Sie drehte den Kopf in Richtung des Radioweckers: 0.59 Uhr. Die Leuchtziffern tauchten die unmittelbare Umgebung in diffuses Rotlicht. Ein Hauch kalter Luft strich über ihren Arm, ihr Gesicht, ließ sie frösteln. Hatte Carlos wieder vergessen, das gekippte Fenster zu schließen? Sie tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Das Licht flammte auf, gleichzeitig nahm sie eine schattenhafte Bewegung im linken Augenwinkel wahr. Ruckartig schleuderte sie den Kopf nach vorne. Ihre feuchten Haare flogen über’s Gesicht. – Nichts zu sehen. Ein Blick auf Carlos zeigte ihr die schwachen Umrisse seines Körpers unter der Bettdecke. Er schnarchte leise.
Sie sank ins Kissen zurück und kuschelte sich tief unter das Federbett. Licht aus. 1.02 Uhr. Angestrengt bemühte sie sich, ihren Traum zu erinnern. Ohne Erfolg. Nur zwei starke Eindrücke waren geblieben. Furcht und Sehnsucht. Sehnsucht? Obwohl sie sich an nichts mehr erinnerte, erschreckten sie die Nachwirkungen des Traumes. Am liebsten hätte sie das Licht brennen lassen, aber Carlos haßte beleuchtete Schlafzimmer, außer: Er wollte darin nicht schlafen.
Die Schattenbewegung hatte sie sich wohl eingebildet. Neben ihr schnarchte Carlos leise und gleichmäßig – einschläfernd. Draußen lugte der Vollmond hinter einer Wolke hervor. Er warf diffuses, gelbweißes Licht durch die Ritzen der Klappläden – und das geschlossene Fenster.
Jemand schüttelte sie. »Soara, was ist los mit dir?« Sie schlug die Augen auf und sah in Carlos' besorgtes Gesicht. »Bist du krank, Liebes?«
Gegen 12.30 Uhr traf sie sich mit Carlos bei »Toni«, in ihrer Lieblingspizzeria. Die rustikalen Holztische waren alle besetzt, wie immer um diese Zeit. Nur ein kleiner Tisch in der hintersten Fensternische war noch frei – sie hatte ihn gestern reserviert.
»Ganz so blaß, wie in den letzten Tagen, bist Du heute nicht mehr, Soara«, stellte Carlos fest. »Kein Wunder,« entgegnete sie, »mit zwei Pfund Make-up im Gesicht ..., aber ist schon wahr, ich fühle mich heute viel besser«, sagte sie lächelnd, »Und mein Appetit stellt sich auch langsam wieder ein.« Toni balancierte mit vorsichtigen Schritten gefüllte Teller durch das Lokal, den linken Arm von den Fingerspitzen bis zur Armbeuge beladen. Nach kurzer Zeit machte er auch vor ihrem Tisch halt. »Soara, Carlos ... die beiden Scharfen mit viel Knoblauch ... Guten Appetit!« Sie nickte ihm zu. »Danke, Toni.« Der würzige Pizzaduft stieg ihr in die Nase. Sie halbierte sie, schnitt ein kleines Stückchen ab und schob es mit der Gabel genußvoll in den Mund.
Zwei Sekunden später würgte sie. Und spuckte. Danach klebte das kleine Stückchen auf ihrer Lederhose.
Er ließ sie vor der Arztpraxis aussteigen, winkte kurz und fuhr davon. Fünf Schritte bis zur weißen Eingangstür. Abrupt blieb sie stehen und schaute in die Richtung, in die Carlos davongefahren war.
Nie hatte sie einen derart starken Widerwillen empfunden, diese Tür vor sich zu öffnen.
Was stimmt mit mir nicht? dachte sie. Ich kann nicht hineingehen. Sie machte auf dem Absatz kehrt, hastete an zwei Häuserzeilen entlang und betrag ein kleines Café. Eines stand fest: Zum Arzt würde sie heute nicht gehen! Ihre feuchten Hände ballten sich zu Fäusten. In zwei Stunden würde sie Carlos anrufen und ihn bitten, sie abzuholen. Alles in Ordnung. Nur eine vorübergehende Formschwäche – nicht der Rede wert.
Er packte ihre Schulter und rüttelte sie. Atem auf ihrem Gesicht. »Soara! Wach auf!« »Carlos?« fragte sie erstaunt. »Ja ... Du hast fürchterlich gestöhnt. Wieder schlecht geträumt?« Sie öffnete langsam die Augen und schaute ihn an. »Ja ... Nein«, murmelte sie, »Ich weiß nicht.« Er wollte sie berühren. »Du bist ja völlig durchnäßt.« Sie zuckte zurück und sagte ärgerlich: »Schlaf weiter- es ist nichts ...« Sie schälte sich aus dem verschwitzten Federbett und tapste ins Badezimmer. Während sie auf der Toilette saß, wiederholte sie in Gedanken immer wieder die gleichen Worte: Dieser Mistkerl hat mich zum falschen Zeitpunkt geweckt ... dieser Mistkerl hat mich zum falschen Zeitpunkt geweckt ... Mistkerl?
