Putztag

© 2014 Friedhelm Schneidewind


Als im Jahr 2222 die ersten dunklen Streifen am Rand des Universums erschienen, wurde das zunächst mit Messfehlern erklärt.

Als sie sich immer mehr verdichteten und mit einer Geschwindigkeit näherten, die die Relativitätstheorie obsolet werden ließ, gab es monatelange Tagungen und Beratungen höchst erregter Fachleute und Militärs, die in mancher Schlägerei wegen der Unerklärlichkeit der beobachteten Phänomene gipfelte.

Als die sich exponentiell steigernde Geschwindigkeit das 1000-fache der Lichtgeschwindigkeit überstieg, wurde klar, dass die Milchstraße und das Sonnensystem bedroht waren.

Als die ersten Sternensysteme der Galaxis einfach so von den schwarzen Streifen verschluckt wurden, wurden die Predigten der Untergangspropheten und die Kämpfe um die »richtige« Erklärung des Phänomens immer heftiger.

Als das Sonnensystem und die Erde von einem der schwarzen Streifen verschluckt wurden, wusste keiner der streitenden Menschen, was sich da ereignete.

 

Die Gebärerin war offensichtlich ungehalten.

»Du hast schon seit Äonen nicht mehr mit deinem Puppenhaus gespielt«, fuhr sie ihre Fortpflanzungsvariation an. »Ich verstehe, dass du aus dem Alter raus bist, aber wenn du es nicht wegwerfen willst, musst du es sauber halten. Schau da hinten, in der Ecke, da hat sich schon ein ganzes Universum an Dreck angesammelt, das sieht aus, als würde da Leben sprießen. Fang damit an.«

Und sie drückte der Jüngeren einen Besen in die Hand.


Der Text ist erschienen in der Anthologie »Home sweet home – Phantastische Kürzestgeschichten«, hrsg. von Thomas Le Blanc, Phantastische Bibliothek Wetzlar 2014.

Lesung im Bermudafunk, 08.12.14, MP3: 1:28 Min. · 1,3 MB
Der Textteil der Sendung kann hier heruntergeladen werden: 25:15 Min., MP3: 14,4 MB
Textteil einschließlich der Vertonung der Ballade »Des Pfarrers Tochter von Taubenhain« durch Friedhelm Schneidewind (Uraufführung): 42:44 Min., MP3: 24,4 MB


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