Das SCHMETTERHAND-Manöver

© 2013 Friedhelm Schneidewind


»Und schon wieder ist er verschwunden!«

Ratlos und auch etwas verzweifelt schaute Waffenoffizier Omara auf den Schirm. Das Schiff der Piraten war, wie jedes Mal zuvor, für einen kurzen Moment verschwunden und weit neben dem vorherigen Ort wieder aufgetaucht. Ihre Rakete war ohne Wirkung explodiert.

Kapitänin Helen W. Zuckman konnte seine Gefühle gut verstehen. Wenn es ihnen nicht mit den letzten drei Raketen gelang, das Piratenschiff abzuschießen, würde es ihnen wie allen anderen Schiffen der Solaren Föderation ergehen: Sie würden von den Piraten geentert werden. Niemand wusste, auf welchem bisher unentdeckten Zwergplaneten sich die Bande versteckt hielt, so dass man sie nicht ausräuchern konnte. Und niemand hatte bisher ein Mittel gegen ihre speziellen Waffen entwickelt: den Trick, ihr Schiff so kurz vor dem Aufprall einer Rakete oder eines Energiestrahls zu versetzen, dass es nicht beschädigt wurde, und ihre noch nicht analysierte Methode, durch jede Raumschiffwand eindringen zu können. Und noch niemand hatte mit einem der Piraten gesprochen oder einen gesehen; sie kamen, enterten ein Raumschiff, räumten es aus und ließen niemanden am Leben. Auch den schnellen Kreuzer Rigel 8 würde es wohl erwischen, wenn ihr oder jemanden aus ihrem Team nicht schnell etwas einfiel.

Helen nagte an ihrer Unterlippe. Da war etwas, was sie in ihrer Jugend gelesen hatte. Schlagartig fiel es ihr wieder ein; mit einem großen Schritt stand sie neben dem Waffenoffizier: »Lass mich etwas versuchen!«

Kaum war er aufgestanden, saß sie auch schon in seinem Sessel und programmierte, so schnell sie konnte, den Waffencomputer.

»Was hast du vor?«, fragte er.

Ohne zu antworten, drückte sie den Knopf zum Abschuss. Wieder machte das Piratenschiff einen Satz zur Seite – und ging in einem Flammenball auf.

Als sie später mit alkoholfreiem Sekt in der Messe auf ihren Sieg anstießen, drängten sie alle, endlich zu erklären, wie ihr der Abschuss gelungen war. Helen lehnte sich gemütlich zurück: »Ich muss etwas ausholen. Niemand von euch weiß, für was das W. in meinem Namen steht. Es ist der Anfangsbuchstabe meines zweiten Vornamens: Winnetou. So nannten mich meine Eltern, weil sie große Fans eines fast vergessenen Schriftstellers aus der technischen Antike waren. Er lebte vor über 300 Jahren und schrieb vor allem Abenteuerromane; ich habe sie alle gelesen. Dieser Karl May war der Held meiner jungen Jahre, oder besser gesagt seine Helden, vor allem ein Indianerhäuptling namens Winnetou und dessen Freund, ein gewisser Old Shatterhand, in dem sich Karl May selbst ein Denkmal setzen wollte. ›Old‹ war so eine Art Ehrentitel und bedeutete ›alt‹ in einer der antiken Sprachen, es hatte aber nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit besonderen Leistungen oder Fähigkeiten. ›Shatterhand‹ heißt ›Schmetterhand‹, weil dieser Mensch mit einem Schlag einen anderen bewusslos schlagen konnte. Im Buch ›Weihnacht im Wilden Westen‹ musste Old Shatterhand in einem Zweikampf mit zwei Wurfbeilen gegen einen Indianerhäuptling antreten, und er wusste, dass dieser wahrscheinlich entgegen der Abmachung zur Seite springen würde. Er sorgte dafür, dass sein Gegner einen Baum an einer Seite hatte, also nur nach der anderen ausweichen konnte, und schleuderte seine beiden Beile so, dass der Häuptling, als er dem ersten auswich, direkt in das zweite rannte.«

Sie zückte ihren Kommunikator: »Ich habe das Werk von Karl May immer dabei. So lobt man Old Shatterhand nach seinem Sieg: ›Wer von euch hat schon einmal gesehen, dass ein Krieger zwei Kriegsbeile wirft, um mit dem einen das Auge des Feindes zu fesseln und mit dem andern dann um so sicherer seinen Leib zu treffen?‹ Ich habe erkannt, dass das Schiff der Piraten immer in einer ganz bestimmten Entfernung wieder aufgetaucht ist, und stets in einem von zwei bestimmten Winkeln. Also habe ich unsere letzten drei Raketen abgefeuert: eine auf das Schiff direkt, die anderen auf die beiden von mir berechneten Ausweichpunkte. Dieses Manöver sollte in Zukunft allen unseren Schiffen ermöglichen, mit den Piraten fertigzuwerden. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss einen Bericht an das Flottenkommando schicken.«

Ihr Steuermann lächelte sie an: »Dann solltest du dem Manöver aber auch gleich einen guten Namen geben.«

Helen lächelte zurück: »Darüber habe ich schon nachgedacht. Es nach Karl May zu benennen, was er verdient hätte, bringt nichts, den Namen kennt zumindest jetzt noch niemand. Ich werde es nach seinem Helden nennen: das Schmetterhand-Manöver.«


Der Text ist erschienen in der Anthologie »Auf sehr fremden Pfaden – Phantastische Miniaturen aus Karl Mays Welt«, hrsg. von Thomas Le Blanc, Phantastische Bibliothek Wetzlar 2013.

Darin enthalten sind zwei weitere Kurzgeschichten, die im Anschluss spielen; die drei zusammen bilden die Trilogie »Western-Tricks im Weltall«. Das Bändchen kann für 2,50 pro Stück plus Porto bezogen werden bei der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar.

Lesung im Bermudafunk, 09.12.13, MP3: 4:20 Min. · 3,0 MB
Der komplette Textteil der Sendung mit den beiden anderen Geschichten kann hier heruntergeladen werden (42:38 Min., MP3: 17,1 MB).


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