Resurrection

© Friedhelm Schneidewind und Ulrike Schneidewind


Am Anfang war der Schmerz.
Und der Schmerz ward Fleisch.
wabern
dumpfes wabern
schwärze
drückende stille

dunkle stille

dröhnende stille

dumpfes pulsieren

sanftes pochen

rhythmisches schlagen

rhythmus des seins

pulsieren
fließen

wege bahnen

rotes blut im geflecht der zahllosen adern

ozeane des schmerzes

will atmen kann nicht keine luft ersticke
will sehen kann nicht kein licht fühle

angst

will fliehen
kann nicht

will atmen muss nicht leben
will sehen muss nicht sterben
strecken straffen kontraktion zappelndes fleisch
glitschigfettwarmlebendig
kraft
lebenskraft

stoßen
pressen

graben

luft
licht

sanftes licht

 
 

weiß und rund
umfunkelt im schwarz

quelle der kraft des lebens






nah
lebendiges

blut kraft
lebenskraft

will
mehr leben

mehr blut

suchen
hunger

gier

rennen

suchen

gier nach blut

licht
glühend rot

loderndes feuer

 
 

grell vom himmel
der nicht mehr dunkel

brennende vernichtende pein






schreien
rennen

fallen


dunkel

nachtgleich

schlaf
todesgleich

 

Vollbremsung! Martin fluchte. Mitten auf der Straße stand eine Frau – wunderschön, mit langen rotbrauen Haaren und – sie war nackt. Sie rührte sich nicht, starrte ihn nur an, mit gierigen, verschlingenden Augen – ein hungriges Tier. Martin öffnete die Tür und ging auf sie zu. Seine Beine bewegten sich, ohne dass er ihnen befehlen musste. Ihre Arme empfingen ihn im vollen Licht des Mondes, er versank tief in ihren großen blauen Augen, neigte, ohne recht zu wissen, was er tat, den Kopf, um ihre vollen Brüste zu küssen – und spürte einen Schmerz an seinem Hals, schlimmer als alles, was er je erlebt, und schöner als alles, was er sich je erträumt hatte. Lust, Schmerz, Ekstase, Agonie – stöhnend, schon das Bewußtsein verlierend, sank er aus ihren Armen zu Boden.

Bilder. Ein Kaleidoskop von Bildern, wie in einem alten Fotoalbum, schwarzweiß, angegilbt: Ein junger Mann, pockennarbig, greift nach mir, reißt mir die Kleider vom Leib, ist über mir, in mir. Schmerz, Blut... mein Krankenzimmer, ich im Bett, mein Zofe schlafend... wieder dieser Mann, mein Vetter, vor mir in seinem Totengewand, in das ihn meine Diener gehüllt, als sie ihn aus dem Burggraben gezogen, mir den Mund verschließend mit starker Hand, dann der Biss, der Schmerz, als bohre man mir einen weißglühenden Draht in die Halsschlagader... ein Grabmal, geschlagen in den Stein ein Name: Mircalla, Gräfin von Karnstein; ich davor mit blutigem Mund, eine junge Frau in den Armen... ein Priester, Pfahl und Hammer in der Hand – und dann der unerträgliche Schmerz...

Schmerz? Das Licht der Scheinwerfer brennt in den Augen. Und die Leiche muss weg. Ab damit in den Straßengraben. Mircalla von Karnstein. Das war ich... Das bin ich. Ich habe das schon zweimal mitgemacht. Das erste Erwachen als Sklavin und Gespielin meines Vetters. Das zweite Erwachen zu Lauras Zeit. Laura...

Der Wagen muss weg. Seltsame Einrichtung. Sogar eine Uhr... Ich habe noch viel Zeit.

Aha. Moderne Automobile sind leicht zu fahren – und immer noch sind sie schwächer als Bäume. Ab ins Feuer mit der Leiche!

»Sieh mal – da vorne scheint’s zu brennen.« Martha ließ die Augen nicht von der Straße, als ihr Mann sie auf den Feuerschein am Himmel hinwies. »Wir schauen mal«, meinte sie, »vielleicht können wir helfen.« Auf dieser befahrenen Strecke war es gut möglich, dass noch niemand den Unfall entdeckt hatte. Als Krankenschwester konnte sie sich dann nützlich machen.

Noch ein Wagen. Eine Frau steigt aus. Das ist... nein... doch... Laura. Jetzt wird alles gut. Komm, Laura, komm in meine Arme. Nein, wehr dich nicht. Du schmeckst so gut...

Wer schreit da so? Was soll die Pistole? Nicht weglaufen, schieß lieber. Ja, so ist das gut. Ihr Männer seid auch nicht kräftiger geworden. Und Genicke krachen noch genauso schön.

Laura... Nein, Das ist nicht Laura. Sie hat ein schönes Kleid. Aber Laura war schöner – glaube ich. Alles ist so verschwommen, wie durch dichten Nebel betrachtet – doch das kenne ich ja schon. Wie sie zärtlich lächelt – meine Laura... Wie alt mag sie jetzt sein? Waren es wieder 70 Jahre? Dann ist sie wohl tot... Ganz sicher sind es ihr Vater und dieser General... Ah, dieser Schmerz...

Nie wieder will ich ihn spüren! Nie wieder soll mich jemand vernichten! Ich werde lernen...
 

Rätselhafter Mordfall bei St. Avold


Die Bücher und Videokassetten stapelten sich auf dem Teppich des Einzimmerappartements: Stokers »Dracula«, Le Fanus »In a glass darkly«, Hamblys »Jagd der Vampire« und dergleichen. Aus den Lautsprechern dröhnte der Soundtrack eines Dracula-Films. Unter den zierlichen Fingern der jungen Frau entstand ein kleines Kunstwerk, obwohl es nur eine Tabelle war, die sie da erstellte. Gestochen scharf die Schrift, zierlich und doch kraftvoll, die Überschrift säuberlich zweimal unterstrichen: »Literarische Variationen der Übertagung außerhalb des Sarges«.