Seit fünf Tagen blieben die Läden geschlossen. Seit fünf Tagen schlurfte sie rastlos durch die Zimmer und sehnte die Nächte herbei. Seit fünf Nächten starrte sie in limonengrüne Augen.
»Nala! Nala, mein Kätzchen, wo bist Du?! Miez, miez, miez, komm Nala! Nalaaaaa!« Die lockende Stimme ihres Nachbarn drang durch das geschlossene Schlafzimmerfenster. Sie kicherte leise vor sich hin, rollte sich aus dem zerwühlten Bett, öffnete das Fenster und drückte vorsichtig eine Hälfte des Holzladens nach außen. Schnell kniff sie die Augen zusammen. Das Tageslicht schmerzte.
Wieder hörte sie die Männerstimme: »Nala, miez, miez, miez ... wo steckst du denn nur?« Der alte Mann stand mit besorgtem Gesicht auf seiner Terrasse und rief ohne Unterbrechung nach der Katze. Er hatte Soara anscheinend gehört, denn plötzlich drehte er den Kopf in ihre Richtung und starrte sie entsetzt an. »Glotz' nicht so blöd, du alter Trottel!« schrie sie laut zu ihm hinüber und schlug krachend den Laden zu.
Das Zimmer, in dem Sterbliche ihre Nahrung zu sich nehmen, verschloß ich. Der Duft darin würde ihn betäuben – » ... er würde ihn irritieren und von dir ablenken«, sagte Tepes. Ich säuberte den Raum, in dem ich jetzt geduldig warte. Vorher habe ich mich darin wohler gefühlt- »... doch du darfst ihn nicht gleich mißtrauisch stimmen«, sagte Tepes. Kerzen brennen. Sie spiegeln sich im Glas der Fenster und im Glas der Perlen, die mein karmesinrotes Gewand zieren.
23.55 Uhr. Ich höre Schritte auf der Flurtreppe. Der Mann ist zurück. Das geschmolzene Wachs der Kerzen sammelt sich in flachen Hügeln auf der Tischplatte. Ich höre ihn. Er stellt sein Gepäck ab. Er drückt die Türklinke des verschlossenen Raumes nach unten. Er ruft: »Soara, Liebes?! Warum ist die Küche abgesperrt?! Wo bist du?!«
Ich stehe auf und öffne langsam die Tür. »Guten Abend. Wie schön, dass du wieder da bist. Ich warte schon lange auf dich.« Der Mann schaut mich an und fragt: »Soara, wie siehst du aus? Was ...?« »Frage nicht. Trete ein. Ich werde dir alles erklären.«
Er schaut mich weiter mit erstauntem Blick an – aber bewegt sich keinen Schritt. Ich ergreife seine Hand, die zurückzuckt, als ich sie berühre – ziehe ihn sanft in den Raum, ins flimmernde Licht.
»Tu' es,« raunt Tepes. ... Die dünne Haut über der pulsierenden Ader durchbohre ich schnell. Es geht leichter als bei Tieren.
Dann sauge ich ... sauge ... sauge ...
Königshäuser stürzen. Burgen und Schlösser zerfallen. Generationen sterben.
Tepes sehe ich niemals wieder.
Die Autorin stellte ihre Geschichte vor im
Rahmen eines Leseabends
am 2. Dezember 1997 in Zweibrücken im
Kulturkeller in de Maxstraße.
Kurze Biobibliografie:
Geboren 1961 in Zweibrücken,
Gelernte Einzelhandelskauffrau, Studium von Literatur und Journalismus
an der Fernakademie Hamburg,
seit 1994 Mitglied der Zweibrücker
AutorInnengruppe, 1997 erste veröffentlichte Kurzgeschichte (»Laura«)
1995 bis 1998 freie Mitarbeiterin bei der »Rheinpfalz«, 1997/98 Redakteurin der »Neuen Literarischen Pfalz«
Schriftstellerin und Lektorin, Dozentin in der Erwachsenenbildung, Leitung von Schreibwerkstätten u. a. bei der VHS Zweibrücken
Mitglied der Südpfälzischen Kunstgilde Bad Bergzabern und im Literarischen Verein der Pfalz
Veröffentlichungen (Belletristik,
Auszug):
Anthologie »Der Tag ist
unbeschrieben«, Echo-Verlag Zweibrücken 1997
»Literatur-Kalender Rheinland-Pfalz
1999«, éditions trèves Trier 1998
»südpfälzische
kunstgilde ... künstlerinnen und künstler«, analecta-Verlag
Landau 1998
Anthologie »Fabrik«,
K.F.Geißler Verlag Edenkoben 1999
Roman »Ein leeres Gesicht«,
Echo-Verlag Zweibrücken 2001