Prosit

© 1996 Friedhelm Schneidewind und Ulrike Schneidewind


»Hohes Gericht, ich wehre mich entschieden gegen den Vorwurf, ich hätte meine Vertrauensstellung mißbraucht. Es ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Korruption und guter Vertreter-Kunden-Beziehung. Ich habe immer nur dafür gesorgt, dass meine Kunden bekamen, was sie brauchten.«

»Schließt Ihre Vorstellung von vertrauensvoller Beziehung auch ein, dass Sie bestimmten Etablissements gewisse Sorten verweigerten und ihnen damit jede Möglichkeit nahmen, im Guide Aubrey aufzusteigen?«

»Das ist Unsinn! Schließlich muss ich verkaufen. Ihre Institution lebt doch auch von den Abgaben! Und ich wußte, was sich wer leisten kann. Man ist doch nicht jahrhundertelang Vertreter, ohne seine Pappenheimer zu kennen.«

»Und wie ist das mit den nicht genehmigten Rabatten? Aber gut. Wir wollen uns selber ein Bild machen. Erinnern Sie sich an Ihren letzten Vertreterbesuch, bei Lajos in Budapest.«

Fünf stahlgraue Augenpaare fixierten den Angeklagten, saugten seine Seele auf und seine Erinnerung.
 
 

»Und wie wäre es damit?«

Ganz nah hielt der Alte die Flasche vor die kurzsichtigen Augen, drehte sie vorsichtig hin und her und wiegte den Kopf. Er entkorkte sie langsam und goß ein paar Tropfen in ein edles, handgeblasenes Kristallglas, eine dieser roten Kostbarkeiten. Ich kannte das Ritual inzwischen zu gut, um mich von seinem Schnüffeln und Glucksen irremachen zu lassen. Das köstliche Aroma durchzog den Raum.

Als ich die funkelnden Augen des alten Geizkragens sah, wußte ich, dass ich ihn am Haken hatte. In dieser düsteren Bar unter dem Gellertberg machte ich immer meine besten Geschäfte. Doch das beruhte auf Gegenseitigkeit. Nicht umsonst hatte »Bei Lajos« seit Jahrzehnten die unangefochtene Führung im Guide Aubrey, war die einzige Nachtbar ohne Programm mit 5 Blutstropfen.

»Royal Gard – königliche Garde – männlich – London 1993 – A+«, murmelte der Alte vor sich hin, drehte die Flasche um und versuchte vergeblich, den kleingeschriebenen Text auf dem Rückseitenetikett zu entziffern.

»Was steht da? Lies vor!« bellte er.

Ich verkniff mir ein Grinsen; es war doch immer dasselbe.

»Die feine englische Art – ein ganz besonderes Vergnügen. Wohltemperiert zu genießen!« kam ich seinem Befehl nach.

»Hm... besser als die Bundeswehrauslese, die du letztes Jahr im Programm hattest. Davon nehme ich 4.000 – das wird ’ne gute Hausmarke.... Was ist denn das da in den hellen Flaschen? Das ist ja gar nicht rot!«

Ich reichte ihm eilig eine Flasche und zeigte auf den Rückseitentext, las laut vor:

»›Die besondere Spezialität für bluthochdruckgefährdete Vampire! Plasmaextrakt ausschließlich aus ›Royal Gard‹, A+, Trinktemperatur: 8 bis 10 Grad.‹ Das ist ganz neu. ›White Night‹. Damit sprechen Sie eine ganz neue Zielgruppe an.«

Lajos musterte mich skeptisch. »Na, ich weiß nicht. Aber weil du’s bist: 500 zum Testen. Probieren will ich es lieber nicht. Wenn das so weiter geht, bietet ihr demnächst noch Tierblut an.«

»Wie haben Sie das erraten? Das ist ebenfalls ganz neu: ›Makake light – die Spezialität für Exoten – reiner  Makake aus Privatzucht, vegetarische Fütterung‹.«

»Igitt!« Lajos schüttelte sich. »Auch ’ne neue Zielgruppe, was? Aber ihr habt recht – es gibt immer mehr von diesen neumodischen Typen mit ihren moralischen Skrupeln. Also auch 500. Aber jetzt hätte ich gern was Besseres, wo sich auch das Probieren lohnt.«

Ich reichte ihm zwei edel geformte Flaschen. Nach einem Blick auf die Etiketten leckte er sich die Lippen.

»Hier, mach die zuerst auf!« Er drückte mir das »Korsische Feuer« in die Hand.