Siebentausend Mark – Wilhelm Peters konnte es noch immer nicht fassen. Für die Hälfte hätte er die alte Karre verscheuert, diesen Spritfresser. Hinten komplett geschlossen, nur zwei Sitze, und nicht mal ein Fenster von der Ladefläche nach vorne – aber gerade das schien der jungen Frau gefallen zu haben. Sie war überhaupt seltsam gewesen – hatte sich erkundigt, ob der Wagen auch ganz sicher als PKW zugelassen sei, den man überall parken dürfe. Und sie hatte ausprobiert, ob es hinten drin auch wirklich dunkel war, angeblich wegen irgendwelcher Pflanzen. Aber warum dann der Stahlriegel und das Vorhängeschloß, die er innen anbringen musste? Naja, er hatte den Wagen für sie über den TÜV gefahren und angemeldet, und jetzt wollte er erst mal einen trinken gehen.

Auf dem Totenschein stand: »Herzanfall wegen zu großer Aufregung«. Der Kaufvertrag und die siebzig Hunderter in Peters' Hand hatten dem Arzt genügt; die zwei kleinen Bisswunden am Hals des Alten hatte er nicht bemerkt.

Ich hätte Dich retten können! Hätte ich Dich doch nur ein paar Tage früher gefunden!

Dass Du nach Berlin zurück bist, damals, nach meiner Ermordung, das wußte ich, auch, dass Dein Vater im Krieg gefallen ist, aber dann habe ich die Spur verloren. Deinen neuen Namen nach Deiner Heirat bekam ich nicht heraus, auch nicht, wohin Du gezogen bist. Warst Du glücklich? Hast Du noch manchmal an mich gedacht?

Diese Zeilen seien Dir gewidmet – in Trauer um Dein vergängliches Leben und in Erinnerung an all das, was zwischen uns war und noch hätte sein sollen.

Selbst jetzt hätte ich Dich retten können, Dein morsches Fleisch und Gebein bewahren. Darum war ich nach Berlin gekommen, in meinem Wandelsarg, wie ich den feuerroten alten Kombi nenne, vollgestopft mit Erde aus meinem Grab. Denn ich muss nicht mehr dorthin zurück! In schmerzvollen Versuchen habe ich festgestellt, dass Dunkelheit genügt, wenn ich auf einer dünnen Schicht dieser Erde schlafe. Und jedes gute Hotelzimmer hat einen dunklen Schrank...

Wie schön hätte es doch sein können, wenn wir uns am Nachmittag erhoben und den Rest des Tages genossen hätten, ehe wir in der Nacht gemeinsam auf die Jagd gegangen und im Morgengrauen aneinander gekuschelt in tiefsten Schlaf gefallen wären! Denn ruhen müssen wir nur von Sonnenaufgang bis zur Mittagsstunde!

Aber diesem Traum hat die Todesanzeige in der Saarbrücker Zeitung von heute ein Ende gesetzt.

Ich werde übermorgen auf die Beerdigung gehen, und ich werde mir Deinen Enkel anschauen, vielleicht auch mit ihm sprechen. Ich werde Dir diesen Brief ins Grab werfen, und dann werde ich Dich vergessen.

Ich werde mir eine andere Laura suchen, denn das Leben geht weiter – wenn es denn Leben ist, was mich jede Nacht umtreibt. Ich werde Dich vergessen – und doch immer an Dich denken.

Ich habe Dich geliebt, und ich werde Dich immer lieben.

Ruhe in Frieden!

Carmilla, Mircalla von Karnstein

Die Stufen des Altbaus in der Saarbrücker Innenstadt waren ausgetreten. Kein hochklassiges Wohnviertel, bürgerlich bis leicht schäbig, das richtige für einen vielbeschäftigten Junggesellen, einen jungen, aufstrebenden, alternativen Assistenzarzt mit wissenschaftlichen Ambitionen. Wie er wohl reagieren würde? Die junge Frau verzog das Gesicht beim Gedanken an den Pfiff, mit dem er beim letzten Anruf beinahe ihr Trommelfell zum Platzen gebracht hatte. Sicher war er noch da und stöberte in Lauras Tagebuch.

Die Spannung drohte sie zu zerreißen. Was hatte Laura geschrieben? Und was würde ihr Enkel damit anfangen? War er eine Bedrohung für sie? Was für ein Glück, dass sie sein Gespräch mit dem Anwalt an Lauras Grab mitgehört und so von dem Tagebuch und dem Bild erfahren hatte. Das Porträt hing nun in ihrer kleinen Saarbrücker Wohnung, genau über der antiken Eichenholztruhe, die sie als Sarg benutzte.

Carmilla stand vor der Wohnungstür, den Finger auf dem Klingelknopf, und hielt einen Moment inne.

Ein köstliches Gefühl, überhaupt nicht zu wissen, was sie als nächstes tun würde!


Der Text ist entnommen dem Buch »Carmilla«, dem »Buch zum Kultstück« von Friedhelm Schneidewind und Ulrike Schneidewind, erschienen 1994, nicht mehr in dieser Form lieferbar, als Neuausgabe ohne weitere Geschichten von 2001 bis 2015, seither nur noch antiquarisch.

Zu diesem Text gab es eine Tanzperformance »RESURRECTION« von und mit CARMILLA Ulrike Schneidewind.