Rumänien:
Vlad Tepes
soll nicht als Vorbild für Dracula ins Lehrbuch
Auch im Oktober 1999 gilt in Rumänien im Geschichtsunterricht noch
weitgehend unverändert der Lehrplan aus kommunistischen Zeiten. Immer
noch lernen die Kinder in erster Linie chronologisch die Heldentaten der
Staatsoberhäupter ihrer Heimat in mythenhaft verklärter Darstellung.
Von der Weltbank mitfinanziert, sollte im Herbst 1999 eine Unterrichtsreform
in Kraft treten. Mit neuen Büchern wollte das Unterrichtsministerium
endlich auch im Geschichtsunterricht eine Wende einleiten. Doch nun hat
sich ein scharfer Streit entzündet – ausgerechnet an der Figur des
als Vorbild für »Dracula« gehandelten
Walachenwoiwoden Vlad Tepes.
In einem der 5 neuen Geschichtsbücher, die, so das Unterrichtsministerium,
»die Wende zu einem ideologiefreien Geschichtsunterricht an den Schulen
einleiten« sollen, wird erwähnt, dass der »Pfähler«
in Film und Literatur
das Vorbild für Dracula abgab. Die Bildungsausschüsse der beiden
rumänischen Parlamentskammern forderten am 20. Oktober in turbulenten
Sitzungen, dieses Lehrbuch zu verbieten. Ein Parlamentsabgeordneter verlangte
sogar, das Buch zu verbrennen.
Auch in der Öffentlichkeit schlug der Streit hohe Wogen. Die Autoren
und der Verlag Sigma mit Sitz in Cluj Napoca (Klausenburg) – ausgerechnet
eine Stadt in Siebenbürgen, also Transsilvanien
- erhielten Morddrohungen u.a. von empörten Eltern und wurden
auf der Straße beschimpft. Ob schon thematisiert wurde, dass
die Siebenbürger ja schon zu Tepes' Zeiten diesem nicht gerade wohlgesonnen
waren, ist mir nicht bekannt; es böte sich aber als naheliegender
Vorwurf an. Konservative Akademiker werfen dem Buch auf jeden Fall prinzipiell
einen respektlosen Umgang mit der rumänischen Geschichte vor – wobei
man nicht vergessen darf, dass Rumänien als Zusammenschluß
verschiedener Fürstentümer erst seit 1918 existiert und Siebenbürgen
erst seit 1921 Bestandteil Rumäniens ist.
Unterrichtsminister Andrei Marga kündigte nach den Ausschusssitzungen
an, die Inhalte aller fünf neuen Geschichtsbücher würden
neu überprüft. Dass Tepes als das Vorbild für Dracula
aus dem Lehrplan verbannt wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Und die Erstauflage
von 10.000 Exemplaren des umstrittenen Buches des Sigma-Verlages
waren nach wenigen Tagen verkauft.