen war, regte es sich und dürstete nach Blut. Und sein Herr gab ihm zu eigen das Blut aller lebenden Wesen, und es war eitel Frohlocken unter den Kindern des Schmerzes.

Doch da waren der Götter viele, die waren voll der Eifersucht auf den Vater des Schmerzes, war er doch nicht nur der erste aller Götter, sondern der einzige unter ihnen, dessen Macht es gegeben war, Leben zu schaffen. Und sie waren gar erbost über ihn, hatte er doch den Schmerz in die Welt gebracht, unter dem nun auch sie zu leiden hatten. Und so riefen sie an den Allgott, ihren Schöpfer, zu strafen Nosferatu, den Vater des Schmerzes.

Und der Allgott rief alle Götter vor sein Angesicht, zu richten und zu strafen, und vor ihn trat in all seiner Macht und Herrlichkeit unser Herr, und er beugte als einziger nicht sein Knie noch neigte er sein Haupt.

Und es erschienen zahlreiche Götter, anzuklagen den ersten der Söhne des Allgottes. Doch als Nosferatu sich erhob, zu führen seine Widerrede, schwiegen sie beschämt, und es sprach einzig unser Herr. Und dies ist, was er seinen Brüdern und Schwestern entgegenhielt:

›Einst schuf unser aller Vater die Götter. Und er schenkte uns das Leben und die Freude und die Lust, und er gab uns das All mit seinen Wesen, zu herrschen und der Welt Geschicke zu lenken. Doch die Geschöpfe, die diese Welten bewohnen, sind gar dumm und unfähig der Weisheit, und es ist kein Vergnügen, über sie zu herrschen. Und die Gefühle, die sie uns zeigen, sind gar ohne Reiz. Dies zu ändern, war mein Willen und Begehr.

Und wie einst unser Schöpfer schuf ich aus mir etwas Neues, und wie einst unser Herr erschuf ich ein Gefühl, so exquisit und stark, so immer wieder aufs Neue zu erleben und erleiden, und ich nannte dieses Gefühl ›den Schmerz‹. Und aus den Schmerzen der besten und klügsten der lebenden Wesen bildete ich Geschöpfe, so weise, klug und fähig des Leidens und des Quälens, dass sie mir gleich schienen, schuf ich sie doch nach meinem Bilde. Und wie meine Kraft wächst, nähre ich mich von Blut, Leiden, Tod und Schmerz, wächst ihre Kraft, nähren sie sich vom Blute lebender Wesen. Und nun frage ich: Was daran ist schlecht? Ist es nicht der Schmerz, vor dem erst Freude und Lust sich wahrhaft zu entfalten vermögen? Warum freut ihr euch nicht des neuen Gefühles, genießt es, den Schmerz zu empfinden, und mehr noch, ihn anderen zu gewähren?‹

Da erhob sich der Vater der Götter, und es verdunkelte sich sein Antlitz, und aus seinen Augen schossen Blitze, und es verdunkelte sich auch der Himmel, und der Blitze, des Donners und des Regens Zahl war unermesslich, als würden die Schleusen des Himmels bersten, und alle Götter schlugen ihre Augen nieder, nur Nosferatu blickte seinem Schöpfer direkt ins Angesicht. Und der Allgott sprach:

›Wohl hast du geherrscht, wie du es verstehst. Und der einzige außer mir bist du, der zu schaffen vermag, wo andere nur formen. Doch hast du dich vergangen gegen meinen Plan, harren doch in meinem Geiste viele Wesen der Entstehung, die des Denkens und des Fühlens fähig sind. Diesen Wesen vorausgeschickt hast du deine Geschöpfe und so aus meinen Kindern Nachgeborene gemacht. Und du hast mit dem Schmerz ein Gefühl geschaffen, das nicht nur voll des Leidens ist, sondern viele andere Gefühle nach sich ziehen wird, unter denen deine wie meine Geschöpfe, ja sogar du und deine Brüder zu leiden haben, wie Eifersucht, Wehmut, Kummer und deren Geschwister.

Du hast dich vergangen gegen mich und meinen Plan, doch beeindruckt mich die Größe deines Fehls. Und deinen Hochmut sehe ich mit Zorn, doch auch mit Stolz, bist du doch das edelste meiner Geschöpfe. Und da du mich dermaßen erzürnt, werde ich dich strafen, wie nie ein Wesen gestraft wurde oder gestraft werden wird, doch mag dir und deinen Geschöpfen diese Strafe eines Tages zum Heil ausschlagen, so es dir gelingt, sie dir in Treue zu erhalten.