Den ersten Schluck zog er genüßlich in die Länge, atmete dann tief ein und leerte das Glas auf einen Zug.

»Phantastisch! Was ist das?«

Ich las vor: »Auslese aus korsischen Jungfrauen, 1989 bis 1994, Blutgruppe gemischt«.

»Klar. Soviele Jungfrauen gibt’s auch dort nicht mehr. 500 Flaschen. Und was hast du mir da noch zu bieten?«

»Das ist was ganz Besonderes. ›Jungfrau spezial‹, monohämotisch, von einer sechzehnjährigen Jungfrau aus Paris, ausschließliche Pressung bis zum Exitus, und dann noch Blutgruppe Null Rhesus negativ. Das ist fast unbezahlbar. Davon habe ich nur 50 Flaschen › und die zu zapfen hat fast zwei Jahre gedauert. Also...«

»Also alle für mich, mein Junge!«

»Das darf ich nicht! Ich darf nicht alles...«

»Ich weiß. Aber ihr seid inzwischen nicht mehr die einzigen. Solange ihr ein Monopol hattet, war das in Ordnung, doch nun drängen auch andere auf den Markt. Entweder ich kriege alles, oder die Transsylvanische Blutbank darf auf mich als Kunden verzichten.«

Ich gab nach.
 
 

Die fünf schwarzgekleideten Gestalten sahen sich unbehaglich an. Eine grauhaarige Frau zuckte mit den Achseln.

»Wir mussten uns schon immer anpassen. Dann müssen wir es diesmal halt auch. Ich habe euch schon lange gewarnt, dass die EU mit ihren komischen Marktzugangsregelungen auch an uns nicht spurlos vorbeigeht.«

Ihr Nachbar knurrte verärgert. »Ich würde gerne noch den nächsten Besuch sehen, ehe ich ihn freispreche.«

Der Angeklagte holte tief Luft, ließ den Atem erleichtert wieder entweichen – und erinnerte sich.
 
 

Die Pinte in Melk hatte ich noch nie gerne besucht. Zwar hatte sich die Situation seit dem Erfolg vom »Namen der Rose« etwas gebessert – es war jetzt nicht mehr tiefste Provinz. sondern nur noch Provinz –, aber die meisten Vampire verschlug es höchstens einmal hierher. Entsprechend schlecht war der Verkauf, und entsprechend schlecht war auch stets die Laune der jungen Wirtin.

»Ach, der Alte aus Transsylvanien!« begrüßte sie mich höhnisch. »Wollen Sie mir wieder ihr überteuertes Gesöff anbieten?«

Hier versuchte ich es von vornherein nur mit dem Billigsten; diesmal bot ich ihr »Matrosenglut – französische Marine – männlich – 1990 bis 1995, Blutgruppen gemischt, Rhesus positiv«.

Sie schaute skeptisch. »Von der neuen Blutbank aus Berlin habe ich 300 Flaschen Bundeswehr-/BGS-Mischung bekommen – und die läuft prima.«

»Mit der Bundeswehr haben wir im letzten Jahr keine guten Erfahrungen gemacht.«

»Das war auch was anderes. Die Berliner bieten nicht eine x-beliebige Mixtur, die haben nur Frauen angezapft. Schmeckt ganz gut, und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Da müßt ihr schon was Besonderes bieten.«
 
 

Die fünf Beobachter lehnten sich erschöpft zurück. Diese Feilscherei war ihnen ganz schön auf die Nerven gegangen – zu 10 Flaschen Matrosenglut je ein Makake light und White Night umsonst – das war kein gutes Geschäft gewesen. Mit neuem Respekt musterten sie den Angeklagten.
 
 

»Der oberste Rat der Vampyre gibt bekannt, dass ab sofort sämtliche Beschränkungen bezüglich des Vertriebs und Verkaufs von Blut aufgehoben sind. Da das Monopol der Transsylvanischen Blutbank nicht mehr besteht, ist es nur gerecht, ihr alle Freiheiten zu gewähren, die andere Banken genießen.

Um den Unterhalt des Rates auch in Zukunft zu gewährleisten, wird ab sofort von allen Blutbanken eine zehnprozentige Abgabe auf den Umsatz erhoben.

Damit erklärt der Oberste Rat offiziell die Marktwirtschaft im Reich der Vampyre als eingeführt.«


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind

enthalten auch in der Anthologie »Draculas Rückkehr«, herausgegeben von Arno Loeb (Weitbrecht-Verlag, Stuttgart 1996, sowie als Ullstein Taschenbuch 1997)