Das alte Spiel

© 1997 Friedhelm Schneidewind


»Na komm schon, bring mir noch’n Bier... Ja, stell’s einfach da hin... Das ist fast wie früher. Denkst du noch manchmal dran, wie gemütlich das war, wenn ich vor’m Fernseher gehockt hab’ und du mir immer das Bier und die Chips gebracht hast? Gut gezogen warst du ja... Also, der Kerl hat dich sitzen gelassen. Und jetzt? Kommst du mit dem Geld klar?... Ja, ok., das ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für so was, aber ich muss doch wissen, ob du mir auf der Tasche...

Na, jetzt hör aber mit der Heulerei auf! Das ist ja nicht zum Aushalten! Wie deine Mutter! Was war überhaupt los? Warum ist er abgehauen? Hast du wieder mal `nen ander’n Kerl gehabt?... He, leg das Messer weg. Laß doch den Quatsch; ich kauf dir das doch nicht ab. Sowas hast du doch früher immer schon gemacht. Und nie ist was draus geworden. Wie damals, mit den Schlaftabletten...

Ja, ist ja schon gut. Komm in meinen Arm. Ganz ruhig. Es wird wieder alles gut. Wie früher. Erinnerst du dich? Wenn’s Ärger gab im Kindergarten, bist du immer zu mir ins Bett gekrochen, und ich war ganz lieb zu dir, hab’ dich gestreichelt und so. Denkst du noch manchmal dran?... Ja, so ist es gut. Es ist doch einfach schön, wenn ein Vater seine Tochter im Arm halten kann. Und es ist schon so lang her. Du bist noch so weich wie früher. Und du riechst auch noch so gut...

Was ist los? Warum gehst du denn? Bleib da. He!... Ach, schon wieder. Immer sperrst du dich im Bad ein. Aber das hat früher schon nix genutzt. Ich war immer da... Hast du dich bei deinem Macker auch immer im Bad eingesperrt? Ich hab ja schon immer gewußt, dass mit dir nix los ist. Keiner hat’s mit dir ausgehalten, mit so `nem frigiden Weibsbild...

Donnerwetter. Jetzt hast du dich aber schickgemacht. Hast du dir’s überlegt? Papa ist halt doch der beste! Und seit deine Mutter tot ist, da hab’ ich schon manchmal so einen Notstand... Ja, das tut gut, mach weiter so... Halt, da nicht, da bin ich kitzlig, das musst du doch noch wissen!...

Was, fesseln willst du mich? Das sind ja ganz neue Manieren... Also gut, wenn du meinst. Früher hab’ ich dir alles beigebracht, dann kann ich auch mal was von dir lernen. Erinnerst du dich, wie bockig deine Mutter immer war? Unn dann hat sie sich beschwert, wenn ich zu dir gegangen bin. Und ihr dummes Geschwätz, deine schlechten Noten hätten damit was zu tun...

Hörst du mich noch? Was machst du denn so lang im Bad?... Ach was, deine Schwester war einfach `ne blöde Kuh. Kann ich was dafür, dass die Eva sich umbringt? Sie ist einfach nie klargekommen mit sich und mit den Männern. Da hat deine Mutter auch Stuss erzählt... Ob ich... Du spinnst! Die ist doch aus dem Fenster gefallen... Natürlich war sie voll. Und sie hat wieder mal nicht gewollt. Und dabei ist sie halt... He, was... Leg das Messer weg!... Du, das ist kein Spiel mehr! Au! Laß das! Ich bin doch dein Vater, der gute alte Papa! Ich war doch immer am allerliebsten zu dir!... Hör auf!... Du, ich schreie!... Hiiilfeeee!«


Der Text ist entnommen dem Buch »Geworfen in die Ewigkeit« von Friedhelm Schneidewind, illustriert von Ulrike Schneidewind