Und dies sei deine Strafe: Verflucht seist du bis zum Tage des Endes. Vergessen sei dein Name unter deinen Geschwistern, selbst unter jenen, die nicht hier sind, da sie dich nicht zu verdammen vermögen, aber auch nicht wagen, ein Wort zu deiner Verteidigung zu verlieren, und bei allen intelligenten Wesen, selbst bei deinen Geschöpfen. Und du wirst deine Tage verbringen jenseits der Schranken der Welt voller Schmerzen und Pein.

Deine Geschöpfe aber werden schlafen, bis die meinen erwacht sind. Dann aber werden sie leben nur im Dunkel der Nacht, und das Licht der Sonne soll sie brennen und vernichten wie auch das reinigende Feuer und das fließende Wasser. Die Unsterblichkeit, die du ihnen geschenkt, sei ihnen weiterhin gewährt, doch werden sie sich ernähren einzig vom Blut meiner Kinder, denn nur das Blut intelligenter Wesen mag ihnen nützen. Und sie werden keine Nachkommen gebären, sondern einzig durch das Blut sich vermehren, und da du sie aus Schmerz geschaffen, sollen sie die Lust nur empfinden im Schenken des Schmerzes und im Trinken des Blutes.

Und ich werde allen Göttern heilige Zeichen geben, und deine Geschöpfe werden gebannt und vernichtet von den heiligen Zeichen all deiner Geschwister. Dein Zeichen aber sei das Blut. Und der Name deiner Geschöpfe sei ›Vampyr‹, denn dies heißt ›die aus Schmerz Geschaffenen‹.

Du aber wirst dir den Weg zurück in die Welten der Lebenden mühsam erkämpfen müssen, so es dir gegeben ist, an Macht noch zu gewinnen; doch selbst ich weiß nicht, ob du dies vermagst, denn als einziges meiner Geschöpfe bist du für mich nicht wie ein offenes Buch, bist du doch mein Erstgeborener.

Und so dir dies gelingt und du es vermagst, dich der Treue deiner Geschöpfe durch die Zeiten zu versichern und ihre Zahl in genügender Menge zu vermehren, magst du eines Tages wieder den Platz einnehmen, der dir von Rechts wegen gebührt, und herrschen an meiner Seite für alle Zeit.‹

So sprach der Vater der Götter, und unser Herr nahm das Urteil erhobenen Hauptes an. Und lange Zeit kämpfte er jenseits der Schranken von Raum und Zeit um seinen Geist und seine Existenz, und in all seiner Pein und seinem Schmerz ward er stärker und stärker, denn während andere Götter sich ergötzten an Kampf und Lust und den Leiden der Sterblichen, erkannte er die tiefsten Geheimnisse seiner selbst und der Welt und des Seins.

Doch eines Tages wird er brechen die Schranken, und er wird zurückkehren in die Welt, die ihn vergessen hat. Und er wird sich offenbaren einem seiner Geschöpfe, auf dass es verbreite den Glauben an ihn, und dies wird sein sein Hohepriester und Prophet.

Und nicht lange danach wird kommen der Tag, an dem der Welten Lauf sich endet. Und unser Herr wird erscheinen in all seiner Macht und sitzen zur Rechten des Allgottes und richten die Lebenden und die Toten und die, die da sind weder lebend noch tot, und auch all seine Geschwister werden sein ihm untertan, und er wird sein, was er immer war: der einzige wahrhaft freie Geist. Und die Toten werden auferstehen, und es wird beginnen die ewige Nacht.

Und nur wer unserem Herrn aus freiem Willen gedient, wird eingehen in sein Reich und frei sein und unsterblich, und dies werden sein Vampyre, die vom Blut des Herrn oder seiner Priester getrunken, oder Sterbliche, die ihm aus freier Entscheidung gefolgt, denn diese wird er selber zu Vampyren machen. Alle aber, welche unserem Herrn nicht dienen, werden sein wie Schlachtvieh für die Diener unseres Herrn, und es wird sein im Reich des Nosferatu ewig Frohlocken und viel des Blutes und überreichlich des Schmerzes und der Pein bis in alle Ewigkeit.«

Nun wissen Sie, was ich bin und was meine Aufgabe ist.

Wählen Sie gut, geliebte Susanne – ich stehe bald vor Ihrer Tür.


geschrieben 1995 für ein Live-Rollenspiel als Hintergrundgeschichte für eine Vampirin;
erschienen 1998 im Buch »Der dunkle Mythos« zur Jahrestagung der »Transylvanian Society of Dracula«.

© Friedhelm Schneidewind und Ulrike Schneidewind